Samstag, 25. September 2021

Das Drama um die roten Totex-Schirme

Sondentyp: RS41-SGP
SN:
T3451274
Frequenz:
403.97 MHz

Timerkill:
keiner

Startstation:
Krummendeich (WMOID:-)
Flugdatum: 17.9.2021 09:30Z
Track
openwx und wettersonde.net

Maximale Höhe:
27527m

Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit
: 4.73 m/s

Landegeschwindigkeit:
3.7 m/s

Landestelle: Bröckel  bei Celle,
LAT, LON: 
52.5066548,10.216025 Google Maps
Status:
Geborgen am 24.9.2021, 14:41UT

Methode:
Extrapolation aus Openwx-Daten

Am Abend des 15.9. startete eine Radiosonde von einem ungewöhnlichen Platz in der Marsch bei Krummendeich. Dieses kleine Dorf liegt bei Freiburg/Elbe in Niedersachsen. Bei Radiosondy wurde die Sonde unter „Itzehoe“ abgebucht. „Itzehoe“ meint bei Radiosondy den Luftwaffenstützpunkt „Hungriger Wolf“ bei Hohenaspe in Schleswig-Holstein, der auch nicht dicht bei Itzehoe liegt. Der exotische Startplatz bei Krummendeich liegt über 20km von Itzehoe und 30km von „Hungriger Wolf“ entfernt. Dazwischen liegt die 3km breite Elbe.
Wenn man den Startplatz rekonstruierte, sah man auf Google Maps nur Marschwiesen – nicht einmal irgendwelche Verkehrsinfrastruktur. Die Sonde landete mitten in Eutin, wo Eckhart alias Sputnik sie unerreichbar auf einem Hausdach lokalisieren konnte. An den Schirm kam er heran. Und das war ein wunderschöner überdimensionierter roter Totex-Schirm, den ich bisher von Wiener M10s oder Uccle-Ozonkisten her kannte. In der Szene wurde alles von „Privatstart“ bis „Militär“ diskutiert. Tante Google ergab dann aber eine Lösung:


Vom 13. September bis 23. September 2021 wird eine Kampagne zur Vermessung der Atmosphäre stattfinden. In diesem Zeitraum kommen Wetterballons, eine kleine Drohne und Mikrofone am Forschungspark Windenergie Krummendeich zum Einsatz. (…). Mit dem Quadrocopter werden Temperatur, Luft und Wind vermessen. Die Drohne wird gleichzeitig zu den Wetterballons gestartet und landet nach etwa 15 Minuten wieder am Startort (…)

Die Mikrofone werden genutzt, um Hintergrundgeräusche zu bestimmen. Vor der Errichtung der Windenergieanlagen helfen sie, alle typischen Geräuschen (z.B. Straßenlärm, Flugzeuge, Traktoren, Tiere, Wind) zu charakterisieren und später die zusätzlichen Geräusche durch die Windenergieanlagen zu identifizieren“. Verantwortlich zeichnete der DLR, Forschungspark Windenergie (WiValdi) am Standort in Krummendeich.

Insgesamt wurden vom 15.-22.9. 14 RS41-Sonden gestartet, sehr zur Freude der norddeutschen Sondenjäger. Meine eigene Jagd nach diesen Sonden war anfänglich ziemlich erfolglos. Ich konnte aus beruflichen Gründen höchstens zum Restekehren ausrücken.

Bei Sottrum war T3451330 in einem Gewirr von Überlandleitungen heruntergekommen. Ein Check vor Ort zeigte, dass die Anordnung der Leitungen in Open Streetmap nicht mehr aktuell war. Das war gut, weil die Sonde daher nicht direkt in den Leitungen hing. Die Landestelle lag allerdings in einem undurchdringlichen Maisfeld. Ich bin einige Treckerspuren abgelaufen und hätte von Rechtswegen die Schnur mehrfach kreuzen müssen. Es ist so wie immer im Mais: Die Chancen sind sehr vermindert. Dennoch war die Aktion sehr nett, denn ich erhielt, als ich gerade aufgeben wollte, einen Anruf von Lauritz. Der ist ein Teilnehmer unserer Whatsappgruppe. „Hier ist so ein Faltrad an einem Baum am Feldweg angekettet, das ist doch sicher Deins?“. So kam es zu einem netten Schwätzchen unter Sondenjägern, eine schöne Entschädigung für die erfolglose Suche. Lauritz kannte ich bisher „live“ noch nicht, hatte ihn aber schon mal predictionbasiert über Whatsapp direkt in die Landeregion einer Ozonsonde gelotst, wo er Minuten nach der Landung zuschlagen konnte. Er hat übrigens in den Folgetagen das Maisfeld mit einer Drohne abgeflogen und konnte auch nichts erkennen.

