Sonntag, 17. September 2017

Bergen mit Timerkill

Harry aus dem Radiosondenforum machte neulich auf einen Sachverhalt aufmerksam, der ihm  auffiel und im Endergebnis total nervig ist: Er sah auf dem Sondemonitor so etwas in der Frame-Zeile einer Bergener Sonde:


Das Bild stammte von mir, denn leider musste ich feststellen, dass dieser §$*! auch für die Sonden des 16. und 17.9.2017 galt: Man beachte die 3. Zeile. Da steht: "Frame 9319 of 12000". Das bedeutet, dass die Sendeleistung der Sonde nach 12000 Frames (12000 Sekunden=200 Minuten) radikal heruntergeregelt wird. Die Zählung soll angeblich erst durch den Luftdruckabfall beim Start ausgelöst werden. Aber dennoch: Man hat dann nur noch wenige Minuten nach der Landung, um die Sonde sendend anzutreffen. Ich hatte dieses Wochenende Sonden, die bei Frame 11000 niedergingen. Irgendwann wurde mir klar, warum neulich eine Sonde sowohl auf der Bergener Seite als auch bei mir auf dem Balkon nur bis 2800m Höhe verfolgt werden konnte: Tatsächlich: Mein letzter erfasster Frame war 12130.

Als Steuerzahler und Inhaber eines staatlich geprüften Gewissens finde ich den Verteidigungshaushalt natürlich viel zu hoch, aber wenigstens stimmte mich in letzter Zeit die exzellente Versorgung mit allerlei nettem Luftspielzeug durch die Bundeswehr einigermaßen milde. Und deren Fallschirme gefallen mir auch viel besser als die weißen zivilen, die immer versagen. Das mit dem Timerkill ist aber eine Kriegserklärung  gegen die eigene sondensuchende Zivilbevölkerung . Da hilft nur die edle Kunst der Prediction, am besten auf Basis des eigenen Empfangs. Dann kommt man nah genug an die Sonde ran, um die Sonde auch so einzusammeln oder vielleicht doch noch was zu empfangen. Denn die Sonde wird nicht abgeschaltet, sondern es wird nur die Sendeleistung heruntergeregelt.

Das hab ich heute mal erprobt. Die Bergener 6Z-Sonde M1744160 hatte ich mit 5-Element-Yagi vom Balkon bis in eine Höhe von 175m. Zieht man die Terrainhöhe und Geoidhöhe ab, ist man bei 75m, das ist etwas mehr als Baumwipfelhöhe. Denn leider war es wieder mal eine Waldlandung. Dennoch: Wenn man bei der zu erwartenden Genauigkeit den Wald um die Landestelle herum gründlich auf den Kopf stellt, war man auch im Worst Case nicht chancenlos. Also Fahrrad geschultert. S-Bahn und Regionalzug brachten mich nach Winsen/Luhe, und dort begann die Strampelei nach Garstedt. Südlich dieses Dorfes war ein ein Friedhof, und gleich südlich davon der Wald mit der Zeitbombe. Natürlich kam der "Retter der Sonde" erst lange nach Frame 12000 angehechelt.

Antenne raus, nix. Obwohl nur 80-100m Entfernung von der erwarteten Position. Aber was ist das: Eine schwache Spur sieht man DOCH auf dem Wasserfall. Und die Spur mutierte zu einem echten Sondensignal, als ich auf die Richtung zuhielt. Wie toll man doch so eine Sonde PEILEN kann, wenn sie nur ganz wenig Krach macht. Es ist eine Freude. Nahfeldprobleme? Was ist das? Nach wenigen Minuten hätte ich mit der 3-Element-Yagi die Sonde aufspießen können. Aber wo ist das Signal jetzt? Ja, jetzt kommt es senkrecht von oben. Offenbar hing M1744160 über mir im Baum. Im Nachbarbaum sah dann das hier:




Die Schnur glänzte in der Sonne, verlief über einen weiteren Baum und endete sehr hoch im Nachbarbaum. Ein Blick durchs Fernglas zeigte M1744160 auf einem Ast aufliegend - in ca. 20 Metern Höhe. Mit der GFK-Stange habe ich mir dann den Schirm geangelt und daran herumgezogen. Die Sonde auf der anderen Seite hob ab und baumelte nun in luftiger Höhe, aber viel zu hoch.



