Dienstag, 29. Dezember 2020

Auf der alten Transitstrecke...

Sondentyp: RS41-SGP
SN: R3320144
Frequenz: 405.7 MHz
Startstation: Bergen (WMOID:10238)
Flugdatum: 29.12.2020 6Z
Timerkill: 5:00h
Track  Radiosondy
Landestelle Horst, LAT LON: 53.376545,10.6525754  Google Maps
Status: geborgen am 29.12.2020, 15:00 UT
Methode: Tawhiri-Prediction auf Basis von Radiosondy.Info-Daten

Heute morgen landet die Bergener Morgensonde im Wald östlich von Horst bei Lauenburg. Ich habe etwas Zeit, also beschließe ich, mir das mal anzusehen. Auf dem Weg schwirrt mir der Name durch den Kopf. Horst? Den kenn ich, der ist kein Vollhorst! Irgendwo hast Du das schon mal gehört. Dann fällt es mir siedend heiß ein:



Genau: Bis 1981 gab es ja zwischen Hamburg und Berlin keine Autobahn. Die Transitstrecke durch die DDR war damals die B5, die über die Dörfer führte. Man musste aufpassen, dass man nicht falsch abbog, denn das galt als "Verletzung des Transitabkommens" und konnte Ärger bereiten. Tempolimit 100 und Radarfallen alle paar Kilometer. Und man bekam immer diese Stempel in den Pass, bei der Einreise und bei der Ausreise. Wehe dem, der eine Wochenendbeziehung in Berlin pflegte: Der Pass war schnell voll. Der Grenzübergang war Lauenburg-Horst.

Noch eine andere Besonderheit gab es: Die B5 war die einzige Transitstrecke, die man mit dem Rad befahren durfte. Allerdings erforderte die Tour nach Berlin eine extrem gute Kondition: Die 220km mussten nämlich bei Tageslicht zurückgelegt werden. Das ging nur um die Sommersonnenwende. Als die Autobahn nach Berlin fertiggestellt war, war es damit vorbei.

Den abgelaufenen Pass von damals habe ich jetzt zuhause vergessen, ob das Stress gibt? Egal, am Bahnhof von Lauenburg geht es zur B5 und dann auf dem neuen guten Radweg. Von der Grenze ist wenig zu erkennen, und dann passiere ich auch schon Horst. Die alte Grenztruppenkaserne ist jetzt ein Flüchtlingsheim - eigenartiger Humor der Bürokraten. Schon bin ich am Ziel, also rüber über die Straße und rein in den Wald. Der nur in Google Maps eingezeichnete Weg ist  ein Lochplattenweg, so wie die Kolonnenwege an der alten Grenze. Die berüchtigten Löcher sind glücklicherweise mit Erde zusedimentiert - weder das Brompton noch der Fahrer eignen sich für die Grenzstein-Trophy. Direkt an der Prediction geht ein Weg rechts ab. Ich kette das Rad am Baum an und sehe mich um. Nichts erkennbar. Ich durchsuche den Wald. Nichts. Links vom Kolonnenweg ist der Nadelwald sehr dicht. Da kann sich ein Gespann unrettbar verhaken, aber  auch dort ist nichts erkennbar. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sie so weit westlich ist. Das Gelände weist kleine Hügel auf, einer steht ziemlich genau auf der verlängerten Flugrichtung. Hier hat man einen guten Überblick, nichts. 

Ganz so unübersichtlich ist das hier doch gar nicht! Vielleicht ist die Sonde weiter geflogen als gedacht?  Immerhin hatte sie einen guten Fallschirm. Also gehe ich den Kolonnenweg weiter. Rechts geht ein Weg an einer Lichtung entlang, auf eine andere Lichtung zu, die ich vorhin schon inspiziert hatte. Rechts geht ein Pfad ab, der sehr genau die Flugrichtung verfolgt. Den werde ich auf dem Rückweg benutzen. Muss ich aber nicht. Denn genau am Beginn des Pfades hängen Fallschirm und Ballonrest unübersehbar vom Baum.


 

Nun muss ich aber rasch die Sonde lokalisieren, denn es wird langsam dunkel. Ich arbeite mich Meter für Meter den Pirschpfad entlang und inspiziere mit dem Fernglas die Wipfel. Viel sieht man wegen der schwachen Beleuchtung nicht, aber ich kann die Schnur immer wieder ein Stück weiter verfolgen. Endlich entdecke ich die Sonde hoch oben, 140m von der Prediction entfernt. 



Ein Test mit der 10m-Stange bestätigt meine Befürchtungen. Die Sonde hängt ca. 12m hoch. Also muss man das Problem von der Fallschirmseite her aufrollen.

