Samstag, 29. Mai 2021

Eine DFM17 aus Pinneberg

Sondentyp: DFM17
SN:
D20037000
Frequenz: 403.01 MHz
Timerkill: keiner
Startstation:
Pinneberg (WMOID:-)
Flugdatum: 28.5.2021 12:00Z
Track Radiosondy
Maximale Höhe: 23609m
Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit: 5.12 m/s 
Landegeschwindigkeit: 8.6 m/s
Landestelle: Grevenhorn bei Echem, LAT, LON:
53.30217,10.55648, Google Maps
Status: Kaltsondenbergung; 29.5.2021, 8:16 UT
Methode: Tawhiri-Prediction nach Radiosondy-Daten

 Pinneberg ist immer für Überraschungen gut. Am Mittwoch lassen sie (wie berichtet) einen RS92-Flugsaurier steigen, am Freitag das Modernste, was GRAW zu bieten hat, und am Samstag eine schnöde RS41. Am Freitag bin ich nicht mehr dazu gekommen, der DFM17-Sonde hinterher zu fahren, aber am Samstag Morgen musste ich einen Kaltsondenversuch wagen. Über Büchen geht es mit Regionalzügen nach Echem.  Aufgrund etlicher teilweise erfolgreicher Sondenjagden ist mir die Anreise zu dem kleinen Dorf Grevenhorn sehr gut bekannt. Gleich hinter Echem geht es über eine wenig befahrene Straße zunächst durch Feldmark und Auwälder, dann fordert der Sport mit dem größten Landschaftsverbrauch seinen Tribut auf beiden Seiten des Weges. Hier muss man auch immer mit einem cerebral-cranialen Volltreffer rechnen, und so ein Golfball überträgt mehr Impuls als eine fallschirmlose Pinneberger Radiosonde. Hinter Lüdersburg geht es dann nach Süden, und irgendwann biegt der schmale Weg nach Grevenhorn rechts ab. Dort sollte die Sonde liegen. Leider liegt sie nicht auf dem noch kaum ausgekeimten Maisfeld. Das Gerstenfeld, auf dem die Prediction liegt, wird eine Pinneberger Sonde mit ihrer großen Einschlaggeschwindigkeit komplett verschlucken. Hier hätte man definitiv bereits gestern, als die Sonde noch sendete, auftauchen müssen. Jetzt ist es praktisch chancenlos, zumal die Prediction nicht wirklich sicher ist.

Aufgeben will ich aber auch nicht sofort. Also wird erstmal das Rad an einen Baum gekettet und dann mit dem Fernglas das Gerstenfeld abgescant. Vielleicht ist ja die Schur irgendwo doch zu sehen? Die eigentliche Prediction ist aber weitab der Straße, und mir scheint, dass Richtung Süden, kurz vor dem Wäldchen, noch ein Streifen gemähter Wiese ist. Vielleicht liegt sie da. Also gehe ich am Feldrand in diese Richtung. Am Waldrand steht ein Jagdstand, der einen Blick aus luftiger Höhe erlaubt. Leider erweist sich die vermeintliche Wiese nur als eine etwas niedriger gelegene Fortsetzung des Gerstenfeldes. Mit dem Fernglas sieht man aber nirgends ein Stück Schnur, nur einzelne Roggenähren aus der Vorjahres-Selbstaussaat. Sehr dicke Treckerspuren durchschneiden das Gerstenfeld in Ost-West-Richtung. Auf einer kommt man bequem und ohne Flurschaden anzurichten bis zur Position der Prediction. Hier sieht man nichts. Aber wenn die Sonde 3 Meter weit in der Gerste liegt, liegt sie da bis zur Ernte. Ich gehe über eine Nord-Süd verlaufende Treckerspur am Feldrand wieder zurück zum Fahrrad und kann jede der in Ost-West-Richtung verlaufenden Treckerspuren mit dem Glas einsehen. Hier müsste ja irgendwann die Schnur ziemlich auffällig die Spur kreuzen. Aber da ist nichts zu sehen.

