Samstag, 25. September 2021

Das Drama um die roten Totex-Schirme

Sondentyp: RS41-SGP
SN:
T3451274
Frequenz:
403.97 MHz

Timerkill:
keiner

Startstation:
Krummendeich (WMOID:-)
Flugdatum: 17.9.2021 09:30Z
Track
openwx und wettersonde.net

Maximale Höhe:
27527m

Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit
: 4.73 m/s

Landegeschwindigkeit:
3.7 m/s

Landestelle: Bröckel  bei Celle,
LAT, LON: 
52.5066548,10.216025 Google Maps
Status:
Geborgen am 24.9.2021, 14:41UT

Methode:
Extrapolation aus Openwx-Daten

Am Abend des 15.9. startete eine Radiosonde von einem ungewöhnlichen Platz in der Marsch bei Krummendeich. Dieses kleine Dorf liegt bei Freiburg/Elbe in Niedersachsen. Bei Radiosondy wurde die Sonde unter „Itzehoe“ abgebucht. „Itzehoe“ meint bei Radiosondy den Luftwaffenstützpunkt „Hungriger Wolf“ bei Hohenaspe in Schleswig-Holstein, der auch nicht dicht bei Itzehoe liegt. Der exotische Startplatz bei Krummendeich liegt über 20km von Itzehoe und 30km von „Hungriger Wolf“ entfernt. Dazwischen liegt die 3km breite Elbe.
Wenn man den Startplatz rekonstruierte, sah man auf Google Maps nur Marschwiesen – nicht einmal irgendwelche Verkehrsinfrastruktur. Die Sonde landete mitten in Eutin, wo Eckhart alias Sputnik sie unerreichbar auf einem Hausdach lokalisieren konnte. An den Schirm kam er heran. Und das war ein wunderschöner überdimensionierter roter Totex-Schirm, den ich bisher von Wiener M10s oder Uccle-Ozonkisten her kannte. In der Szene wurde alles von „Privatstart“ bis „Militär“ diskutiert. Tante Google ergab dann aber eine Lösung:


Vom 13. September bis 23. September 2021 wird eine Kampagne zur Vermessung der Atmosphäre stattfinden. In diesem Zeitraum kommen Wetterballons, eine kleine Drohne und Mikrofone am Forschungspark Windenergie Krummendeich zum Einsatz. (…). Mit dem Quadrocopter werden Temperatur, Luft und Wind vermessen. Die Drohne wird gleichzeitig zu den Wetterballons gestartet und landet nach etwa 15 Minuten wieder am Startort (…)

Die Mikrofone werden genutzt, um Hintergrundgeräusche zu bestimmen. Vor der Errichtung der Windenergieanlagen helfen sie, alle typischen Geräuschen (z.B. Straßenlärm, Flugzeuge, Traktoren, Tiere, Wind) zu charakterisieren und später die zusätzlichen Geräusche durch die Windenergieanlagen zu identifizieren“. Verantwortlich zeichnete der DLR, Forschungspark Windenergie (WiValdi) am Standort in Krummendeich.

Insgesamt wurden vom 15.-22.9. 14 RS41-Sonden gestartet, sehr zur Freude der norddeutschen Sondenjäger. Meine eigene Jagd nach diesen Sonden war anfänglich ziemlich erfolglos. Ich konnte aus beruflichen Gründen höchstens zum Restekehren ausrücken.

Bei Sottrum war T3451330 in einem Gewirr von Überlandleitungen heruntergekommen. Ein Check vor Ort zeigte, dass die Anordnung der Leitungen in Open Streetmap nicht mehr aktuell war. Das war gut, weil die Sonde daher nicht direkt in den Leitungen hing. Die Landestelle lag allerdings in einem undurchdringlichen Maisfeld. Ich bin einige Treckerspuren abgelaufen und hätte von Rechtswegen die Schnur mehrfach kreuzen müssen. Es ist so wie immer im Mais: Die Chancen sind sehr vermindert. Dennoch war die Aktion sehr nett, denn ich erhielt, als ich gerade aufgeben wollte, einen Anruf von Lauritz. Der ist ein Teilnehmer unserer Whatsappgruppe. „Hier ist so ein Faltrad an einem Baum am Feldweg angekettet, das ist doch sicher Deins?“. So kam es zu einem netten Schwätzchen unter Sondenjägern, eine schöne Entschädigung für die erfolglose Suche. Lauritz kannte ich bisher „live“ noch nicht, hatte ihn aber schon mal predictionbasiert über Whatsapp direkt in die Landeregion einer Ozonsonde gelotst, wo er Minuten nach der Landung zuschlagen konnte. Er hat übrigens in den Folgetagen das Maisfeld mit einer Drohne abgeflogen und konnte auch nichts erkennen.