Das erweist sich als machbar. Da ist einer dieser kleinen Hügel praktischerweise direkt unter dem Schirm positioniert. Viel Widerstand bietet die Schnur nicht. Das deutet darauf hin, dass die Schnur glatt durchgeht und nicht groß verhakt ist. Der Schirm wird gekappt - und tatsächlich fällt am anderen Ende die Sonde vom Baum.


 


Auf meiner Kaltsondenliste gibt es einen Eintrag 2km weiter östlich direkt an der B5, aber der Sondenflug ist schon lange her und die Prediction ist unsicher. Das Tageslicht ist schon fast weg. Rasch alles einpacken, und zurück geht es nach Lauenburg. Also geht es wieder auf der B5 westwärts. Zeit kann ich mir lassen, denn der nächste sinnvolle Zug fährt lange noch nicht.

Zurück geht es über Büchen. In Bergedorf steigen ungewöhnlich viele Leute ein. Ein Blick auf die Telegram-HVV-Liste verrät den Grund: Stellwerksausfall am Hauptbahnhof, totales S-Bahn-Chaos. Ich überlege mir kreative Ausweichrouten mit U-Bahn und Faltrad und bin am Hauptbahnhof angenehm überrascht. Eine gähnend leere S-Bahn steht bereit, fährt gleich los und bringt mich problemlos nach Hause. Nur an den Displays merkt man, dass hier etwas nicht stimmt.

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Samstag, 26. Dezember 2020

Schon wieder nach Uelzen

Sondentyp: RS41-SGP  
SN:   R2830591
Frequenz: 402.5 MHz 
Startstation: Schleswig (WMOID:10035)  
Flugdatum: 26.12.2020 0Z
Timerkill: Keiner
Track  radiosondy
Landestelle:  Klein-Liedern bei Uelzen,  LAT LON: 52.964078,10.610846 Google maps 
Status: geborgen am 26.12.2020, 10:39 UT 
Methode: Tawhiri-Prediction nach Daten von radiosondy.info

Heute morgen entdecke ich, dass die Schleswiger Nachtsonde nur 22km Höhe erreicht hat und dann mit gutem Fallschirm bei Uelzen gelandet ist. Mit den letzten Daten aus Radisondy mache ich eine Tawhiri-Prediction und staune nicht schlecht: Die Sonde liegt an meinem gestrigen Weg, auf halber Strecke. Soll ich noch einmal? Eigentlich habe ich noch was anderes vor, aber das kann ich auch auf dem Rückweg erledigen.

Also alles wie gestern wiederholen. In die S-Bahn, in den Zug nach Uelzen. Dort vom Hundertwasser-Bahnhof auf dem bekannten Weg aus dem Städtchen raus. Über den Elbe-Seitenkanal nach Groß-Liedern. Jetzt aber gleich links abbiegen. Ein betonierter Weg verläuft nordwärts. Dann muss ich auf einen schlechten Feldweg abbiegen. Anders als gestern ist der weiße Schirm sofort weit sichtbar und der Ballonrest vorhanden. Eine einfache Drive-In-Bergung.  Die guten Sachen liegen auf einem Ölrettich-Zwischensaatfeld, nur ein paar Meter vom Weg.




Als ich die Sachen einsammel, bemerke ich in der Ferne zwei Leute, die sich auf dem anderen Weg der Landestelle nähern. Sondenjäger? Als sie ankommen, ist es aber nur ein lokales Ehepaar auf dem Weihnachtsspaziergang. Sie ist interessiert, will eigentlich genauer wissen, was da los ist. Er ist eher misstrauisch-abweisend. Er setzt sich durch. So muss ich keinen Erklärbär geben. 

Die Landestelle ist deutlich näher an Uelzen als die gestrige. Bis zur Abfahrt des Zugs ist massenhaft Zeit, so dass ich sehr gemütlich zurückradeln kann. Das Wetter ist heute wolkig, aber trocken und wenig windig.


