Samstag, 22. Februar 2020

Minimalistisches Design ist der letzte Schrei in Seedorf

Sondentyp: DFM09
SN: 17005017
Frequenz: 402.01 MHz
Startstation: Seedorf (Fallschirmjägerkaserne)
Flugdatum: 18.2.2020 20Z
Timerkill: -
Track Radiosondy und eigene Daten
Landestelle Bleckede, LAT LON: 53.330895,10.715491 Google Maps
Status: geborgen am 22.2.2020, 8:40Z
Methode: Tawhiri-Prediction auf Basis von radiosondy.info


Sonden von der Fallschirmjägerkaserne Seedorf bei Zeven sind selten und sind ungewöhnlich. Sie erreichen selten einmal zweistellige Höhen und fallen dann wie ein Stein vom Himmel. Daher stand zu vermuten dass kleine Ballons verwendet werden und man anders als bei den Manöversonden auf Fallschirme verzichtet. Heute haben sich diese Vorhersagen bestätigt.

Ich habe noch nie eine solche Sonde geborgen. Einmal versuchte ich es am Abend in der Gegend um Schneverdingen, aber das Objekt war schon weg, als ich kam. Das andere Mal fiel die Sonde unweit meines Elternhauses. Ich konnte sie sogar noch empfangen, aber sie sendete nur noch einen 1-2 Sekunden dauernden Puls, und das in Abständen von 1-2 Minuten. Sowas kann ich nicht peilen, und zu dekodieren war da auch nichts mehr. Eine DFM am Ende der Batterielebensdauer. Ich habe das zugehörige Rapsfeld gründlich durchsucht, konnte aber nichts finden. Auch nach der Ernte keine Trümmer. 

Am Dienstag, den 18.2.2020 flog abends eine solche Zevener Sonde.  Ich konnte sie bis in 526m Höhe tracken. Radiosondy.info hatte noch eine Position aus 287m Höhe. Eine Tawhiri-Prediction sollte relativ genau sein, die vorhergesagte Position lag auf einem freien Feld. "Hoffentlich wird sie geborgen", schrieb Chrischan Bützow alias AA1 im Radiosondenforum. 

Leider hatte ich die ganze Woche relativ viele berufliche und private Termine am Nachmittag und Abend, so dass eine Sondensuche nicht möglich schien.  Als sie am Freitag Abend nicht als gefunden gemeldet ist, fange ich an, über die Sache nachzudenken.

Am Wochenende sieht das Wetter bedenklich aus: Sturmböen und Regenschauer. Am Samstag Vormittag ergibt sich ein Zeitslot, an dem es zwar windig, aber nicht sooo nass sein würde. Also rein in den Zug. Hier soll ein Bus mich nach Bleckede bringen und dann das Faltrad zur 5 Kilometer entfernten Landestelle. Züge fahren nach Bleckede gar nicht mehr - nur der örtliche Kleinbahnverein macht da noch Dampf. Die sind auch am Bahnhof sehr aktiv und fahren knatternd mit einem Baggerwagen spazieren.
Das Wetter ist wie erwartet windig, und eine Regenjacke muss übergezogen werden. Dennoch, auf der Hinfahrt kommt der Wind von hinten. Die erste Lerche steigt singend auf, überall stehen Graugänse auf den Wiesen. An der Einbiegung zur Sonde schiebt ein Schwanenpaar Wache. Gleich hinter dem letzten Abzweig soll die Sonde auf dem Winterweizenfeld liegen. Auf den dritten Blick liegt da ein weißer Klecks in der Landschaft, 150m entfernt. Ein Blick durchs Fernglas zeigt: Das ist kein Joghourtbecher, sondern hat mit etwas Phantasie die grobe Form einer DFM09. Bin zu 85% sicher. Was mich besorgt stimmt: Außer dem weißen Fleck ist da keinerlei Beiwerk zu erkennen. 