Dass man so wenig direkt unternehmen konnte, war ärgerlich, denn die Öffis sagen ihren Stammkunden gerade massiv „danke“ für die Treue während der Pandemie. Man muss sich nur einen Gratis-Extrafahrschein ausdrucken, und schon darf man als Besitzer einer Abokarte bundesweit alle Nahverkehrszüge und die meisten Verkehrsverbunde für eine begrenzte Zeit benutzen. Doof bloß, dass es bereits relativ früh dunkel wird und man in der Woche gerade wenig Zeit hat – und auch keinen Urlaub. So blieb es mit einer Ausnahme bei Fahrten im Hamburger Umland. Am Wochenende bietet mir die Abokarte ja ohnehin freie Fahrt in dem bereits recht großen HVV-Gesamtbereich, aber mit dieser Aktion konnte man zuschlagfrei auch in der Woche losfahren. Und da die Sonden weit weg von Hamburg landeten, traf sich das gut.

Eine solche Aktion führte in das bekannte Heidedorf Wilsede. Mir gelang es, die Sonde im Wald zu lokalisieren, sie hängt 13-14m hoch im Baum. Hier muss ich noch mal mit einer 15m-Stange hin. Den Fallschirm konnte ich bisher nicht entdecken.

Nach diesen bisher eher ernüchternden Erfahrungen mit den Krummendeichsonden frage ich mich langsam, ob man irgendwo noch so einen schönen Totexschirm einsammeln kann. Die meisten Sonden sind bereits eingesackt oder haben eine extrem hohe Endhöhe und demzufolge eine hoffnungslose Prediction. So enden zum Beispiel die Radiosondy-Daten für die noch nicht als geborgen gemeldete Sonde T3451274 in 950m Höhe. Im Raum Hannover ist OpenRX immer eine gute Quelle. Und tatsächlich, da sind Daten dort in 167m Höhe. Eine Extrapolation unter Berücksichtung von Geländehöhe und Geoidhöhe ist schnell erstellt. Die Landestelle liegt wenige Meter östlich eines Feldweges. Wer nicht beizeiten mit eigenem Empfang auch Jagd ging oder OpenWX nicht auf dem Radar hat, kann die Sonde auch nicht finden.

Am Freitag komm ich ungeplant früh los, muss aber spät abends noch einmal ins Labor. Dieser unerwartete Zeitslot reicht für einen Tripp nach Celle und 40km Fahrradfahrt zur berechneten Einschlagstelle und zurück. Am Freitagnachmittag ist der Fahrradwagen rappelvoll mit Rädern. Gut, dass ich da mit dem Faltrad aus dem Trubel raus bin. Auf dem Bahnhof Celle fallen sofort zwei Sachen auf: Man einen prima Blick auf den Knast – bekannt aus der Affäre um das „Celler Loch“. Das nächste, was man bemerkt, sind die Hannoveraner S-Bahnen auf den Bahnsteigen. Das Rad wird ausgeklappt, und auf sehr schönen Radwegen geht es aus der Stadt heraus. Die Route nach Bröckel geht dann aber leider eine viel befahrene Hauptverkehrsstraße entlang, aber überwiegend auf sehr schönen Radwegen. 


 

Schnell stehe ich an besagtem Feldweg. 


 

Die Landestelle liegt auf einem Rübenacker. Direkt ist im Fernglas nichts zu sehen. In den Knickbäumen hängt glücklicherweise nichts. Also stake ich im Slalom vorsichtig um die Rübenpflanzen herum. Die Schnur sollte die Treckerspuren kreuzen und dann auffallen. Bis zur Prediction ist nichts zu sehen. Ich verfolge die Flugrichtung weiter, und da liegt tatsächlich die Schnur quer zur Treckerspur! 

 

Ich verfolge die Schnur wie gewohnt schirmseits. Die Schnur endet am Ende des mit Rüben bepflanzten Streifens. Hier beginnt ein freies Feld. Und die Schnur ist abgeschnitten. Jemand hat den großen roten Schirm gefunden, abgeschnitten und mitgenommen. 

 


 

Am anderen Ende der Schnur findet sich die Sonde mit dem schon aus Foren bekannten Aufkleber. Außer dem DLR zeichnet ein „Institut für Physik der Atmosphäre“ verantwortlich. 