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Freitag, 25. Dezember 2020

Santa Claus aus dem Rucksack gefallen

Sondentyp: RS41-SGP
SN:
S0630715
Frequenz: 404.1 MHz
Timerkill: keiner
Startstation: Norderney (WMOID:10113)
Flugdatum: 24.12.2020 12:00Z

Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit: 4.62 m/s
Maximale Höhe: 33362m
Durchschnittliche Fallgeschwindigkeit: 31.17 m/s
Landegeschwindigkeit 15.5m/s
Track
radiosondy.info
Landestelle: Rätzlingen bei Uelzen, LAT, LON:
52.96631,10.68142, Google Maps
Status: geborgen am 25.12.2020 um 09:09 UT
Methode:Tawhiri-Prediction nach Radiosondy-Daten

Letztes Jahr hatte ich die Heiligabend-Mittags-Sonde aus Norderney drei Tage nach dem Event kalt eingesammelt. "Sowas wird wohl dieses Jahr kaum möglich sein", meinte ich im Whatsapp-Forum. Denn die Zahl der Sondenjäger in unserer Region hat stark zugenommen, und deren Aktivität und ihre Kommunikationsfreudigkeit ist beachtlich. Die Nachtsonde S0641739 vom 24.12. wurde kurz nach der Landung bei Elmshorn von Andreas eingesammelt. Hier bleibt eben nichts lange liegen, und wir freuen uns dann gemeinsam über die schönen Funde.

Von der Norderney-Mittagssonde vom 24.12. habe ich nur am Rande mitbekommen, dass sie mit einer sehr hohen Geschwindigkeit von 15m/s östlich von Uelzen  heruntergekommen ist. Ziemlich weit weg. Aber am Morgen des 25.12. ist das Wetter kühl, aber traumhaft. Genau richtig für eine Radtour. Offenbar hat noch keiner das Ding als gefunden gemeldet. Da ein Weg direkt an der Position vorbeiführt, sollte man aber auch nicht lange warten. An Feiertagen gilt meine Karte HVV-weit, und das will genutzt werden. Also los. In leeren Bahnen geht es also zum Hundertwasser-Bahnhof Uelzen. Ich fädele mich mit dem Rad aus der Stadt heraus. Im herrlichen Morgenlicht geht es über Groß-Liedern und Hanstedt zu der Abzweigung des Weges, der direkt zur Vorhersageposition führt. Hier muss ich schieben, denn es ist übles Kopfsteinpflaster, und links und rechts tiefer Sand - nix für 16"-Räder. Aber ich bin auch schon da. Die Landestelle liegt auf einem Wintergetreide-Acker. Da liegt nichts. Fallschirme oder Balloreste im Norderney-Stil müssten hier unbedingt auffallen. Der Acker ist abschüssig, ich erklimme einen kleinen Hügel am Waldrand. Hier ist die Übersicht über das Gelände noch viel besser - was aber auch nicht hilft. War da jemand schneller?  Ich vergegenwärtige mir auf Radiosondy noch mal die letzte Position über dem Waldrand und die Flugrichtung den Hang herunter. Auf Radiosondy ist aber nichts eingetragen.

Die letzte Hoffnung: Die Sonde ist am Hang etwas weiter geflogen als vorhergesagt, und das Gelände direkt am Weg und auf der anderen Seite ist nicht einsehbar. Also gehe ich Richtung Prediction und von dort aus in Flugrichtung. Nach ein paar Schritten erstreckt sich die Schnur direkt vor mir, und an derem Ende liegt die Sonde in einer Ackerfurche. 20m von der Prediction! Die Unauffälligkeit dieses Settings macht mich perplex.




Die Schnur ist aufgewunden und daher nur 20 Meter lang. Am anderen Ende erkennt man etwas Latexrest und einen kleinen weißen Gegenstand. Hat ein Spaziergänger den Rest mitgenommen?

 


 Genauere Inspektion des weißen Etwas löst das Rätsel: Es ist das, was von einem Abroller übrig geblieben ist.


Jetzt wird natürlich klar, warum die Sonde so rasant abwärts stürzte und warum hier nicht der normale Beifang herumliegt. Das ist jetzt der dritte extrem kaputte Abroller aus Norderney dieses Jahr. Die beiden anderen Male hingen Fallschirm und Ballonrest irgendwie noch dran, wobei ich mich damals fragte, wie das möglich war. Die Weihnachtssonde ist bis in in 33000m gestiegen und dann schlagartig abgestürzt. Andreas arbeitet  über Whatsapp schon an einer plausiblen Erklärung: "Die ist Santa Claus wohl aus dem Rucksack gefallen".

Für den Rückweg nach Uelzen nehme ich die andere Variante über Rätzlingen. Plötzlich ein kranichartiger Klang direkt über mir, gefolgt von einem sonoren "krlonck!!" direkt über mir. Was ist da los: Auf dem Baum sitzt ein Kolkrabe und macht komische Geräusche. Der hat offenbar auch seinen Spaß.

Und so ist es mit der traditionellen Weihnachtssonde aus Norderney auch 2020 wieder was geworden.

