Sonntag, 7. Februar 2021

Windstärke 7, in Böen 9. Gefühlte Temperatur -10°C

 

Sondentyp: RS41-SGP
SN:
S2260430 Frequenz: 404.1 MHz
Timerkill: keiner
Startstation: Norderney (WMOID:10113)
Flugdatum: 06.02.2021 12:00Z
Track wetterson.de (seufz)

Maximale Höhe: 32426m
Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit: 5.27 m/s
Durchschnittliche Fallgeschwindigkeit: 13.99 m/s 
Landegeschwindigkeit: 6.1 m/s
Landestelle: Otterndorf, LAT, LON: 
53.80393,8.82432, Google Maps
Status: geborgen am 6.2.2021, 15:59UT
Methode: Decodierung des GPS mit TTGO

 

Irgendwie hatte ich Lust auf Frischluft, Radtour und Sondenbergung. Leider landete alles weit weg. Aber im HVV habe ich mit der Abo-Karte am Wochenende Gratisfahrt von Cuxhaven bis Schnega, und das muss ausgenutzt werden.  Der angekündigte Schneesturm mit Eisregen tobt sich weiter südlich aus, dafür bläst bei uns ein eisiger Ostwind, Windstärke 7-8, in Böen mehr. Kein ideales Radfahrwetter. Die Mitternachtssonde aus Norderney landet 8km südlich Cadenberge. Die Mittagssonde steuert auf Otterndorf zu. Ich bin schon in der Bahn, als sie noch in der Luft ist. Südlich der Ortschaft macht sie einen rasanten U-Turn, als sie in den Ostwindschicht gerät. Sie geht 5km westlich von Otterndorf nieder. Vielleicht würde man beide Sonden einsammeln können. 

 Ich habe die Rechnung nicht mit dem eisigen Wind und auch nicht mit der Konkurrenz gemacht. Kurz vor Cadenberge guck ich noch mal in Radiosondy.info. Oha, die Mitternachtssonde ist von DL4BAB, einem Funkamateur aus Buxtehude, soeben als geborgen eingetragen worden. Also sind all die Ideen, wie man beide Sonden mit einer Runde erbeuten könnte, gegenstandslos - angesichts des Wetters bin ich fast dankbar. Wenn aber mal die Mittagssonde nicht auch schon weg ist...

Der Zug rollt nach Otterndorf ein. Irgendein Defekt führt auf den letzten 200m zu 5-fachem Anhalten. Endlich ist der Bahnsteig erreicht. Eisiges Wetter. Starker Wind mit Sturmböen. Glücklicherweise bin ich warm angezogen, und außerdem geht es nach Westen. Der Rückenwind wirkt wie ein Motor. Der Weg führt über eine Bahnschranke. Die ist zu. Nach 10 Minuten ist deutlich: Da kommt kein Zug, die Schranke ist kaputt. Die Schlange der PKWs geht bis ins Ortszentrum zurück. Also dreh ich bei - da ist noch eine Schranke - die wird ja wohl offen sein. Das ist zwar ein Umweg von 2 Kilometern, aber hier geht nichts mehr. Der Wind kommt jetzt allerdings von VORNE. Ein knapper Kilometer, gefühlte Temperatur -10 Grad hatte der Wetterbericht gesagt. Wenn das mal reicht. Ich komme kaum gegen den Wind an. Knapp 10 Minuten später bin ich an der anderen Schranke. UND? Auch hier sind die Schranken zu. Die schnurgerade Bahnstrecke kann man kilometerweit überschauen. Weit und breit ist kein Zug. Am Bahnhof wird sogar durchgesagt, dass die Züge wegen technischer Defekte bis auf weiteres ausfallen. Während Otterndorf der Blechlawinen-Infarkt droht,  schlängeln sich inzwischen alle lokalen Fußgänger und Radfahrer munter zwischen den Fußgänger-Halbschranken hindurch, auf die "ewigen Störungen" schimpfend. 