 



 




Auf geht es die 20km zurück nach Celle und von da aus mit dem Metronom nach Hamburg.

 

 


Freitag, 17. September 2021

Soll ich wirklich fahren? Wir robben uns ran

Sondentyp: RS41-SGP
SN:
S3110649
Frequenz:
402.5 MHz

Timerkill:
keiner

Startstation:
Schleswig (WMOID:10035)
Flugdatum: 17.9.2021 12:00Z
Track
wettersonde.net und eigene Daten

Maximale Höhe:
33924m

Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit
: 5.30 m/s

Landegeschwindigkeit:
4.0 m/s

Landestelle: Hamwarde,
LAT, LON: 
53.46309,10.42057, Google Maps
Status:
Geborgen am 17.9.2021, 14:18UT

Methode:
Decodierung des GPS mit TTGO

Auf dem Weg von Hamburg aufs Land. Unser Zug wird wegen "Personen auf den Gleisen" ausgesetzt und nach Hamburg zurückgeschickt. Wir müssen in Rahlstedt aussteigen. In Wahrheit hat ein längst beendeter Polizeieinsatz zu einem kompletten Verkehrsinfarkt auf der Strecke geführt. "Wir bemühen uns, einen Schienenersatzverkehr einzurichten, aber das kann dauern.".... "Gut, dass wir unseren Schienenersatzverkehr dabei haben", meint der nette Faltradkollege und kriegt von mir noch einen Tipp, wie man am schnellsten nach Ahrensburg kommt. Nach 11 Kilometern Strampelei erreiche ich Schmalenbeck. Kaum angekommen ruft sofort die Radiosonde aus Schleswig.

Die könnte mir, wenn man Standardparameter annimmt, sogar direkt aufs Dach fallen. Nach dem Platzen erwischt sie aber leider einen extrem guten Fallschirm und fliegt daher viel weiter als gedacht. Soll ich überhaupt hinterherfahren? Die Landegegend ist nach Abwägung aller Fakten bei Dassendorf, vielleicht etwas weiter südlich. Eine Zeitlang sieht es sogar so aus, als ob sie sogar südlich der Elbe herunterkommt. Da würde ich jetzt nicht hingurken, schon Geesthacht würde ich nicht in Erwägung ziehen. Ich fahre aber erst einmal mit dem Auto bis Rausdorf. Dort angekommen, liegt die Prediction genau auf der Elbe, aber ich weiß ja, dass das descent  model in 14000m Höhe etwas zu weit zielt. Also dürfte es irgendwie in der Gegend von Worth enden, einem kleinen Nest südlich von Dassendorf. Den Weg in das Gebiet kenne ich von einer kürzlichen erfolglosen Sondenjagd. Ich fahre also mal bis Friedrichsruh und sehe dann weiter. Jetzt liegt die inzwischen ziemlich gute Prediction tatsächlich exakt bei Worth. Also rolle ich weiter, durch Dassendorf und dann über Nebenstraßen bis Worth. Die Sonde ist immer noch in der Luft, aber ein Landevideo wie letzte Woche wird heute nicht mehr drin sein. Der Landepunkt hat sich jetzt ins Nachbardorf Hamwarde verlegt. Dort angekommen zeigt  mir der TTGO die Landestelle der frisch gelandeten Sonde direkt bei ein paar Teichen an. 

Es sind die Klärteiche der kleinen Gemeinde. Die Sonde liegt offenbar auf dem Boden, auf der anderen Seite eines Knicks. Vor dem Knick ein undurchdringliches Gestrüpp aus Brombeeren, Brennnesseln, Haseln, Weißdorn, Ilex. Dahinter ein tiefer Wassergraben. Kein Rüberkommen. In dem Knick entdecke ich beim Vorbeigehen den Schirm.


 

 

 Nach einigen Irrwegen finde ich einen Zugang zu dem Acker, und da liegt auch die Sonde.


Es gelingt mir, von dieser Seite aus den Fallschirm durch Schnurzug aus dem Dornengestrüpp zu befreien, wobei er allerdings etwas beschädigt wird.






Übersicht über alle Sondenfunde hier
Karte aller Sondenfunde hier



Mittwoch, 8. September 2021

Sonde landet in 3m Distanz: Fangen oder Filmen?

