Montag, 11. Dezember 2017

Meine erste Ozonsonde



Eine Ozonsonde zu finden ist im Raum Hamburg fast aussichtslos. Von den üblichen Startplätzen (Lindenberg, Hohenpeissenberg) sind wir maximal entfernt. Alle paar Jahre startet Kühlungsborn eine, und vor Jahren konnte Sondenjäger Harry eine solche in Trittau erbeuten. Dj1or alias „Funkpapa“ aus Nienburg(Weser) hat es da etwas besser. Bei extremen Windlagen fliegt schon mal eine Ozonsonde aus De Bilt bei Amsterdam bei ihm vorbei, und er hat schon ein paar davon erobert.

Einer Astrobekannten aus dem Westfälischen hatte ich mal die Story von diesem seltenen Geflügel erzählt. Für sie als Physikochemikerin ist sowas wie eine Ozonsonde natürlich spannend, und wir hatten fest vereinbart: Wenn so ein Ding in ihrer Gegend runterkommt und wir beide uns von unseren Jobs loseisen können, dann jagen wir der Ozonsonde hinterher. In Westfalen kommt das häufiger vor, zumindest häufiger als in Hamburg.

Also behielten wir die Sache im Auge. Wir sahen die Sonde vom 7.12., die im Neustädter Moor gelandet war und die „Funkpapa“ erbeutete. Wir guckten immer auf die Vorhersagen und bemerkten letzte Woche, dass Uccle vom 11.12.2017, 12Z, bei Bramsche bzw. Osnabrück herunterkommen würde. Auch die De Bilt-Sonde vom kommenden Donnerstag haben wir diskutiert. Aber zu keinem der Zeitpunkte konnten wir beide, und das war ein Problem. Ich hätte aber heute gekonnt, aber Petra nicht. Nächsten Donnerstag ist es umgekehrt. Aber kommt Zeit kommt Sonde, haben wir uns gesagt.

Da die Jagd nach der Ozonsonde erst einmal entfiel, hatte ich an meinem freien Tag als Ersatzbefriedigung am Vormittag ein Meppener Tandem erbeutet. Beim Mittagessen habe ich mir dann den Flug von Uccle 12Z auf der Bremer Seite aus reiner Neugier angeguckt. Irgendwann bemerkte ich, dass Ungewöhnliches vonstatten ging. Und ich begann nicht schlecht zu staunen; je weiter die Sonde flog, umso mehr fiel mir der Unterkiefer raus. Und dann begann die Hektik

 Die Sonde hätte, wie gesagt , laut Habhub bei Osnabrück  herunterkommen sollen. Das ist für eine Sonde aus Uccle schon recht weit. Sie flog auch brav da hin, wo sie sollte, stand aber über dem vorhergesagten Landegebiet in 30000m Höhe, und der Ballon war noch nicht geplatzt. Irgendwie flog diese Sonde einfach doppelt so weit wie vorgesehen. Also würde sie bei gut funktionierendem Fallschirm vor meiner Haustür herunterkommen!!! Andre und ich begannen zu whatsappen.  Wir hatten ja schon so manche Sonde gemeinsam gejagt und tauschen uns gerne über Aktuelles per Whatsapp aus. Ich vertrat ziemlich deutlich die Meinung, dass das Ding im Hamburger Sondenjägervordergarten herunterkommen würde. Der Landepunkt war noch schwer zu schätzen, denn die Vorhersagen der Höhenwinde lagen ja offenbar voll daneben. Ich nannte Handeloh als möglichen Landepunkt - dort hat unser Astroverein eine Sternwarte, die auch André gerne nutzt. André war zurückhaltender, rechnete mehr mit einer Landung in oder um Bremen – und da gäbe es zu viel Konkurrenz für eine späte Anreise . Auch warnte er vor dem heranrauschenden Schneesturm. 

Das furchtbare Wetter war ein echtes Problem, aber  andererseits: Ich wollte es unbedingt versuchen und dachte mir: Umdrehen kann man ja immer noch. Inzwischen galt es auch, handlungsfähig zu bleiben! Man darf hier in Hamburg das Rad  zwischen 16 und 18 Uhr nicht in die S-Bahn nehmen. Bis 16:00 sollte man also einen Abfahrtbahnhof Richtung Westen erreicht haben - vorzugsweise Harburg. 