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Sonntag, 13. Dezember 2020

Bewegung an frischer Luft als Kaltsondenjagd tarnen

Sondenfreunde aus Baden Württemberg haben es derzeit nicht leicht. Nächtliche Ausgangssperren, und tagsüber werden Kaltsondenjagden als  Bewegung an frischer Luft getarnt. Hier im Norden ist das alles noch nicht so restriktiv, obwohl man bei meiner Öffi-Faltradmethode sehr genau überlegen muss, wann und wo man sich in die Verkehrsmittel traut. Sehr gut ist in der letzten Zeit die Maskendisziplin. Heute morgen habe ich daher spontan beschlossen, mich an frischer Luft zu bewegen und das als Kaltsondenjagd zu tarnen. Das Kehdinger Land ist hierfür ganz geeignet, weil es für viele Leute, inklusive meiner Person, einfach zu weit weg ist. Auf plattem Marschland ist das Fahrradfahren ein Genuss - nicht umsonst ist Holland eine Fahrrad-Nation.

Am Wochenende gilt meine Abo-Karte im gesamten HVV-Bereich, und man hat etwas Zeit für eine weitere Anreise. Auch sind die Regionalzüge leer - sehr angenehm. Am Vortag war die Norderney-Sonde bei Hemmoor gelandet - das Hauptziel. Und zwei weitere Kaltsonden liegen in der Gegend; allerdings würden die eine längere Radtour benötigen. Und außerdem sind sie schon ein wenig länger am Boden. Wer weiß, ob sie noch da sind.  Die Gegend liegt aber sehr nah an den Empfangsanlagen von Kurt. Für ihn und die Uetersener Sondenfreunde ist es rein luftlinientechnisch ein Katzensprung, aber dazwischen liegt die Elbe. Und die Anfahrt durch den Elbtunnel oder die Elbfähre bei Glückstadt und anschließend über Landstraßen ist weit und nervig. So kommt es, dass hier mitunter Kaltsonden mit sehr genauer Prediction in der Natur herumoxidieren... 

Sondentyp: RS41-SGP
SN:
S0610840
Frequenz: 404.1 MHz
Timerkill: keiner
Startstation: Norderney (WMOID:10113)
Flugdatum: 11.12.2020 12:00Z

Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit: 4.65 m/s
Maximale Geschwindigkeit: 181 km/h bei 30106 m
Durchschnittliche Geschwindigkeit: 60.17 km/h
Maximale Höhe: 32924 m
Durchschnittliche Fallgeschwindigkeit: 7.82 m/s
Landegeschwindigkeit: 3.8m/s
Track
radiosondy.info
Landestelle: Hemmoor, LAT, LON: 53.7111611,9.158272, Google Maps
Status: geborgen am 12.12.2020 um 10:01 UT
Methode:Tawhiri-Prediction nach Radiosondy-Daten


Also geht es am frühen Morgen mit dem Regionalzug nach Hemmoor. Es sind nur wenige Grad über dem Gefrierpunkt bei etwas Sprühregen - kein allzu motivierendes Wetter für eine Radtour. Aber zur ersten Sonde sind es nur etwa 4-5km. Sie ist gestern fast in den Fluss Oste gefallen und muss jetzt auf oder an dem Deich liegen.

Die Wege sind auf Open Streetmap nicht verzeichnet. Vom Weg aus sieht man sofort den Fallschirm. Die Sonde ist  ca. 70-90m weiter geflogen als gedacht. Die Marschwiese ist einfacher zugänglich als befürchtet, da sich in dem tiefen Graben kaum Wasser befindet. Erstaunlicherweise ist die Schnur in der Mitte zerrissen, aber komplett vorhanden.





Nach der Bergung geht es zurück Richtung Hemmoor. Der kalte Sprühregen wird immer stärker. Da die angedachte Tour zu den weiteren Kaltsonden recht weit ist, bin ich fast schon soweit, wieder nach Hause zu fahren. Aber dann bemerke ich, dass ich den nächsten Zug heimwärts knapp verpassen würde. Eine Stunde auf dem kalten Bahnsteig rumsitzen hat auch keinen Reiz. Auch lässt der Sprühregen jetzt deutlich nach. Also zieh ich mir ein paar wärmere Klamotten an, und los geht es. Meine Motivation steigt deutlich  an, und irgendwann geht es richtig gut voran. 

Überall sitzen Bussarde auf den Alleebäumen. Überall fliegen Wachholderdrosseln herum. An einer Stelle passiert die Straße ein Torfabbaugebiet. Links und rechts fahren Feldbahnen, das Werk nennt das Ganze am Eingangstor lieber nicht Torfproduktion, sondern Herstellung von Substraten. 