Als ich eine Spur mit dem Fernglas absuche, kommt am Ende des Schwenks das Dorf am Westrand des Gerstenfeldes ins Gesichtsfeld. Von einem der Bäume am Feldrand, vielleicht 300m weg, hängt da nicht etwas herunter ??? Es ist so fein, dass man es aus der Distanz nur blickweise erkennt. Das scheint eine SCHNUR zu sein!!! Falls das keine Einbildung ist, wäre die Sonde viel kürzer geflogen als nach der Vorhersage. Also gehe ich auf der Straße Richtung Dorf. Aus kürzerer Distanz erkenne ich die Struktur nicht mehr nur blickweise. Je näher ich komme, umso besser sieht es aus: Vom Knickbaum verläuft eindeutig eine Schnur ins Gerstenfeld. Dort müsste der Ballonrest liegen. Ob die Sonde hoch im Baum erreichbar ist? Oder liegt sie auf der anderen Seite auf einem der Grundstücke?

 Von der Straße führt am Feldrand ein Trampelpfad entlang, direkt auf die Position  der Schnur zu. 




Glücklicherweise liegt die Sonde direkt hinter dem Zaun der Nachbarkoppel am Boden und nicht an den Gärten der Dorfbewohner; die Schnur verläuft senkrecht in den Baumwipfel und von dort aus in die Gerste. Ich kann die Sonde an der Schnur leicht über den Maschendrahtzaaaauuun heben.


Der Rest geht mit Schere und Schnurzug



Das ist der seltene Fall, bei dem man sich über einen Baum und eine ungenaue Prediction so richtig freut. Das Glück kaum fassend radel ich gemütlich nach Echem zurück und kann, diesmal über Lüneburg, wieder nach Hamburg fahren. Dort lese ich in Whatsapp, dass Berthold die heutige RS41 aus Pinneberg geborgen haben wir eingesackt, und jedes Mal war es ein anderer Sondentyp. Und da ich diese Zeilen schreibe, lese ich auch noch, das Bernd eine Saseler Sonde per gewaltsamen Schnurzug aus dem Baum geholt hat. Man weiß ja, dass diese Technik im Desaster enden muss, aber heute gelingt einfach alles.

Ach so: Das Vogelkonzert heute war echt nicht schlecht. Nichts ist schöner, als mit dem Rad durch das Gezwitscher zu radeln. Vögel sehen wird überbewertet. Ich führe  normalerweise keine Artenlisten, muste aber im Zug mal das Wesentliche notieren: Türkentaube, Ringeltaube, Pirol, Kuckuck, Sumpfrohrsänger, Nachtigall, Singdrossel, Zaunkönig, Rotkehlchen, Hausspatz, Heckenbraunelle, Mönchsgrasmücke, Dorngrasmücke, Fitis, Waldlaubsänger, Zilpzalp, Kolkrabe, Goldammer, Feldlerche, Gelbspötter, Drosselrohrsänger, Wacholderdrossel, Amsel, Bachstelze, Zaunkönig. Am besten waren einige Mönchsgrasmücken, die sich auf dem Hinweg nach Lüdersburg tierisch aufregten. Als ich zurückkam, waren sie immer noch nicht mit dem Geschimpfe fertig. Da dürfte hoch im Baum eine ziemlich genervte Eule versuchen, etwas Schlaf zu bekommen....


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Donnerstag, 27. Mai 2021

FTP ist "obsolet" und unsicher


Sondentyp: RS92-SGPL
SN:
M4443189
Frequenz:
403.0 MHz
Timerkill: keiner
Startstation:Pinneberg
(WMOID:-)
Flugdatum: 26.5.2021 12:00Z
Track Radiosondy
Maximale Höhe: 23221m
Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit: 4.57 m/s 
Landegeschwindigkeit: 19.5 m/s
Landestelle: Bad Oldesloe, LAT, LON:
53.79799,10.35050, Google Maps
Status: Kaltsondenbergung gemeinsam mit Arne; 26.5.2021, 14:44 UT
Methode: Tawhiri-Prediction nach Radiosondy-Daten

 Es beginnt alles an einem etwas hektischen Nachmittag als Bernd über Whatsappp anfragt, ob ich die Sonde aus Sasel im Blick hätte. Habe ich nicht. War gerade in Hamburg im Labor, habe noch zuhause etwas zu arbeiten und abends einen Vereinstermin. Wo soll sie denn landen? Bei Krummesse vor den Toren Lübecks - mit dem Auto einigermaßen erreichbar, aber auch nicht gerade um die Ecke. Dann gucke ich auf Radiosondy - und da ist eine weitere Sonde in der Luft. Aus Pinneberg, uralte Nummer. Es ist doch tatsächlich eine RS92! Zielgebiet Raum Bad Oldesloe, wahrscheinlich über die Autobahn von Schmalenbeck in 20 Minuten erreichbar.

