Freitag, 5. Mai 2017

Bauer-Power


M0310184 war eine RS41, die am Freitag Mittag in Sasel startete, um dann bei Steinkirchen im Alten Land zu niederzugehen. Ich hatte den Flug zunächst gar nicht verfolgt, aber dann sonderte mein Handy diesen Wetterson.de-Alarmton ab. Ich konnte auf der Bremer Seite die Landung verfolgen. Die erste Prediction, noch aus 5000m Höhe, war hoch erstaunlich, denn die Sonde bewegte sich unmittelbar danach um 180 Grad in die Gegenrichtung! In der eigentlichen Landephase machten die Vorhersagen einen besseren Eindruck. Das Alte Land ist das nördlichste zusammenhängende Obstanbaugebiet der Erde (zumindest hat das mal in der Schule mein Geographielehrer behauptet). Laut Bremer Prediction mitten auf dem Gelände des Obsthofes Cordes, und auf Google Maps waren die Obstbaumreihen eindrucksvoll auszumachen. Also ging es mit der Bahn nach Stade und von da aus mit dem Bus nach Steinkirchen. Von der Straße aus hatte ich zunächst gar keinen, dann einen schlechten und schließlich einen verwertbaren Empfang. Und den hätte ich nicht gebraucht, denn die Bremer Prediction und die Sonden-GPS-Positionen waren praktisch deckungsgleich.

Also guckte ich beim Obsthof Cordes über den Zaun. Eine Klingel hing am offenen Hofeingangstor. Offenbar war die Gegensprechanlage mit dem Handy des Inhabers verbunden, nach einigen Besetztzeichen meldete sich eine Stimme. Ich trug mein Anliegen vor. "Bleiben Sie, wo sie sind, ich komme gleich rüber". Nach einiger Zeit ertönte ein Motorgeräusch, von hinten näherte sich ein Auto. Am Steuer der Obstbauer himself, auf dem Rücksitz ein terrierartiger kleiner Hund. Nach kurzer Erklärung der Landeposition meinte er. "Steigen Sie ein, wir fahren da am besten gleich mal hin; woher wissen Sie eigentlich so genau, wo die Sonde liegt?".  Die Sonde lag  laut GPS gleich rechterhand neben einem Fahrweg, und nach wenigen Sekunden waren wir vor Ort. Wir sprangen aus dem Auto. Mir fiel die Schnur auf, an derem Ende die Sonde in Pflückhöhe am Baum hing.


 Der Landwirt entdeckte derweil auf der anderen Wegseite Fallschirm und den kleinen Ballonrest.  Die ganze Zeit wurde ich recht tiefschürfend nach meiner Motivation befragt. Er äußerte freundlich, aber deutlich gewisse Zweifel an meiner Aussage, dass ich das alles rein aus Spaß mache. Mehrfach musste ich versichern, dass es auch keinen Finderlohn gäbe. Mein Statement, er könne das Ding auch gerne behalten, wir hätten es ja jetzt gefunden und fotografiert, fand er, glaube ich, recht eigenartig. Er erzählte derweil, dass er schon mal vor Jahren auf seinem Gelände eine Sonde gefunden und dann an die Bundeswehr geschickt habe - nicht ohne sie zuvor komplett zu zerlegen. Mehr als das Paketporto gabs dafür natürlich nicht. Roter Fallschirm, und schon ziemlich voll Wasser gelaufen. Der Berschreibung nach eine SGPD. Keine Pappe, also wohl aus Bergen.  Meine Glaubwürdigkeit stieg endgültig raketenartig an, nachdem er sich die Sonde, während ich die Schnur zusammenraffte, genauer angeguckt hatte und den gelben DWD-Label studiert hatte.

Dann wollte er alles wissen: Vom Sinn der Sondierung, dem erfassten Parametern, Frequenzen, wie ich zu dem Hobby gekommen bin. Ich erzählte ihm auch von den Teleskopbeobachtungen. Und immer kamen sehr gute und durchdachte Rückfragen.

Irgendwann kamen wir aufs Berufliche, was sofort zu einer lebhaften und positivsten Diskussion über biologischen Anbau (den er betreibt), Fluch, Chancen und politische Rahmenbedingungen der Gentechnik, Pflanzenhormone (Ethylen, Auxin) usw. usw. führte. Nebenher konnte ich die Schnur zusammenraffen, während er sich verabschiedete und seinen weiteren Verpflichtungen nachging.

Ich ging frohgemut zur Bushaltestelle, setzte mich in das Bushäuschen und begann, diesen Bericht zu schreiben. Da hielt ein Auto - es war der Obstbauer. "Wir fahren jetzt nach Horneburg, kommen Sie doch einfach mit!" Das war ein tolles Angebot, denn von Horneburg aus fährt die S-Bahn direkt nach Hause! Auf dem Weg weitere angeregte Diskussionen, über  moderne biologische Forschung, Humanbiologie und Pflanzenbiologie im Vergleich. Und dann entwarf er aus dem Bauch heraus die Frage, ob man nicht sowas wie molecular modelling biochemischer Prozesse machen könne. Den Begriff kannte er nicht, umschrieb es aber in kurzen, markanten Sätzen. Dass das gerade ziemlich angesagt ist, wusste er nicht, aber ob man sowas nicht machen könne, hatte er sich immer schon gefragt. Am Bahnhof verabschiedete ich mich von einem netten und extrem vielseitig interessierten und auffassungsstarken Obstbauern.

Dass unser Gespräch nebenher noch Aspekte der Antennentechnik, DVBT-Stick-Empfang und GPS-Navigation streifte, bedarf keiner Erwähnung. Das alles innerhalb weniger Minuten.





Weitere Besonderheit dieser Sondenbergung: Ich kannte bisher noch nie eine derart perfekte Übereinstimmung von Bremer Prediction und Realität. Handy-GPS und Prediction wichen nur um 4m voneinander ab, Handy-GPS und Sonden-GPS um 7m. Neuer Bremer Rekord, würde ich vermuten. Bei den ersten Vorhersagen im Landeanflug hätte ich darauf keinen Pfifferling gewettet. 

Und im Übrigen bin ich dafür, dass man dringend Ballonsuchhunde ausbilden sollte...Dieser charakteristische Latex-Müffelduft  - das muss einfach gehen.







Kommentare:

  1. Entgegen der landläufigen Auffassung muss ein moderner Bauer,der noch ein paar Jahre mithalten will, Maschineningenieur, Biologe , Rechtsanwalt, Steuerfachmann, BWLer und so weiter sein.

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  2. Japp, aber auch wenn man das in Rechnung stellt (die meisten Bauern haben heute Landwirtschaft, mitunter auch zusätzlich andere hilfreiche Dinge studiert), war dies ein ausgesprochen heller Geist.

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