Die Auffahrt über den Graben auf das Feld ist derart matschig, dass ich auch mit Gummistiefeln da nicht durchwaten mag. Also zurück - da hatte ich noch einen anderen Aufgang gesehen. Von dort geht es zu Fuß auf Grasbewuchs wieder den Graben entlang. Dort ist wieder der weiße Fleck sichtbar. Eine Treckerspur bringt mich hin. Der Boden ist fester als gedacht.

Kein Zweifel, das ist die DFM! So eine Minimalkonfiguration kannte ich bisher noch nicht einmal aus Pinneberg, aber minimalistisches Design soll ja modern sein. Alles, was man nicht unbedingt zum Fliegen braucht, ist bloß Firlefanz und kann weg. Wir nehmen also den kleinsten denkbaren Ballon, mindestens eine Nummer kleiner als die übliche Manöverversion. Der kann wohl nicht mehr als die Sonde hochbefördern und ist ja auch bereits in 8100m Höhe geplatzt. Dass das Ding keinen Fallschirm hat, war zu erwarten, aber dass die Schnur nur 60cm lang ist, überrascht doch. Aus unbekannten Gründen hat jemand eine Schlaufe reingeknotet und sie dadurch noch verkürzt. Dann braucht man natürlich auch keinen Abroller. Und auf Bundeswehr-Begleitzettel wird in Seedorf ebenfalls verzichtet.  Das ist alles.








Auf dem Rückweg mache ich die Erfahrung, dass Windböen Stärke 9 mit Graupeln das Vorankommen "etwas" erschweren. Der Regen hört am Bahnhof Zeven auf, wo ich etwas auf den Bus warten muss. Da mein Provider am Rand der Erdscheibe keine Sendemasten betreibt, kann ich auch keine Fundmeldung abgeben.


Sondentyp: DFM09
SN: 17008862
Frequenz: ? MHz
Startstation: bei Bergen (Manöver)
Flugdatum: 22.8.2018 15:06 LZ
Timerkill: -
Track Radiosondy und eigene Daten
Landestelle Sülbeck, LAT LON: 53.268155,10.553033 Google Maps
Status:Baumlander, von unten sichtbar, 25m hoch
Methode: Tawhiri-Prediction auf Basis eigener Daten

Auf der Hinfahrt habe ich bemerkt, dass der Bus an einigen Exemplaren meiner Kaltsondenliste in geringem Abstand vorbeifährt. Unter anderem hängt da wahrscheinlich irgendwo eine Manöver-DFM namens 17008862 seit dem 22.8.2018 in einem Kiefern-Buchen-Lärchenwald  hoch im Baum. Ich checke die Landestelle immer, wenn ich dort sowieso vorbeikomme. Bei meinem ersten Auftritt 9 Tage nach dem Flug konnte ich nichts Verdächtiges erkennen, weil das Laubdach der Buchen den Blick nach oben stark behinderte. Am 30.12.2018 kam ich wieder mal an der Stelle vorbei. Jetzt, nach dem Blattfall, konnte ich in einer Fichte den Fallschirm entdecken. Die Schnüre verschwanden im Nachbarbaum und dann im Nichts. Am 7.9.2019 war ich erneut vor Ort.  Aber nein, am Boden lag auch mehr als ein Jahr nach dem Flug nichts herum, und der Fallschirm im Baum war nicht mehr rot, sondern komplett ausgeblichen.  
Die letzten Male hatte ich die Strecke nach Lüneburg bzw. Echem komplett per Rad zurückgelegt - bei dem Wetter da draußen habe ich heute dazu keine Motivation. Aber auf der Hinfahrt war mir die Bushaltestelle "Sülbeck, An Den Eichen" aufgefallen. Die liegt nur 500m Luftlinie von der Landestelle entfernt. Die Busse fahren alle Stunde, Zeit genug, um sich zur Sonde durchzuschlagen, schnell nachzugucken und zur Station zurückzufahren. Aber sollte man das bei Sturm und Regen wirklich machen?  Das Wetter wird während der Busfahrt etwas besser. Kurz hinter der Neetzebrücke siegt Neugier über Bedenken. Ich  drücke beherzt den "Halt"-Knopf und steige an besagter Bushaltestelle aus. O.K., der Regen macht gerade eine Pause, aber der Wind ist immer noch stürmisch. Ich muss schnell machen, denn das hält bestimmt nicht lange an.