Mit RS92 aus Pinneberg haben wir eigentlich nicht mehr gerechnet. Bei der letzten Serie waren es relativ ramponierte Exemplare, und mitten in der Serie folgten dann RS41. Also hatten die wohl den letzten Karton der alten Schätzchen aufgebraucht. Dem ist offenbar nicht so, aber die Sonde ist immerhin auch schon 5 Jahre alt. 

Also nehme ich besser ein Notebook mit, weil man mit Zilog die Qualität der sehr problematischen Frames nach der Landung besser abschätzen kann als mit einem TTGO. Rasch die neuesten Rinex-Daten herunterkopieren. Ich rufe die entsprechende Seite auf, und...es öffnet sich ein Fenster: "Mit welcher Software wollen Sie die Seite aufrufen"? Vorgeschlagen wird Chrome - und auch das geht nicht. Es stellt sich heraus, dass die Browser FTP nicht mehr unterstützen, weil das Protokoll "unsicher" und "obsolet" sei. Wobei letzteres angesichts der Massen von wissenschaftlichen Daten im Netz, die über FTP verbreitet werden, frech ist. Irgendwie lädt der TTGO ebenfalls keine Rinex-Daten herunter (am Abend tut er es, ich höre dann, dass die entsprechenden Server gerne mal down sind). Also wird das nichts mit der Decodierung der gelandeten Sonde. Ich muss also ohne Decodierung vor Ort auskommen. Eine Peilantenne habe ich in Schmalenbeck herumliegen und kommt mit. Ich nehme auch den Rechner mit. Vielleicht kann ich das Signal aufzeichnen und nachträglich decodieren. 

Mittlerweile ist die fallschirmlose Sonde bei Bad Oldesloe wie ein Stein heruntergefallen. Leider hat Bernds Station, die unweit davon liegt, den Sondenflug nicht erfasst. Probleme beim Herunterladen von Rinex-Daten haben offenbar auch andere - was gerade kein Trost ist. Dadurch beträgt die Höhe der letzten Sondenposition  769m, was die Genauigkeit der Landeprediction stark herabsetzt. Ich fühle mich daher irgendwie auf meinen persönlichen Stand von 2016 zurückgebombt. Die Position befindet sich am Südrand des Firmengeländes von Hako; ob man da so einfach mit einer Peilantenne herumspazieren kann?

Durch heftige Regenschauer bin ich über die Autobahn schnell vor Ort. Der Parkplatz der Firma ist legal benutzbar, weil ein paar Parkbuchten für die Besucher des nahen Friedhofs reserviert sind. Von dort aus habe ich aber keinen Empfang; weder mit dem TTGO noch mit dem SDR. Hier sendet nichts mehr. Bernd kommentiert den Befund via Whatsapp: "Da hat sich wohl beim Einschlag die Batterie gelöst". Das hat man manchmal bei der RS92.

Ich beginne das Gelände zu erkunden. An der Prediction stehen Werkstatt- und Lagergebäude, Haus des Betriebsarztes. Probleme beim Zugang oder Verbotsschilder gibt es nicht. Ich erkläre einem der herumstehenden Lagerhausleute den Grund meines Auftritts - er lässt mich machen. Aber da ist nichts. Ich gucke hier, ich gucke da, etwas Sondenartiges ist nicht erkennbar. Für ein massiveres Absuchen des Geländes bräuchte ich auf jeden Fall eine offizielle Genehmigung,  aber angesichts der ungenauen Prediction und ohne Signal wüsste ich auch nicht, wo ich überhaupt suchen sollte. So reicht es nur für einen flüchtigen Blick. Also zurück zum Auto. Vielleicht guck ich noch mal auf der anderen Seite, wo sich der Aufgang zum Friedhof und ein Bahnübergang  befinden. Richtungsmäßig ist das gar nicht so schlecht und vor allem kein Firmengelände. Also laufe ich los und sehe nach wenigen Metern die unverkennbaren Trümmer einer RS92 auf der Straße liegen. Kein Verkehrstod, sondern die Sonde ist beim Einschlag in sämtliche Komponenten zerteilt worden: Vorderteil, Rückteil und Batteriepaket liegen lose verstreut auf dem Pflaster. Bernd hatte Recht.

 

 

 

Es fehlt die Styroporverkleidung des Hinterteils. Ich finde sie auf einem Beet auf der anderen Straßenseite. Die Schnur wird abgeschnitten und, weil sie Tendenz hat, nach oben zu entschwinden, an einem Ast festgeknotet.