Links zweigt der Weg zu Sonde Nr. 2 ab. Tatsächlich war ich während ihrer Landephase gar nicht weit weg unterwegs gewesen. Aber so ein Faltrad hat kein Gaspedal, und meine Zeit nach hinten heraus war nur begrenzt, so dass ich damals nichts unternehmen konnte.

Sondentyp: RS41-SGP
SN:
R2340388
Frequenz:
405.1 MHz
Timerkill:
keiner
Startstation:
Meppen (WMOID:10304)
Flugdatum:
03.11.2020 9:00Z
Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit: 4.65 m/s
Maximale Geschwindigkeit: 222 km/h bei 8638 m
Durchschnittliche Geschwindigkeit:
107 km/h
Maximale Höhe: 23250 m
Durchschnittliche Fallgeschwindigkeit: 12.58 m/s
Landegeschwindigkeit: 8m/s
Track  wetterson de und Radiosondy, N.N. Höhen
Landestelle: Wolfsbruch bei Wischhafen,
LAT, LON 
53.7520232,9.2946131 Google Maps
Status:
Geborgen am 12.12.2020, 11:54UT
Methode:
Tawhiri-Prediction nach Radiosondy-Daten

Sehr große Chancen rechne ich mir da nicht mehr aus. Der Flug war vor immerhin 38 Tage, und die Landestelle liegt nur 100m von einem Haus entfernt. Die Besitzer biegen gerade ein, als ich auftauche. Sie haben von der Radiosonde nichts mitbekommen und erlauben mir den Zutritt. In den Bäumen hängt nichts. Auf dem benachbarten Wiesenstreifen ist ebenfalls nichts zu erkennen. Aber da liegt eine Schnur auf dem nächsten Streifen! Ab da ist alles einfach. 


 

 


 

Die Besitzerin ist interessiert und kriegt die Sonde erklärt, und weiter gehts.

Die nächste Sonde hatte eine sehr dramatische Landephase.  

Sondentyp: RS41-SGP  
SN:   R2830557
Frequenz: 402.5 MHz 
Startstation: Schleswig (WMOID:10035)  
Flugdatum: 1.12.2020 12Z
Timerkill: Keiner
Track  radiosondy und wetterson.de (N.N.-Höhen)
Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit: 4.65 m/s
Maximale Geschwindigkeit: 124 km/h bei 30597 m
Durchschnittliche Geschwindigkeit: 46 km/h
Maximale Höhe: 32376 m
Durchschnittliche Fallgeschwindigkeit: 9.17m/s
Landegeschwindigkeit: 4.2m/s
Landestelle:  Allwörden bei Freiburg/Elbe,  LAT LON: 53.8210661,9.3267013 Google maps 
Status: geborgen am 12.12.2020, 14:58 UT 
Methode: Tawhiri-Prediction nach Daten von radiosondy.info

Sie kam aus Schleswig und drohte im Raum Glückstadt niederzugehen, sehr zur Freude von Hein. Je tiefer die Sonde kam, umso besser funktionierte der Fallschirm. Die vorhergesagte Landestelle verschob sich immer mehr Richtung Elbe und lag dann auf Höhe der Fahrrinne. Erst Kurts allerletzte Positionen zeigten, dass es die Sonde ganz knapp über den Fluss bis auf das Südufer geschafft hatte. Dort lag sie nun in dem nicht ganz leicht zugänglichen Deichvorland. Teile davon sind Vogelschutzgebiet, andere dienen als Schafweiden. Die ganze Gegend ist teilweise schlickig und wird von einem Labyrinth von Gräben durchzogen. Leider bin ich beim ersten Versuch auf der falschen Seite des Grabens. 


Versuche einer Bergung mit der 10m Stange scheitern. Ich kann den Schirm zwar greifen, aber die Schnur ist drüben verhakt. Ich verliere zu allem Überfluss den Haken aufgrund einer mentalen Fehlleistung. Ich muss ganz zurück zum Deich, und der Streifen gegenüber sieht abschreckend nass und schlickig aus. Ich finde einen Zugang, und der Weg zur Landestelle erweist sich  als einigermaßen begehbar. Die Sonde selbst liegt auf einer trockenen Wiese. Die Schnur hängt im angetrockneten Matsch von dem ausgebaggerten Graben fest. Ich kann sie freizerren und muss zur Fallschirmbergung nicht mehr durch den Schlick.

 

Insgesamt ist dies eine aufwändige Bergung: 1km hin, 1km zurück auf beiden Seiten und dann noch mal 500m, um das diskret deponierte Fahrrad zu holen - ich hatte nämlich das Schloss zuhause vergessen - also 5km Schlickrutschen. Dazwischen eine längere Phase erfolgloser Stangenversuche. Jetzt genieße ich die schöne Rückfahrt durch die neblige Marsch in der Abenddämmerung bis zu dem Dorf Hamelwörden. Ich könnte jetzt 20km bis Hemmoor zurückradeln, aber ziehe doch den Bus nach Stade vor. 36km Radtour sind genug, zumal der Sprühregen wieder einsetzt. 