Beide Enden der Schnur waren gespannt. Wenn man die Fallschirm nach oben hob, senkte sich die Sonde träge, aber sehr träge. Das ganze war mit etwas Phantasie einigermaßen reversibel. Aber war das Gewicht von Ballonrest und Schirm wirklich das einzige, was die Sonden am Herunterfallen hinderte? Ich habe schon mehrfach erlebt, das in vergleichbarer Lage die Schnur nach dem Abschneiden ein paar Meter hochschnellte, aber auf der anderen Seite das Objekt der Begierde  (meist waren es Schirme)  nicht herunterkam. Am Ende hatte man weder die Schnur noch das Objekt in Reichweite.

Um das zu testen, habe ich den Abwickler an der Standenspitze befestigt und die Stange hochgefahren.  M1744160 kam runter, wenn auch etwas träge. Wenn man die Stange wieder hochzog, verschwand die Sonde wieder nach oben. Ich habe mich dann entschlossen, die Schnur zu kappen.

Und die Sonde fiel vom Baum!


i= Prediction, Spitze des Sternsymbols: Fundstelle.




Mit dem Fahrrad ging es zurück nach Winsen. Dort lief gerade der Zug nach Lüneburg ein. Ich rein! Die Idee war, 2 Stationen nach Bardowik zu fahren. Unterwegs entschloss ich mich spontan, schon in Radbruch (optimale Station für Radfahrer)  auszusteigen. Auf ging es nach Barum (Darum!). Denn da war gestern die 18Z-Sonde M1743173 (das ist die auf dem ersten Sondemonitor-Timerkill-Screenshot). Auch hier hatte ich einen schönen Empfang bis in 158m über Grund gehabt und daher eine vemutlich gute habhub-Prediction. In diesem Fall lag die Landestelle sehr nah auf einer Wiese vor einem Deich am Mühlenbach des Ortsteils Horburg.

Die Wiese war nicht allzu hoch bewachsen, und vom Deich hatte man einen erhöhten Standort. Erst einmal wurde meine Aufmerksamkeit aber durch ein Paar Seeadler abgelenkt, die in der Thermik kreisten und von oben von einem Kolkraben attackiert wurden (das zweite Mal in wenigen Tagen, dass ich diesen Vogel während einer Sondenjagd gesehen habe). Den Schirm hatte ich recht bald mit dem Fernglas aus 160m Entfernung indentifiziert. Sehr zu meinem Erstaunen - und zu meinem Glück - handelte es sich diesmal um den großen Bundeswehr-Schirm.

i=Prediction, Kreis=Fundstelle



Die Schnur war nur zu einem Teil abgerollt. Auch fehlte der bundeswehrtypische Begleitbrief.



Bergen fliegt seit einiger Zeit normalerweise nur kleine Schirme bei den 6Z und 18Z-Aufstiegen.

Eigentlich wollte ich nun die Landung der Bergener 12Z-Sonde verfolgen und ggf. auch gleich mitnehmen. Leider wurde ich von einem Gewitterschauer der heftigsten Sorte überrascht (Hagel, Wolkenbruch, Blitze in nächster Nähe), und danach zeigte die Bremer Seite die Sonde einige Kilometer südlich von Stelle. Zurück in Radbruch waren die Klamotten einigermaßen trocken, aber es gab eine längere Wartezeit. Der Zug fuhr über Stelle. Beinahe hätte ich den 50km noch weitere 14 hinzugefügt. Aber der innere Schweinehund siegte dann doch. Der wurde zusätzlich motiviert durch eine schwarze Wolkenwand mit zuckenden Blitzen in der fraglichen Richtung. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Nicht weit weg hängt noch eine weitere Sonde am Baum, vielleicht kann man die jetzt am Boden aufsammeln.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass Timerkill der RS92 zwar nervig ist, aber das Aufsammeln der Sonden bei Vorhandensein einer guten Prediction nicht wirklich behindert. Entweder findet man die Sonde dann auch so, wie im zweiten Fall. Oder man muss eben mindestens 100m an die Sonde rankommen und darf nicht einfach wie sonst eine Antenne in die Luft und sagen "da sendet ja nix mehr, da wird die Bakterie wohl leer sein". Wenn man dann ein Signal hat, ist Peilen dann ein sehr gutes Verfahren, weil die Signalstärke so gering ist, dass man auch im Nahbereich ohne Tricks einfach auf die Sonde zulaufen kann.


Übersicht über alle Radiosondenfunde hier

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