Die Schnur geht in einen Baum und von dort aus Richtung Friedhof. Arne ist inwischen aufgetaucht. Gemeinsam erkunden wir den Friedhof. Arne erspäht den kleinen roten Ballonrest im Baum. Ich habe da als Rotgrünblinder große Schwierigkeiten. Leider hängt das Ding etwas hoch, und man kommt auch nicht zu einer guten Position für die 15m-Stange. Wir kommen zu dem Schluss, dass Arne drüben testhalber die Schnur löst - vielleicht kommt der Ballonrest dann runter. Das gelingt. Ich kann die im Zeitlupentempo absinkenden Reste dann mit der Stange zu uns befördern, Arne wickelt schon die Schnur auf, und so haben wir mal wieder das gesamte Gespann aus der Umwelt entfernt. Die Sonde behält Arne - es ist seine erste RS92. Man sollte sie problemlos wieder zusammenbauen können, das Gehäuse ist kaum beschädigt.



 


Im Nachgang stellt sich heraus, dass man mit Filezilla an die Rinex-Daten herankommt. Auch Bernd wird seinen Raspby anders konfigurieren, so dass er sie wieder herunterlädt. Inzwischen sind RS92 so selten, dass man solche Probleme unbemerkt bleiben. Dieses Mal konnten wir unsere IT-Probleme jedenfalls mit Kaltsondenjagdinstinkten überwinden.


Montag, 24. Mai 2021

Mitten durch die Göhrde


Sondentyp: RS41-SGP
SN:
S3131489
Frequenz:
405.7 MHz
Timerkill: 5 Stunden
Startstation:
Bergen (WMOID:10238)
Flugdatum: 23.5.2020 6:00Z
Track Radiosondy
Maximale Höhe: 34568m
Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit: 5.04 m/s 
Landegeschwindigkeit: 7.4 m/s
Landestelle: Hohenzethen, LAT, LON:
53.0643113,10.8040672, Google Maps
Status: Kaltsondenbergung ; 23.5.2021, 14:58 UT
Methode: Tawhiri-Prediction nach Radiosondy-Daten

 

In der Woche vor Pfingsten kam es zu einem Manöversondensturm mit zahllosen Landungen in der Göhrde. Leider waren die Predictions aus den Internetquellen zum Teil wirklich schlecht, so dass kaum Sonden gefunden wurden. Am Pfingstsonntag ist etwas besseres Wetter angesagt. Leider sind über Pfingsten, wo zum ersten Mal seit langem die öffentlichen Verkehrsmittel voll zu werden drohen, massive Baumaßnahmen überall aktiv. Corona ist noch nicht vorbei, und ich habe kein Interesse, in einem überfüllten Ersatzbus zu enden. Andererseits lässt mich mein Impfstatus die Sache entspannter sehen als letzte Pfingsten. 

Am Morgen stellt sich heraus, dass die Nacht- und die Morgensonde im Wendland heruntergekommen sind, und so disponiere ich ein wenig um. Anreise mit der Wendlandbahn zur Station Göhrde. Natürlich verkehrt der Regionalzug ab Ahrensburg nicht, so dass ich ab Schmalenbeck die U-Bahn benutzen muss. Ich habe die 10m Stange in meiner Hamburger Wohnung; die 8m-Stange hat ein viel längeres Packmaß und muss am Fahrradrahmen festgezurrt werden. Was die Funktion als Faltrad behindert. Der Zug nach Lüneburg ist überfüllt, weil die S-Bahn nach Harburg gesperrt ist. In Lüneburg steht schon die Wendlandbahn. Deren Anschlüsse sind kritisch, weil sie nur alle 3 Stunden verkehrt. 

Die Stationen der Wendlandbahn liegen oft viele Kilometer von den gleichnamigen Ortschaften im Nirgendwo. Die erste Landestelle liegt in Göhrde. Ich bin an der Station Göhrde. Dennoch ist es eine Radtour von 5km, bis ich das kleine Nest am Rande des berühmten Göhrde-Waldes erreiche. Dort geht es zielsicher auf einen Waldweg. Direkt am Weg soll südlich des Dorfes die Sonde am Waldrand liegen. Ich suche ca. eine Stunde, inspiziere sogar noch einmal die Radiosondy-Karte, um die am Morgen eilig erstellte Prediction zu optimieren. Aber auch auf der benachbarten Wiese liegt nichts. Irgendwann gebe ich auf und radel weiter. 