 


 

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Donnerstag, 3. Dezember 2020

DFM17-Euphorie

 

Sondentyp: DFM17
SN: 20038985
Frequenz: 402.01 MHz
Startstation: Pinneberg (WMOID:-)
Flugdatum: 01.12.2020 08:00
Track  Radiosondy
Landestelle Klecken LAT LON: 53.361389,9.953333 Google maps
Gefunden am 3.12.2020 09:14UT
Methode: Tawhiri-Prediction nach Radiosondy-Daten

Der 1.12.2020 war ein wahnsinniger Tag. Die Sonden flogen wegen der windstilligen und nebligen Wetter nicht so weit weg. Schon am 30.11. war eine DFM17 in Pinneberg gestartet. Sie flog nach Nieklitz bei Zarrentin und wurde von Harry/Ludwigslust geborgen. Am 1.12. ging es dann mächtig zur Sache: Pinneberg startete in kurzem Abstand drei der begehrten DFM17. Ich selber konnte da zunächst einmal jobbedingt nicht mittun. Die erste ging nach Klecken. Ich kenne die Gegend recht gut, weil da in den Wäldern diverse hartnäckige Baumlander jahrelang abhängen. Uli, der in der Gegend wohnt, schrieb, dass er davon ausgeht, dass die Sonde bestimmt noch am Flugtag eingesackt werden würde, hatte aber leider keine Zeit, dem zuvorzukommen. Die zweite und dritte endeten im Raum Sittensen/Zeven. Eine hängt 20m hoch im Baum, wie Laurentz und Alex im Dunkeln vor Ort feststellen durften. Danach fuhren die beiden zur Landestelle der anderen DFM17 auf einer Wiese am Rande des Thorenwaldes, gleich an der Autobahn. Ihnen kam kurz vor der Landestelle ein Auto entgegegen, und kurz danach war die Sonde in Radiosondy als "geborgen" eingetragen...


Nach diesem ganzen Wahnsinn wunderte es mich ein wenig, dass die erste Sonde in Klecken am 3.12. immer noch nicht als geborgen eingetragen war. Momentan gibt es eine Reihe neuer Sondenjäger, wohl aufgrund eines viralen Youtubevideos. Da nicht jeder von ihnen seine Funde einträgt, musste das nichts besagen. Ein freier Vormittag erlaubte eine Tour dorthin. Ich war ein wenig erstaunt, 2 Tage nach dem Flug eine der begehrten DFM17-Sonden gleich südlich des lokalen Osterfeuerplatzes, nur Meter neben Kleckens Haupt-Hunde-Gassigehroute auf einem Maisstoppelfeld vorzufinden. Die ganze Bergung dauerte nur Sekunden. 



 

 



Ich habe dann noch die beiden Baumlander der Gegend kontrolliert, wo ich schon mal da war. Bei beiden hat sich auch drei Jahre nach der Landung an der Situation nichts geändert.  Als ich nach Hause fuhr, konnte ich auf Whatsapp miterleben, dass gerade eine weitere Pinneberger DFM17 beinahe in den Plöner See gefallen wäre, aber von Sputnik und Hartmut von einem Dach in Ascheberg gezogen wurde.

 

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Dienstag, 1. Dezember 2020

Stangenbergung im Dunkeln - zu zweit geht es besser!

 ... und eigentlich hat noch ein dritter Sondenjäger wesentlich zum Gelingen der Aktion beigetragen, aber der Reihe nach.

Sondentyp: RS41-SGP
SN:
S0541236
Frequenz: 404.1 MHz
Timerkill: keiner
Startstation: Norderney (WMOID:10113)
Flugdatum: 30.11.2020 12:00Z
Track wetterson.de (danke Kurt!)
Landestelle:Hamburg- Rissen, LAT, LON: 53.59121,9.76545, Google Maps
Status: Stangenbergung aus 11-12m Höhe am 30.11.2020 um 17:54 UT von Alex und mir
Methode:GPS-Decodierung mit TTGO, Internetdaten aus wetterson.de nach der Landung

Am 30.11. ist das Sondengeschehen im Hamburger Raum recht komplex. Pinneberg startet eine DFM17, aber eine Suche würde eine 25km-Radtour pro Richtung ab Büchen erfordern. Als ich die Idee verworfen habe, erhalte ich von Hein eine Anfrage über die Whatsapp-Gruppe:

@Hartwig Bist du startklar?