Dass man so wenig direkt unternehmen konnte, war ärgerlich, denn die Öffis sagen ihren Stammkunden gerade massiv „danke“ für die Treue während der Pandemie. Man muss sich nur einen Gratis-Extrafahrschein ausdrucken, und schon darf man als Besitzer einer Abokarte bundesweit alle Nahverkehrszüge und die meisten Verkehrsverbunde für eine begrenzte Zeit benutzen. Doof bloß, dass es bereits relativ früh dunkel wird und man in der Woche gerade wenig Zeit hat – und auch keinen Urlaub. So blieb es mit einer Ausnahme bei Fahrten im Hamburger Umland. Am Wochenende bietet mir die Abokarte ja ohnehin freie Fahrt in dem bereits recht großen HVV-Gesamtbereich, aber mit dieser Aktion konnte man zuschlagfrei auch in der Woche losfahren. Und da die Sonden weit weg von Hamburg landeten, traf sich das gut.

Eine solche Aktion führte in das bekannte Heidedorf Wilsede. Mir gelang es, die Sonde im Wald zu lokalisieren, sie hängt 13-14m hoch im Baum. Hier muss ich noch mal mit einer 15m-Stange hin. Den Fallschirm konnte ich bisher nicht entdecken.

Nach diesen bisher eher ernüchternden Erfahrungen mit den Krummendeichsonden frage ich mich langsam, ob man irgendwo noch so einen schönen Totexschirm einsammeln kann. Die meisten Sonden sind bereits eingesackt oder haben eine extrem hohe Endhöhe und demzufolge eine hoffnungslose Prediction. So enden zum Beispiel die Radiosondy-Daten für die noch nicht als geborgen gemeldete Sonde T3451274 in 950m Höhe. Im Raum Hannover ist OpenRX immer eine gute Quelle. Und tatsächlich, da sind Daten dort in 167m Höhe. Eine Extrapolation unter Berücksichtung von Geländehöhe und Geoidhöhe ist schnell erstellt. Die Landestelle liegt wenige Meter östlich eines Feldweges. Wer nicht beizeiten mit eigenem Empfang auf Jagd ging oder OpenWX nicht auf dem Radar hat, kann die Sonde auch nicht finden.

Am Freitag komm ich ungeplant früh los, muss aber spät abends noch einmal ins Labor. Dieser unerwartete Zeitslot reicht für einen Tripp nach Celle und 40km Fahrradfahrt zur berechneten Einschlagstelle und zurück. Am Freitagnachmittag ist der Fahrradwagen rappelvoll mit Rädern. Gut, dass ich da mit dem Faltrad aus dem Trubel raus bin. Auf dem Bahnhof Celle fallen sofort zwei Sachen auf: Man einen prima Blick auf den Knast – bekannt aus der Affäre um das „Celler Loch“. Das nächste, was man bemerkt, sind die Hannoveraner S-Bahnen auf den Bahnsteigen. Das Rad wird ausgeklappt, und auf sehr schönen Radwegen geht es aus der Stadt heraus. Die Route nach Bröckel geht dann aber leider eine viel befahrene Hauptverkehrsstraße entlang, aber überwiegend auf sehr schönen Radwegen. 


 

Schnell stehe ich an besagtem Feldweg. 


 

Die Landestelle liegt auf einem Rübenacker. Direkt ist im Fernglas nichts zu sehen. In den Knickbäumen hängt glücklicherweise nichts. Also stake ich im Slalom vorsichtig um die Rübenpflanzen herum. Die Schnur sollte die Treckerspuren kreuzen und dann auffallen. Bis zur Prediction ist nichts zu sehen. Ich verfolge die Flugrichtung weiter, und da liegt tatsächlich die Schnur quer zur Treckerspur! 

 

Ich verfolge die Schnur wie gewohnt schirmseits. Die Schnur endet am Ende des mit Rüben bepflanzten Streifens. Hier beginnt ein freies Feld. Und die Schnur ist abgeschnitten. Jemand hat den großen roten Schirm gefunden, abgeschnitten und mitgenommen. 

 


 

Am anderen Ende der Schnur findet sich die Sonde mit dem schon aus Foren bekannten Aufkleber. Außer dem DLR zeichnet ein „Institut für Physik der Atmosphäre“ verantwortlich. 

 



 




Auf geht es die 20km zurück nach Celle und von da aus mit dem Metronom nach Hamburg.

 

 


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