Eine lange Straße führt durch die Göhrde, durch das größte zusammenhängende Mischwaldgebiet Norddeutschlands. Es zieht sich lange hin. Als ich den Südrand des Waldes erreiche, hat sich der Himmel schwarz zugezogen. Ein paar Schauer sind nicht so schlimm, aber zusammen mit plötzlichen Gegenwind-Sturmböen wird es fies. Links liegt die sehr ungenaue Prediction einer DFM.  Das Landegebiet ist zur Hälfte frisch gepflügt und gut übersichtlich. Auf der anderen Hälfte steht das Getreide bereits so hoch, dass ein solches Gespann dort gut versinken kann. Hier ist nichts zu machen. 

Kurz vor Hohenzethen geht es links in den Wald, und dann ist die Landestelle der Morgensonde erreicht. Kurz das Rad an den Baum ketten.



Aufgrund des Killtimers braucht man keinen Empfangsversuch zu unternehmen. Aufgrund der Erfahrung von vorhin möchte ich die Flugrichtung der Sonde etwas genauer kennen. Aber in der Göhrde gibt es sie noch, die Funklöcher. Also schlag ich mich in die Büsche. Hohe Kiefern, viel Unterholz. Und da sehe ich linkerhand Ballonrest und Schirm hoch im Baum



Mit dem Fernglas verfolge ich die Schnur über drei Baumwipfel, um sie dann zu verlieren. Also gehe ich ein paar Meter in Flugrichtung und sehe die Sonde am Boden liegen. 



Ich kann nur die Sonde und sehr viel Schnur erbeuten, der Versuch am Schirm endet mit Schnurriss. 

Danach geht es zurück zur Straße und dann noch eine lange, hügelige Strecke nach Bad Bevensen. Gut, dass ich inzwischen die Anfahrt zum Bahnhof gut kenne, ich kann den Zug nach Hause gerade so eben noch erwischen.


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Montag, 10. Mai 2021

DFM-Abroller live in Aktion!

Sondentyp: RS41-SGP

SN:17050846
Typ: DFM09
Frequenz: 403.468 MHz
Timerkill: keiner
Startstation: Bergen (Manöver)
Flugdatum: 10.5.2021 07:57Z (Landezeit)
Track Radiosondy
Maximale Höhe: 16831m
Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit: 5.17 m/s
Durchschnittliche Fallgeschwindigkeit: 4.07 m/s 
Landegeschwindigkeit: 3.2 m/s
Landestelle: Siek (Siekerberg), LAT, LON: 
53.63382,10.30993, Google Maps
Status: Geborgen am 10.5.2021, 11:50 UT
Methode: Decodierung des GPS mit TTGO
 
Seit ein paar Tagen gibt es mal wieder ein Manöver auf dem Truppenübungsplatz Bergen. Bei solchen Gelegenheiten werden DFM09-Sonden in Massen aufgelassen. Diesmal ist allerdings die Windrichtung suboptimal. Am Montag dreht der Wind nach Norden, und plötzlich sind wir im Zielgebiet. Allerdings fliegen die meisten DFMs sehr viel weiter nach Norden. Dann aber schlägt es direkt in meiner Heimat ein: Die fahrplanmäßige RS41-Morgensonde landet in Hoisdorf, und eine DFM mit schlechtem Fallschirm in Siek. Beides fußläufig von meinem Elternhaus zu erreichen. Doof bloß, dass ich gerade in Altona bin und auch noch auf Arbeit was zu erledigen habe. Das kann ich aber abkürzen. Jetzt könnte ich meines Sachen packen, mein Faltrad zusammenklappen und für das weitere Homeoffice nach Schmalenbeck fahren. Da auch laut Whatsapp niemand unterwegs ist, könnte ich kurz mal in Siek und Hoisdorf vorbeifahren. Also wird in Schmalenbeck allerlei für die Arbeit notwendiges Zeugs abgeladen, und der Sondenrucksack und die 10m-Stange bleiben gleich am Faltrad. Ich kenne die Landestelle in Siekerberg ganz gut, und da braucht man definitiv so etwas. 

Bei meinem Eintreffen vor Ort sendet die DFM noch, und der TTGO lässt sich nicht länger bitten. Wie erwartet liegt die Landestelle in dem kleinen bewaldeten Bereich östlich des Kreisels südlich der Straße nach Lütjensee. Nur wenige Meter von der Prediction entfernt. Wo ist die Sonde? Plötzlich sehe ich sie in 4m Höhe an einem kleinen Baum verhakt. Schütteln löst sie von der jungen Buche. Jetzt hängt sie frei an einer langen Schnur, die im Baumwipfel endet. Da sind auch Schirm und Abroller unübersehbar.
 