Was ist da denn los? Ah ja, die Norderneysonde hat einen superguten Fallschirm abgekriegt, und jetzt würde sie es über die Elbe schaffen. Offenbar hatte es für einen Moment so ausgesehen, als würde sie direkt in Hamburg-Altona landen. Als ich mich beginne mit dem Problem zu befassen, liegt die vorhergesagte Landestelle in der Moorwegsiedlung in Wedel. Hein hat auch schon bemerkt, was los ist. Wedel ist nicht weit weg von seinem Wohnort, und so schreibt er:
 

Bin unterwegs

Ich schicke ihm ein paar Infos in der Landephase. Wegen des guten Fallschirms verschiebt sich die vorhergesagte Landestelle bis nach Rissen. Kurz nach der Landung ist Hein zur Stelle. Ich bin erstaunt, dass meine Vorhersage 40m daneben liegt. Die Sonde liegt nicht im Vordergarten des Hauses Nr. 15, sondern ist hoch  in einer Eiche bei Haus Nr. 10 hängen geblieben. Kurt in Uetersen kann zeitgleich von seinem Turm aus die gelandete Sonde empfangen. 

Hein schleicht um den Baum herum, kann aber die Schnur und die Sonde in der beginnenden Dämmerung nicht ausmachen. Er nimmt Kontakt zu den supernetten Grundstücksbesitzern auf, aber auch von der anderen Seite kann er die Sonde nicht sehen. Als er aufgeben will, schicke ich ihm eine Abschätzung der Fallschirmposition auf Basis von Schnurlänge und Flugrichtung. Hein kann aber dort nichts Auffälliges erkennen. Ich frage an, ob ich mit einer starken Lampe und einer 15m-Stange helfen kommen soll. Aber Hein ist schon auf dem Weg heimwärts und berichtet, dass er mit seinem Handfunkgerät noch aus weiter Distanz die Sonde hört - ein typischer Baumhänger eben. Er schreibt noch, dass er mich bei den Besitzern angekündigt hat.

Was tun? Ich könnte tatsächlich mit der S-Bahn eben mal schnell hinfahren. Aber würde ich da in der Dunkelheit mehr ausrichten können? Stangenbergung im Dunkeln ist nicht ganz einfach, vor allem, wenn man die Sonde nicht sieht. Vielleicht wäre eine Suche nach Sonnenaufgang angebrachter? Nein. Wenn der Fallschirm da liegt, wo ich ihn vermute, wird ihn jemand finden und daran ziehen. Noch kann man die Sonde vielleicht mit der Stange bergen, aber wenn jemand ihn mit Macht in den Baumwipfel zerrt, wird es schwerer. Also lieber hinfahren. Die 15m-Stange kommt mit. Zumindest eine gewisse Voraufklärung und Sicherung der Situation durch Fallschirmbergung könnte helfen. 

Vom Bahnhof Rissen sind es etwas mehr als 1km zu Fuß. Da ist auch schon direkt an der Straße besagte Eiche. Alle ihre Blätter hängen noch dran. Das ist der Grund dafür, dass man die Sonde nicht von unten sieht. Also nach der Schnur fahnden. Ich sehe sie im Schein der Lampe hoch über mir aufleuchten - der erste Hinweis.  Bevor ich weiter um die Häuser herumfunzel, sag ich besser bescheid. Erst einmal klingel ich bei Haus Nr. 10. Die Leute sind wirklich sehr nett und super hilfsbereit. Es sind die gleichen, mit denen schon Hein geredet hat.

Die Schnur verläuft direkt zu den  Häusern Nr. 13 und Nr. 15. Die Schnur endet auf dem Dach eines Schuppens, der auf der Grundstücksgrenze steht. Der Fallschirm ist nicht zu sehen, kein Wunder, dass Hein ihn nicht entdecken konnte. Ich klopfe bei Nr. 15. Eine junge Dame macht auf und erlaubt mir die Suche. Ich kann die Schnur mit der Stange greifen und den Fallschirm und minimalen Ballonrest vom Schuppendach bekommen. Leider hängt die Schnur in einem Baum fest. Ich schneide die Schnur durch und eile zurück zur Landestelle.


 

Da hat sich auf den ersten Blick leider nichts getan, außer dass die Sondenschnur jetzt locker im Wind baumelt. Ich versuche die Schnur mit der Stange zu greifen, aber die Stange ist zu kurz. Wieder bewährt sich offensive Kommunikation: Ich erzähle einem Anwohner, der aus einem Auto steigt, sofort und von mir aus, worum es sich handelt. "Ach, ich dachte schon, Sie wollten hier einsteigen, dann ist ja alles ok, viel Erfolg". Nach dem Gespräch drehe ich mich Richtung Sondenbaum um und leuchte hinein - und da sehe ich die Sonde hoch oben baumeln.