Sondentyp: RS41-SGP
SN:
S1610279
Frequenz: 402.7 MHz
Timerkill: keiner
Startstation: Sasel
(WMOID:10141)
Flugdatum: 08.09.2021 12:00Z
Track wettersonde.net

Maximale Höhe:
27872m

Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit:
5.50 m/s
Landegeschwindigkeit: 4.8m/s
Landestelle: Groß-Niendorf, LAT, LON:
53.83131,10.26337, Google Maps
Status: Geborgen. Landung aus 3m Distanz beobachtet am 8.9.2021 13:06:52 UT. Gemeinsame Bergung mit Wolfgang (
OE3VBA) und seinem Bekannten, die sich das Spektakel aus ca. 200m Distanz angeguckt haben.
Methode: Decodierung des GPS mit TTGO, Kontinuierliche Prediction der Landestelle mit Tawhiri (RDZsonde-App und wettersonde.net)

Legendäre Videos von Leuten, die Sonden im Torwartstil kurz vor der Landung zu greifen versuchen, gibt es ja im Netz. Ich wäre ja schon froh, mal einer Sonde aus der Distanz bei der Landung zuzugucken. Das ist mir noch nie gelungen. Die Öffi/Faltradmethode hat hier einen spezifischen Nachteil: Man kann in den hektischen Minuten vor einer Landung nicht so schnell seinen Standort wechseln wie mit einem Auto. Und selbst mit einem KFZ soll das nicht ganz einfach sein.  Ich habe es einige Male knapp verpasst, einmal zu Fuß, einmal bin ich mit dem Rad falsch abgebogen, und einmal stand ich mit dem Auto ungünstig. Es sollte nicht sein. Da ich aber jetzt ein Auto besitze, kann man das ja auch einmal für so eine Aktion benutzen.

Allerdings muss alles zusammenkommen. Vor allem sollte es in allen Etagen der Atmosphäre recht windstill und ruhig sein. Dann kann man schon vor dem Start recht gut absehen, wo die Sonde landen wird. Auch springt die Prediction in der Endphase kaum hin und her. Ferner braucht man natürlich eine gute Durchsicht, um die Sonde bereits vor der Landung gut sehen zu können. 

Es gibt heute ein paar nüzliche Hilfsmittel. Da ist z.B. die RDZsonde-App, die einem eine gute Tawhiri-Prediction auf Basis der selbst empfangenen TTGO-Daten aufs Handy zaubert. In letzter Zeit macht auch wettersonde.net eine schöne Kartendarstellung mit einer sich selbst updatenden Tawhiri-Prediction. 

Am 8.9.2021 waren die Wetterbedingungen für so eine Aktion perfekt. Die Sonde steigen hoch, die Ballons platzen, die Sonden fallen unweit der Landestelle herunter. Optimal. bloß starten direkt in meiner Umgebung normalerweise keine Sonden. In unregelmäßigen Abständen startet  Sasel. Start in Sasel um 7 Uhr morgens wäre ideal gewesen. Aber Sasel startet selten.

Gegen 13:00 sehe ich bei einem zufälligen Blick auf Radiosondy, dass Sasel tatsächlich gestartet hat. Inzwischen hat die Windgeschwindigkeit allerdings etwas zugenommen, aber die Sonde schleicht dennoch langsam, langsam nordwärts. Schnell mal mit Standardparameter eine Prediction rechnen: Zielgebiet wäre Elmenhorst oder Grabau, je nachdem, wie gut der Schirm ist. Das ganze plausible Landegebiet ist vielleicht 8X12 Kilometer groß! Also pack ich schnell ein paar Sachen ins Auto und fahre los. Für den Fall der Fälle, dass man dicht genug an die landende Sonde herankommt, kommt eine Bridge-Kamera mit langem Tele mit. Und ein Fernglas. Von Schmalenbeck aus bin ich über die Autobahn rasch im Zielgebiet.

In Elmenhorst halte ich in einer Nebenstraße und befasse mich mit der Lage. 

 

Die Sonde schwebt 27 Kilometer hoch - und just, wo ich draufgucke, platzt der Ballon. Der TTGO funktioniert bestens, und auch auf wettersonde.net sind Daten zu sehen. Nun weiß ich, dass über 20km Höhe die Vorhersage nicht stimmt, weil für die Landegeschwindigkeit Standardwerte angenommen werden. Also warte ich ein wenig ab. Schon ist die Sonde in 19 km und sinkt relativ langsam, was auf einen funktionierenden Fallschirm schließen lässt. Die erste ernstzunehmende Prediction liegt knapp nordwestlich von Grabau, 5km entfernt. Also programmiere ich GRABAU ins Navi und ab. 