 
 
Für die 10m-Stange ist die Sonde eine leichte Beute. Der Fallschirm ist da schon etwas komplizierter. Als ich an der Schnur zerre, passiert etwas, das ich noch nicht kannte. Da ist kaum Widerstand! Ein großer Teil der Schnur hat sich beim Start offenbar nicht abgewickelt. So kann ich erstmals bestaunen, wie der sagenhafte Abroller der Firma Graw mit seinem kleinen Brems-Kinderballon funktioniert! Der kleine Ballon schwirrt beim Abrollen beachtlich durch die Gegend. Oben im Wipfel passiert sonst nichts, und mit der Zeit sammelt sich unten ein großer Schnurhaufen an. Jetzt ist die Schnur komplett abgerollt. Ganz freiwillig will der Schirm nicht aus der Natur! Also Handschuhe an, und kräftig gezogen. Die Schnüre der DFM09 sind ja wesentlich reißfester als die von Vaisala, und so kann ich den Schirm tatsächlich herunterbekommen. Aber nicht ganz: Er verhakt sich in der kleinen Buche, die auch schon bei der Sondenbergung im Weg war. Also muss die Stange noch einmal ran, und schon habe ich das ganze Gespann am Boden. 
 

 
Das Whatsappklingeln meines Handys hat während dieser Bergungsaktion fast durchgehend gepiept. Zeit mal nachzugucken, was da los ist. Stellt sich heraus, dass Jürgen die RS41 in Hoisdorf und eine weitere DFM09 eingesammelt hat. In Siekerberg war er auch, aber ohne Stange konnte er nichts unternehmen. Er zeigt auch ein Foto, und danach hing die Sonde etliche Meter höher als bei meiner Auffindesituation. Offenbar hat sich die Schnur nach Jürgens Weiterfahrt  mehr und mehr abgerollt, bis sich die Sonde in besagter kleiner Buche verhakt hat. Andere Sondenjäger kümmern sich um die weiter nördlich gelandeten Sonden und um die reguläre Bergener Mittagssonde. 

Also ist eine Weiterfahrt nach Hoisdorf nicht mehr nötig, so dass ich nach Schmalenbeck zurückradeln kann und mir dort vor dem Weiterarbeiten einen Kaffee genehmige. 


Sonntag, 9. Mai 2021

Die durchgebissene Sonde

Nach Sturm und kalten Tagen glaubte keiner an den Wetterbericht. "Sommersonntag, fast 30°C, Sonnenschein". Nach dem unerwarteten Sturm ist es dringend an der Zeit, ein paar Baumlander im Raum Lüneburg zu kontrollieren. Hartes Brot, denn die sind hartnäckig. Dann fliegt am Samstag eine Norderney-Mittagssonde herein. Platzen tut sie westlich von Bremervörde. Vielleicht wird es was für Rainer?. Nö, der Fallschirm ist zu gut. Vielleicht doch eher was für Uli in Buchholz? Nö, der Fallschirm ist zu gut. Das Ding kommt weit nach Osten voran und landet am Ende in dem berühmt-berüchtigten Waldgebiet der Göhrde. Etwas weit weg, aber vielleicht genau richtig für die Sonntagsradtour? Ich gucke mir die Sache in Locus an. Und was entdecke ich da? Im gleichen Waldabschnitt sind nur 1500m nördlich auf der digitalen Karte eine Reihe von Markierungen eingetragen: Ein paar niedrige Positionen einer Radiosonde, und eine Tawhiri-Prediction. Die Sondennummer passt zur Bergener Mitternachtssonde vom 29.4.2020. Mehr als ein Jahr ist es her, seit ich das da notiert habe, und inzwischen ist der Fall aus dem Gedächtnis gelöscht.

Ein Blick auf Radiosondy ergibt: "Status: UNBEKANNT". Naja, da gibt es noch einen Grund zu einer Radtour. 29.4.2020: Ein im Wendland ansässiger Freund erzählte mir neulich, dass das Pilzesuchen in der Göhrde sich nach dem Auftauchen von Wölfen jetzt so richtig lohnt.  Mein Bekannter würde ja gerne mal einen Wolf in freier Wildbahn sehen, aber die Spaziergänger und Pilzsucher schreckt das irgendwie ab. Die alte Landestelle liegt sowieso etwas abseits der Wanderwegen. Normale Sondenjäger hätten einen Fund eingetragen. Die ganzen Neusondenjäger sind kein Faktor; das war vor ihrer Zeit. Die Prediction macht einen guten Eindruck, also stehen die Chancen gar nicht so schlecht. 