Also: Sondenrucksack wieder geschultert (war ja noch nicht ausgepackt), Fahrrad aus dem Keller gewuchtet und rein in die S-Bahn. Zu dem Zeitpunkt hatte ich nur eine sehr vage Idee über das Zielgebiet. Spätestens in Harburg könnte ich auf der Bremer Seite ermitteln, ob es eher nach Buxtehude bzw. Bremervörde oder eher Richtung Buchholz gehen würde. Während der Fahrt stabilisierten sich die Landeprognosen in die Region um Fintel. Tostedt und Lauenbrück waren mögliche Zielbahnhöfe.

Rasch ein Ticket nach Scheeßel und eine Fahrrad-Tageskarte erstanden. Das Ticket nach Scheeßel wurde schon in der S-Bahn per App gekauft. Aber irgendwie konnte ich mit der App keine Fahrradkarte kaufen, oder war zu doof dazu, diese Funktion zu finden. Also Automat in Harburg. Und es war wie immer: Der eine Automat nahm keine Scheine UND keine Karte, und meinte sogar, ich solle mich wegen der Karte an meine Bank wenden. Der andere nahm keine Münzen,  aber dafür die Karte. Mittlerweile war der Zug nach Tostedt natürlich weg. Eigentlich erwies sich das aber als gut:  Inzwischen war die Sonde gelandet, und die letzte Prediction sah den Landeplatz direkt bei dem Dorf Vahlde – und zwar in freier Feldmark. Bei dem Wetter war es eindeutig besser, nach Lauenbrück zu fahren, weil der Weg von dort wesentlich kürzer war.

Und so wartete ich fast eine dreiviertel Stunde in Harburg auf den passenden Zug. Zum Ausgleich hat der Metronom die mit Abstand besten Fahrradabteile des Nordens. Lauenbrück lag nur 6 Straßenkilometer von der Landestelle entfernt. Ich hatte aber allmählich Zweifel, ob selbst das nicht zu weit sein könnte.

Der Blick aus dem Fenster war nämlich erschreckend: Draußen tobten heftige Schneeschauer. Innerhalb von Minuten bildeten sich auf dem Bahnsteigen richtige Schneewehen. Bei dem Wetter jagt man keinen Sondensuchhund vor die Tür. Es war fraglich, ob man da draußen überhaupt Fahrrad fahren könnte. Egal: Notfalls würde ich eben die 6 Kilometer durch Schneegestöber und durch die Nacht schieben. Denn wer seine Radiosonde liebt, der schiebt. Oder das Rad stehen lassen und zu Fuß gehen.

Ganz so schlimm war es am Ende nicht. Es schneite zwar immer noch massiv, aber die Straße nach Vahlde war frisch abgestreut, und man konnte sie vorsichtig befahren. Die anfangs heftigen Schneeschauer ließen auch langsam nach. Den Feldweg zur Landestelle – schneebedecktes, tückisch glattes Kopfsteinpflaster – habe ich lieber doch geschoben, aber das waren nur 500 Meter. Petrus hatte sogar ein Einsehen, und es hörte auf zu schneien. 

Also Rechner raus, Antenne raus und gelauscht. Und tatsächlich – da war ein schwaches Signal einer RS41 auf der Frequenz 403.5 MHz. Sehr schwach. Die mit Zusatzsensor versehene RS41 hört sich anders an und sieht auch anders im Wasserfalldiagramm als die normale RS41. Und natürlich hatte ich jetzt die Koordinaten der Landestelle. 

Rechner wieder im Rucksack verschwinden lassen, das Rad stehen lassen und munter losgestapft! Über ein komplett verschneites Mais-Stoppelfeld ging es in die richtige Richtung. Unmittelbar vor Erreichen der Position gebot ein breiter Entwässerungsgraben Halt. Ich war nur 8m von der GPS-Sondenposition entfernt. Mit der starken Taschenlampe konnte ich die andere Seite ableuchten – nichts. Kein Fallschirm, keine Schnüre, keine weiße Kiste. 8 (in Worten acht) Meter? Das kann nicht sein!  Rechner auspacken, Position checken – aber da war kein Fehler. Die Koordinaten hatte ich richtig in meine Handy-GPS-App getippt. Nochmal genau hingeguckt. Im weißen Schnee ist so eine weiße Kiste im Dunkeln nicht wirklich auffällig. Das Adrenalin erreichte ein Maximum, als ich endlich eine Styroporbox auf der anderen Seite liegen sah. Tief im Graben, aber nicht im Wasser.