Am Ortseingang Grabau das gleiche Spiel: Nebenstraße suchen, Parkbucht ansteuern, anhalten, Handy an und gucken. Die Sonde ist jetzt 12km hoch, und die Vorhersage liegt jetzt weiter nördlich bei Tralau. Nun weiß ich, dass erst ab 7000m die Prediction verlässlich ist, und dass meistens im Bereich 8-16km die Vorhersage etwas zu weit zielt. Aber die Sonde dürfte schon nördlich von mir landen. Also sollte man die Sache hier nicht aussitzen, sondern beherzt losfahren. Die Straße, die in West-Ostrichtung auf Tralau zielt, könnte ganz gut hinkommen.

3km weiter nördlich finde ich hinter einem Wald auf einer Zufahrt zun einer Windkraftanlage eine Möglichkeit, noch einmal die Lage zu checken. Die Sonde hat bereits die 7km-Höhenmarke geknackt; ab jetzt dürften die Landepredictions recht präzise stimmen. Und tirili, ich stehe fast an der Landestelle. Ich löse allerlei Predictions aus - sie verschieben sich kaum. Sehr schön, die Flugbahn des Gespanns ist offenbar extrem stabil und hervorragend vorhersagbar. Besser dürfte es sein, 800m den Weg zurückzufahren, rechts abzubiegen und das Auto dann bei der nächsten Möglichkeit endgültig abzustellen. Die Karte von RDZsonde  zeigt außer der Predicton auch meine eigene Position an, was bei der kurzen Fahrt zur Prediction extrem nützlich ist.
 

Hier gibt es zwar keinen Parkplatz, aber immerhin eine Feldeinfahrt. Das kleine rote Auto kriegt eine Pause. Die Vorhersage hat sich die ganze Zeit nicht aus der Sichtweite verschoben. Sie liegt jetzt 200m südlich an der Kreuzung bei dem Gehöft da vorne. Soll ich da hinfahren? Nein, jetzt ist es wahrscheinlich schlauer, zu Fuß unterwegs zu sein und die endgültige Position nach der aktuellen Prediction feinzujustieren. Also Kamera und Fernglas umbinden, TTGO und Handy in die Brusttasche und losmarschiert.

Langsam wandert die Pediction minimal nach Osten. Super für mich. Das ist das Feld, an dessen Auffahrt mein Auto steht. Weiter südlich ist es eine Wiese. Also geh ich rauf und stell mich an die Prediction-Position, die kaum noch schwankt. Die Sonde ist noch 2000m hoch, ich kann sie nicht erkennen. 

Schon sinkt die Höhenangabe auf 900m. Ich steh immer noch fast perfekt auf der Prediction. Wo ist die Sonde? Langsam sollte man sie sehen! Da über dem Wald müsste sie einschweben. Als sie 600m hoch sein soll, erblicke ich das Gespann, und zwar unerwarteterweise nicht vor, sondern direkt über mir. Der Himmel ist stahlblau, der Fallschirm schneeweiß. Da baumelt auch die Sonde. Ich stehe im perfekten Glanzwinkel der Schnur, die schneeweiß am Himmel leuchtet. Ich versuche zu filmen, habe aber Probleme, die Sonde auf dem Display der Kamera zu sehen. Auch habe ich das Zoom viel zu weit aufgedreht, denn das Gespann von Sonde bis Schirm erstreckt ich bereits über einen größeren Teil des Himmels! Ich war irgendwie davon ausgegangen, dass ich eine Telebrennweite brauche. Diese Sonde zielt aber exakt auf mein nächstes Umfeld und wird direkt neben mir niedergehen!! Instinktiv laufe ich nach vorne, dichte an die leicht abschätzbare Einschlagstelle. Ich korrigiere meine Position mit hektischem Laufen, bin jetzt noch dichter unter der Sonde, die immer dichter auf mich zukommt.

Soll ich das Filmen sein lassen? Die Kamera ablegen und versuchen, die Sonde mit der Hand zu fangen?  Ich kommentiere diesen Denkprozess sogar in das Mikro der Kamera! Das wäre mit etwas Glück möglich. WAS für eine Situation!! Ich entscheide mich gegen das Fangen und für den (am Ende ziemlich verwackelten) Film. Geschätzte drei Meter vor mir fällt die RS41-Sonde ins Gras. Das ist unfassbar. Ich habe noch nie eine Sonde landen sehen, das war immer ein Traum. Und seh ich sie nicht nur landen, sondern stehe in der ersten Reihe. Ich stehe ich direkt daneben, wo eine Sonde ins Gras plumpst.  