Die Idee ist eine Anreise mit der Wendlandbahn nach Dahlenburg. Von da sind es mit dem Rad nach Groß-Thondorf 10km. Dort wird dann der Wald nach den beiden Sonden auf den Kopf gestellt, und je nach Uhrzeit könnte die Rückfahrt auch von Bad Bevensen aus erfolgen. Am Morgen ist die Norderney-Sonde nicht eingetragen, also los. Irgendwie scheint laut Internet-Fahrplanauskunft die erste Fahrt der Wendlandbahn auszufallen. Also geht die Radtour direkt von Bad Bevensen los. Das ist 3km länger - auch kein Problem, zumal man eine Stunde früher losfahren kann. Es geht über die Dörfer auf schmalen Straßen. Nachtigallen, Dorngrasmücken, Baumpieper in den Knicks, Kraniche auf den Feldern. Ich bin komplett overdressed. Es ist wirklich bereits in der Frühe sommerlich warm, obwohl die Sonne noch niedrig steht. Der Anorack wird zusammengerollt auf den Gepäckträger geklemmt. Als es hinter Kettelstorf in den Wald geht, singt da doch glatt ein Pirol - nur einmal ganz kurz, aber eindeutig. Und schon bin ich bei der Norderney-Landestelle.

Sondentyp: RS41-SGP
SN:
S2330369
Frequenz: 404.1 MHz
Timerkill: keiner
Startstation: Norderney (WMOID:10113)
Flugdatum: 08.05.2021 12:00Z
Track radiosondy.info
Maximale Höhe: 34907m
Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit: 4.90 m/s
Durchschnittliche Fallgeschwindigkeit: 5.8 m/s 
Landegeschwindigkeit: 2,6 m/s
Landestelle: KettelstorfLAT, LON: 
53.11575,10.738148, Google Maps
Status: Baumlander, von unten sichtbar in 20m Höhe, Schirm in 13m Höhe
Methode: Tawhiri-Prediction nach Radiosondy-Daten

Die formale Prediction liegt wenige Meter südlich vom Weg. Ich kette das Rad an eine Eiche und los gehts. Die Sonde dürfte etwas westlich liegen, und eher ein paar Meter nördlich vom Weg. Ich versuche zunächst, vom Weg aus etwas zu erkennen. Ein Weg geht nach Norden, das ist meiner! Die niedrig stehende Sonne blendet ziemlich. Plötzlich steht direkt rechts von mir eine mit einer Antenne ausgestattete Wildkamera. Ich drehe um, bevor da noch jemand die seltene Spezies Sondenjäger in seinem natürlichen Habitat filmen kann. Und da sehe dann rechterhand den Schirm 12-13m hoch im Baum hängen. Die Schnur leuchtet hell im Morgenlicht und verschwindet in einem Baum.   Hier kann man mit einer 10m Stange nichts weiter machen als die Koordinaten zu erfassen. Gestern flog eine Baumlandersonde von der Liste, heute kommt eine neue dazu. So ist das Leben, hart aber ungerecht.


Eine kurze Radtour über Waldwege bringt mich zu der alten Bergener Landestelle. Radfahrer lieben Reiter, die die Wege so zerstören, dass man sie kaum begehen und schon gar nicht befahren kann. So muss ich die letzten 200m schieben. Von meinem "Parkplatz" muss ich aber jetzt 200m nach Süden laufen. Ein paar umgestürzte Baumriesen werden umlaufen, aber dann ist das Ziel erreicht.