Die Befürchtung, es könnte auf dem Radweg der Straßen glatt sein, ist unbegründet. Auf der Straße Richtung Sonde ist der Schub gewaltig, phasenweise muss ich nicht treten. Vorsicht ist geboten, wenn der Wind schräg von hinten kommt. Rasend schnell bin ich an der Abzweigung zu dem Fahrweg, wo die Sonde liegen soll. 

RDZsonde hat seit Neuestem eine App, die nun ihren ersten Ernstfall-Test bestehen muss. Leider kann ich - anders als bei ein paar Versuchen neulich - aus der App nicht Locus aufrufen und bin auf die Onlinekarten angewiesen. In so einem Fall kämpft man besser nicht mit der Technik, sondern arbeitet mit dem, was funktioniert. Meine Position und die der Sonde sind in der App-Darstellung bestens erkennbar, so dass ich die Sonde gut lokalisieren kann.


 

Die Sonde hat es knapp nicht über den  Fahrweg geschafft, nicht einmal über den breiten Wassergraben. Die Schnur geht über eine Telefonleitung hoch über dem Fahrweg und endet auf dem Nachbaracker. Ich versuche die Sonde an der Schnur über den Graben zu ziehen. Aber die ist drüben verhakt oder festgefroren. Auch der Acker auf der Fallschirmseite ist von einem Graben abgegrenzt, aber der ist schmal genug, dass ich rüberspringen kann. So kann ich problemlos dem Fallschirm und dem großen Ballonrest bergen.


 

Irgendwie muss ich zu der Sonde auf der anderen Seite. Nirgends sehe ich eine Stelle, wo man sicher rüberkommt. An der Einmündung des Weges gibt es auch keinen Zugang. Der Streifen Zwischensaat, auf dem die Sonde liegt, ist rundrum von Gräben begrenzt. Also fahre ich den langen Weg weiter ab, immer auf der Suche nach einer schmalen Stelle. Am Ende des Weges steht ein Gehöft, und dort kommt man über den Graben. Ich frage um Erlaubnis. Der Besitzer erweist sich als supernett und interessiert und lässt mich machen. Von hier stolper ich über den etwas unwegsamen Streifen zwischen den Gräben die 500m zurück zur Sonde, die ich problemlos bergen kann. 



 

Zurück zum Bauernhof, die Beute erklärt, und los gehts heimwärts. Ich verpacke an der Busbucht am Beginn des Weges noch rasch ein paar Sachen. Ein Auto fährt in die Busbucht, bleibt stehen, Cuxhavener Kennzeichen. Fahrer bleibt an Bord, hantiert drinnen mit irgendeinem kleinen Gegenstand. Ob er da einen TTGO hat? Beobachtet mich skeptisch. Ich mag jetzt auch nicht auf Verdacht an seinem Autofenster klopfen und ihn fragen. Der experimentelle Biologe neigt bei Begegnungen mit unverstandenen Organismen dazu, deren Responsivität und Sensitivität mit einem einfachen Biotest zu erkunden, in der Hoffnung, eine spezifische Reaktion auszulösen . Also greife ich diskret in meine Tasche und schalte die Sonde an. Die "Testperson" legt nach einer Lag-Phase von ca. 20 Sekunden den Gang ein und fährt davon. Ich glaube eine gewisse Hektik zu erkennen. Der Experimentator ist aufgrund des suboptimalen Versuchsdesigns so schlau wie vorher. War das nun Zufall oder war der wirklich wegen der Sonde da? Man wird es nie erfahren.

Nach Otterndorf sind es auf dem kürzesten Weg nur 5km, nach Cuxhaven fast die dreifache Distanz. Es ist selbstverständlich, dass ich da den "Hilfsmotor" wähle, statt gegen den immer stärker werdenden eisigen Wind anzukämpfen. Angenehm  gleite ich dahin und bin sicher genau so schnell am Ziel, bloß nicht im erfrorenen Zustand. Kurze Feststellung: In Cuxhaven riecht es wirklich nach Fisch. Als ich den Bahnsteig erreiche,  rollt gerade der Zug nach Hamburg ein. Ich bin in dem Wagen bis Stade der einzige Fahrgast.



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