 Das chaotische Rohvideo

 

 

auf Fallschirm/Ballonrest zentriert (mit PIPP)

 

Der Aufschlag (Zeitlupe)

Die blendend weiße Sondenschnur reicht über den halben Himmel, da vorne geht der Fallschirm nieder. Ich filme diesen Vorgang, schwenke dann auf den weißen Punkt - die Sonde - und mache mit ein paar Schritten eine Art ruckelige Kamerafahrt auf die vor wenigen Sekunden gelandete Sonde. Ich bin völlig perplex und noch imme voll mit Adrenalin. Wahnsinn, alles hat total zusammengepasst. Klar, man hat es ein wenig darauf angelegt, aber dass es am Ende so präzise funktioniert hat, ist mehr Glück als Verstand.

200m entfernt sehe sich zwei Leute auf mich zulaufen. Bestimmt Sondenjäger. Mir fällt ein, dass vorhin ein weißes Auto in einen Feldweg eingebogen ist. Ich  hatte mir da schon gedacht, dass das Sondenjäger sein mussten;  wer sonst sollte hier genauso krampfig und hektisch wie ich vorhin einen Abstellplatz für sein Auto suchen? Ich hatte auch am Rande mitbekommen, dass das Auto sehr langsam weiterfuhr. Danach hatte ich diese Beobachtung auch gleich wieder verdrängt. Die beiden sind hatten die Szene auch verfolgt und waren erstaunt, wie exakt ich an der richtige Stelle stand. Ich bin tatsächlch genauso erstaunt. Einer hat einen österreichischen Dialekt. Wolfgang (OE3VBA) ist auf Familienbesuch in Norddeutschland und hat es darauf angelegt, eine Sonde von einem für ihn exotischen Startort mitzubringen und eine bizarre Zahl von Kilometern bei Radiosondys Spalte "Entfernteste Sonde" stehen zu haben. 


 Foto: Wolfgang,
OE3VBA

Dieses Problem ist lösbar. Klar kann er die Saseler Sonde mitnehmen, und logisch ist er Co-Finder dieser Sonde bei Radiosondy, denn wir waren ja praktisch gleichzeitig vor Ort. Er möchte mir sogar eine Sonde aus Linz im Austausch schicken *). Am Ende kommt noch der lokale Bauer gucken, was da Exotisches abgeht, und es gibt noch ein amüsantes Schwätzchen mit dem beeindruckten Landmann. 

Allmählich hat die MAO das Adrenalin soweit metabolisiert, dass man ans Autofahren denken kann, und so schraddel ich frohgemut nach Hause. Fast jede Radiosondenjagd ist spannend, aber es gibt immer mal wieder Highlights, an die man sich noch lange erinnern wird. So wie damals die Ozonsonde in Vahlde im Schneesturn. Und dieses Erlebnis hier spielt definitv in der selben Liga.

Und das Greifen einer Sonde im Torwartsstil? Das ist extrem schwierig, aber - das weiß ich seit heute -  definitiv ohne Torwarttraining machbar. Aber ob man jemals im Leben wieder an eine landende Radiosonde so nah herankommen wird? Es muss, so wie heute, alles zusammenpassen. Wetter, GFS-Modell stimmt, wenig Wind, gut zugängliche und begehbare Landestelle. Man muss eben im richtigen Augenblick in Laufdistanz zur Landestelle stehen. Selbst im Zeitalter von TTGO, Internet und Tawhiri ist diese Situation nicht einfach reproduzierbar zu erreichen, es wird selten passieren. Wenn man das wieder einmal geschafft haben sollte, wird es etwas schwierig sein, einen Gegenstand, der mit 5m/s vom Himmel fällt, präzise einzufangen. Gleichzeitiges Filmen ist ausgeschlossen. Also bräuchte man eine Helmkamera oder einen Kameramann, sonst glaubt einem das hinterher niemand. Ich sehe mich schon mit einer Helmkamera auf dem Acker stehen, und irgendwo 5km östlich fällt eine RS41 vom Himmel.


Übersicht über alle Sondenfunde hier
Karte aller Sondenfunde hier

*) Nachtrag: Wolfgang hat mir tatsächlich ein Paket geschickt. Und zu meiner freudigen Überraschung war keine RS41 darin, sondern eine echte M10-Sonde und ein wunderbarer roter Totex-Schirm. GANZ VIELEN DANK für diese Raritäten.