Sondentyp: RS41-SGP
SN:
R2330182
Frequenz:
405.7 MHz
Timerkill: 5 Stunden
Startstation:
Bergen (WMOID:10238)
Flugdatum: 29.4.2020 0:00Z
Track Radiosondy
Maximale Höhe: 21591m
Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit: 4.41 m/s 
Landegeschwindigkeit: 9.6  m/s
Landestelle: Groß-Thondorf, LAT, LON:
53.12708,10.724011, Google Maps
Status: Kaltsondenbergung ; 9.5.2021, 13:09 UT
Methode: Tawhiri-Prediction nach Radiosondy-Daten

Auch hier stehen locker hohe Kiefern herum, ein paar kleinere Fichten, und nur an einigen wenigen Stellen macht etwas Unterholz die Situtation unübersichtlich. Ich gehe davon aus, dass die Sonde mit sehr großer Wahrscheinlichkeit am Boden liegt. Die damalige Landegeschwindigkeit war hoch, und so dürfte sie bis zum Boden durchgeschlagen sein. Und wenn sie wirklich jemals in einem der nicht allzu dicht stehenden Bäume hing, wird sie sehr wahrscheinlich inzwischen heruntergefallen sein. So direkt sehe ich nichts. Ich suche mehr als eine halbe Stunde.  Also verfolge ich die ungefähre Flugrichtung. Ein Weg führt mich etwas zu weit nördlich, und so muss ich wieder durchs Unterholz. Das weiße Ding da was ist das? Eindeutig liegt da hinten eine Radoiosonde! Sofort erkenne ich aus der Ferne den Sondenhalter. Aber die Form sieht vertraut aus, aber stimmt irgendwie nicht....Der Grund: Jemand hat diese Sonde glatt durchgebissen, und es handelt sich nur um die obere Hälfte eines RS41-Gehäuses....Die wildschweintypischen Zahnabdrücke sind nur mit viel Phantasie zu zu erkennen, so dass der Täter nicht mit letzter Sicherheit ermittelt werden kann.



 

In 10m Umkreis finde ich die Platine und weitere Styroporteile. Die zweite Batterie fehlt. Hoffentlich endete die nicht im Verdauungstrakt eines Fellträgers. 




Von Schnüren und Fallschirmen ist nichts zu sehen. Das Klebeband, mit dem der Begleitzettel befestigt ist, ist noch da, und tatsächlich hat sich die Druckerschwärze des Aufdrucks übertragen.


 

Die abgenagten Reste landen im Rucksack und gut. 

Die Idee, über Dahlenburg zurück zu fahren, geht nicht auf, weil die Wendlandbahn bekanntlich im 3-Stunden-Takt verkehrt. Also geht es durch das hügelige Wendland bei strammen Gegenwind und inzwischen unangenehm schwüler Hitze zurück nach Bad Bevensen und von dort per Bahn nach Hamburg.



Samstag, 8. Mai 2021

Nach dem Sturm

Sondentyp: RS41-SGP
SN:
S0610858
Frequenz: 404.1 MHz
Timerkill: keiner
Startstation: Norderney (WMOID:10113)
Flugdatum: 01.11.2021 00:00Z
Track radiosondy.info und wetterson.de
Maximale Höhe: 34840m
Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit: 4.95 m/s
Durchschnittliche Fallgeschwindigkeit: 8.01 m/s 
Landegeschwindigkeit: 3,8 m/s
Landestelle: Neukloster LAT, LON: 
53.47815,9.63502, Google Maps
Status: Geborgen am 8.5.2021, 16:23UT
Methode: GPS-Koordinaten nach der Landung in Radiosondy, danke Kurt!
 
 
Diese Sonde landete am Sondenmagneten Neukloster im Wald. Dass es ein Baumlander war, wussten wir sofort, denn Kurt konnte mit seiner Turmantenne die Sonde nach der Landung empfangen. Ich habe die Landestelle mehrfach aufgesucht, oft auf der Rückfahrt von anderen Sondenjagden. Vom S-Bahnhof Neukloster sind es nur 500m. Zuletzt war ich nach den Frühjahrsstürmen am 28.2. vor Ort. Die Sonde hing 30m hoch und war recht hoffnungslos in den Zweigen verhakt, und auch der Fallschirm war hoch am Baum.



Anfang Mai passierte etwas sehr seltenes: Ein langanhaltender Maisturm. Jetzt wird es Zeit, die Baumhängerliste abzuarbeiten. Begonnen habe ich heute bei kaltem Wetter und beginnendem Nieselregen mit dieser Sonde. Hin, einsammeln und mit der nächsten S-Bahn zurück - das ist der Plan. Den Baum  hat es glatt umgehauen! Wird dies meine erste horizontale Baumbergung? Nein. Ein Check der GPS-Position und des alten Fotos zeigt, dass dies nicht der Baum mit der Sonde ist. Aber die Sonde liegt tatsächlich unter dem richtigen. Der Sensorarm ist schon mächtig angerostet, und die Batterien sind auch tiefenentladen.





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