Gut, dass ich den Weg kenne. Ein Pirschweg zweigt rechts ab, er ist es mit dem  Faltrad nicht mehr befahrbar. Ich schiebe und trage es bis zu dem vertrauten Jagdstand und schließe es wie üblich an dessen Gerüst an. Zu Fuß geht es weiter. Ein Baum da vorne ist umgestürzt, leider hängt keine DFM in den Ästen. Da hinten muss nach GPS der Fallschirm-Baum sein. Da erkenne ich auf den ersten Blick nichts mehr. In der Richtung, in der ich die Sonde vermute, habe ich wieder kein Glück. Da liegt keine weiße Box am Boden. Zweifel kommen auf. Immerhin habe ich bei meinen vorigen Versuchen alle Bäume gründlich mit dem Fernglas von allen Seiten inspiziert - jeweils mehr als eine Stunde lang - und nichts gesehen. Nach den ganzen Stürmen der 2018/19 und jetzt 2020 ist es unwahrscheinlich, dass sie noch oben hängt. Und unten liegt sie nicht. Ob sie vielleicht damals auf den Boden durchgefallen ist und sofort andere Liebhaber gefunden hat?

Eigentlich ist die Position der Sonde aufgrund der damaligen Flugrichtung, der DFM-Schnurlänge und der Position des Fallschirms gut einzugrenzen. Ohne große Erwartung lasse ich den Blick durch  die infragekommenden Bäume schweifen. WAS IST DAS? Eindeutig eine DFM, die relativ gut sichtbar im Baum schaukelt. Geschätzt 25 Meter hoch, und 20 Meter von meiner ersten Prediction entfernt.

Des Rätsels Lösung: Das Ding hängt in einer Lärche. Das kenne ich schon. Ich hatte mal eine RS41 im Klecker Wald, die ebenfalls unsichtbar in einer Lärche hing. Da ich sie noch sendend angetroffen hatte, kannte ich ihre exakten Koordinaten. Ein anderer Sondenjäger und seine Freundin brachen plötzlich durchs Unterholz, erpeilten den gleichen Baum mit der Yagi, und dann starrten wir uns zu dritt die Augen aus dem Kopf. Ich checkte in der Folgezeit die Position in unregelmäßigen Abständen. Irgendwann zeigte ich Uli (alias Asohen) die Landestelle. Und der meinte sofort: "Da oben hängt sie doch". Lärchen werfen erst in der 2. Winterhälfte alle Nadeln ab, und durch die dichte Benadelung kann man vorher nicht hindurchgucken. Uli hat die Landestelle öfter mit seinem Mountainbike besucht, irgendwann die Sonde eingesammelt und mir das Ding dann bei einem Sondenjägertreffen grinsend überreicht.

Genau der gleiche Fall hier. Rasch noch mal ein paar afokale Fotos mit dem Handy und dem Feldstecher improvisiert, und dann geht es schnell zurück zum Rad und zur Bushaltestelle. Zwar fahre ich nicht mit einer zweiten DFM nach Hause. Aber immerhin weiß ich jetzt nach dem 4. Besuch, wo sie ist und dass sie noch da ist. Auf Dauer kommt sie sicherlich runter. DFM-Schnüre sind stabiler als die von Vaisala, aber die im Baum erkennbaren Schnüre sind rott und stehen nicht mehr mit der Sonde in Verbindung.  Sie hängt nur an einem ganz kurzen Schnurstück. Hoffen wir auf ein paar weitere Stürme, dann wird sie geborgen. Und einen etwas schnelleren Weg in die Landeregion kenne ich jetzt auch.





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