 

Die Hausbesitzerin kommt und fragt freundlich nach der Lage. Ich darf sie in den Garten begleiten. Da bin ich direkt unter der Sonde, ideal für eine Stangenbergung. Aber ich kann sie nur gerade so eben durch ein kleines Astloch sehen. Die Hausbesitzerin bietet sich sogar an, die Lampe zu halten, was eine enorme Hilfe ist. Die Stange ist eindeutig lang genug, aber ich kann die Sonde nicht greifen. Da man über der Sonde die Schnur nicht sieht, ist das ziemliches Blindflug-Mikado. Auch wird meiner netten Helferin langsam kalt. Vielleicht sollte man die Sonde morgen bei Tageslicht bergen. Das eigentliche Ziel, die Erkundung der Situation, ist ja erreicht, und sie meint auch, dass ich morgen auf jeden Fall weitermachen könnte. Ich will mich gerade verabschieden, als ein junger Mann auftaucht und mich anspricht.
 

"Du bist der Hartwig? Ich bin der Alex."

Das ist der Wendepunkt: Alex ist seit einiger Zeit in unserer Whatsappgruppe, ich kenne ihn nur digital. "Falls Ihr weitermachen wollt, viel Spaß", meint die Grundstücksbesitzerin und geht ins Warme. 

Sie hatte unsere unausgesprochenen Gedanken genau erfasst. Zusätzliche Brainpower mischt die Karten komplett neu, und zu zweit kann man viel sinnvoller agieren. Ich zeige Alex von der Straße aus die Sonde. Sie ist von da aus besser sichtbar. Er kommt auf den guten Gedanken, dass er ja von außen leuchten und mich dirigieren könnte. Allein ein Hinweis "Du bist jetzt noch 30cm unter der Sonde" ist sehr hilfreich. Ein paarmal kann ich die Sonde berühren, auch mal kurz die Schnur erfassen, aber nicht richtig. Auch bewegt sich die Sonde bei jedem Stoß von unten etwas nach oben. Auch kommt erst etwas Wind, dann auch Regen auf. 

Inzwischen entwickeln wir beide ein besseres Gefühl für die Geometrie und die Höhe, und so kommt Alex irgendwann auch auf das Grundstück, weil er das Gefühl hat, dass jetzt bessere Beleuchtung direkt von unten mehr hilft und ich das Dirigieren nicht mehr brauche. In kritischen Phasen geht er einfach ein paar Schritte zurück. Wir können dann nach etlichen Fehlversuchen die Schnur kurz einhaken und daran ziehen. Ich verliere sie gleich wieder, aber das reicht, um die Sonde zu lösen. Sie segelt im hohen Bogen, von uns bejubelt, nach unten. Wir zeigen sie  natürlich der Grundstücksbesitzerin. Die meint, wir könnten bei der nächsten Sonde gerne wiederkommen. Wir meinen, dass so eine Sondenlandung im Leben eines Grundstücksbesitzers in der Regel eher selten zweimal vorkommt.

Für Alex ist es die erste S-Sonde, und auch die erste Sonde aus Norderney. Dafür hat er schon eine Sonde aus DeBilt gefunden.

Alex macht noch rasch ein Selfie von zwei glücklichen Sondenjägern und nimmt mich noch mit Richtung Stadt, was ich angesichts der Wetterlage - es beginnt sich einzuregnen - sehr zu schätzen weiß. Unterwegs chatten wir noch mit Lauritz, der mit Alex öfter auf Radiosondenjagd geht und der auch in der Whatsappgruppe ist. Eine richtiger Sondenjägerworkshop auf dem Heimweg.

Auf dem Bahnhof Flottbek bin ich extrem erstaunt, Gratualtionen von Hein und Kurt auf dem Handy vorzufinden. Dabei hatten wir noch keine Zeit gefunden, irgendwelche Erfolgsmeldung abzugeben. Der letzte Stand auf Whatsapp war die Sichtung der Sonde hoch im Baum, mit einem wenig ermutigenden Foto. Aber Kurt hing die ganze Zeit am Empfänger und konnte die Sonde decodieren. Dann änderte sich die GPS-Höhe ein wenig (bin nicht sicher, ob das mit uns zu tun hatte), und kurz darauf war das Signal ganz plötzlich weg - das genügte ihm als Erfolgsbeweis 😀

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