Die Gummistiefel hatte ich in der Aufregung am Fahrrad gelassen. Sollte ich mit der 10m Stange die Sonde zu mir ziehen? Ja, vielleicht, aber erst einmal gucken, ob man nicht doch auf die andere Seite kommt. Google Earth ist Dein Freund – aber nicht im Funkloch. O2 can't do, but can O3? Ich ging den Graben entlang  in die eine Richtung und stand nach 150m vor NOCH einem Graben. Also in die andere Richtung. Und hier gab es nach 350m einen Wildübergang über den Graben. Also rüber. Und zurück zur Sonde. So sah sie von der anderen Seite aus:


Jetzt sah ich auch Fallschirm und  den recht kleinen Ballonrest – total mit Schnee überzuckert. Ich war erstaunt: Einen massiven Abroller, wie man ihn auf den Bildern immer sieht, gab es nicht! Das Ding hatte gar keinen Abroller, sondern wird einfach so in die Luft geworfen. Dafür war der Totex-Schirm der Knaller. 




Also wurde die Sonde an der sehr dicken Schnur nach oben gezogen und alles unter den Arm geklemmt.



Zurück am Rad ermöglichte es kreatives Umpacken, den weißen Kasten diskret in den Satteltaschen verschwinden zu lassen. Das war angesichts der Rückfahrt mit der Bahn angeraten. 

Die Rückfahrt nach Lauenbrück war einfacher als die Hinfahrt. Denn das Streusalz hatte inzwischen gewirkt. Erst auf dem letzten Kilometer setzte der massive Graupelschauer wieder ein. Da war auch verschmerzbar, dass ich die Bahn noch wegfahren sah, und dass das langsame Internet keinen Kartenkauf per App ermöglichte. Und dass der doofe Automat nur Münzen und keine Scheine nahm. Dafür aber diesmal die EC-Karte. Speziell im Metronom verstehen die Kontrolleure in solchen Situationen übrigens keinen Spaß.

Auf der Fahrt zurück ein paar Gedanken: Das war für mich der bisher spektakulärste Sondentag: Ein Meppen-Tandem ist an sich schon spannend. Und dann fliegt diese bereits abgeschriebene Ozonsonde mit über 200km/h und minialer Steigrate einfach mal doppelt so weit wie vorhergesagt - quasi direkt in meine Arme. Der Kampf mit den Elementen gehört in so einer Situation einfach dazu. Auf jeden Fall werde ich diesen ereignisreichen 11. Dezember lange in Erinnerung behalten. 


 
















Übersicht über alle Radiosondenfunde hier

Kommentare:

  1. Hallo Hartwig, yes, so geht das! :-) Jetzt müssen wir mal unser noch offenes Projekt "Filmen einer Sonde bei der Landung" in Angriff nehmen.

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  2. Herzlichen Glückwunsch zur ersten Ozonsonde. Früher kam da immer
    die ganze Prominenz der Sondenjäger zusammen und es wurde bis
    tief in die Nacht fachgesimpelt..

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    1. Hab mich auch gewundert, dass da sonst keiner auftauschte. Ich glaub das Wetter war dafür einfach zu abschreckend. Und das ganze kam auch sehr überraschend.

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  3. Herzlichen Glückwunsch zur ersten Ozonsonde!
    Dieser Bericht ist perfekt und Dein Einsatz ist beachtlich!
    Diese Sonde ist wirklich verdient!
    Auf meiner Seite habe ich eine Brewer-Mast mit einer RS92 erforscht und mit vielen Detailfotos:
    http://www.qsl.net/oe1ffs/Sondenpage/Sonde%20Ozon%20Brewer/Ozon%20Brewer.html
    Grüße aus Wien!
    OE1FFS Fritz

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