Freitag, 16. Januar 2026

Öffentlichkeits-Rasterfahndung im Wohngebiet

Sondentyp: RS41-SGP
SN:
 
X2652533
Produktionsdatum:2025-06-27
Frequenz: 403.9 MHz
Timerkill:
keiner

Startstation:
DeBilt
(WMOID: 06260))
Flugdatum: 16.
1.2026 00:00Z
Track
radiosondy

Maximale Höhe:
 33236m
Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit
: 4.15 m/s

Landegeschwindigkeit:
 2.6m/s

Fundstelle: Itzehoe
LAT, LON:
 
53.94971,9.489264  Google Maps
Status: Geborgen am 16.1.2026,13:55
 UT.
Methode: 
Extrapolation  nach Radiosondy/Sondehub-Daten 

Am 16.1. landet ganz unerwartet eine Sonde der niederländischen Station De Bilt mitten in Itzehoe. Sobald ich mich vom Job loseisen kann, sitze ich im Regionalzug nach Itzehoe. Die Landeregion kenne ich schon, weil ich vor fast 10 Jahren meine erste Kaltsonde hier erbeutet habe, keine 500m von der heutigen Landestelle entfernt. Damals hing die Sonde allerdings in einem Knick an einem Feldrand. Heute erlauben Bernds Daten via Radiosondy und wettersonde.net eine viel bessere Eingrenzung der Landestelle. Allerdings fürchte ich, dass die Chancen 12 Stunden nach der Landung mitten in einem Wohngebiet mit Einzelhausbebauung  bereits drastisch vermindert sind.  

Die Bushaltestelle "Käthe-Kollwitz-Straße" befindet sich direkt vor Ort. Als erstes streife ich durch den Kirchweg und den Rundweg der  Gertrud-Bäumer-Straße. Ich lasse meine Blicke schweifen. Fehlanzeige. Allerdings versperren Hecken und Verschläge den Blick in die Gärten. Aber im Großen und Ganzen ist das Gelände recht übersichtlich, so dass mein Optimismus schwindet. Zur Wahrung der Restchance hilft nur eine Öffentlichkeitsfahndung.

An einem der Häuser in der "heißen Landezone" spreche ich einen jungen Mann an, der gerade seine Eltern besucht - denen ist nichts aufgefallen. Das Nachbarhaus liegt direkt auf der Extrapolationslösung, und das Gespräch mit seinem Besitzer ist typisch für die folgenden Interaktionen mit den Anwohnern: 

Dingdong
 

Ein älterer Herr öffnet, ich mache den Erklärbär.

"Was? Nein ich war heute noch gar nicht im Garten, sie können aber ruhig mal rumgucken, ich komme auch gleich gucken".

In dem Garten gibt es leider nichts Erhellendes zu sehen.  

Ich gehe einmal um den Block - und gewinne keine weiteren Erkenntnisse. An der statistisch immer aussichtsreichen 75% Extrapolation steht exakt ein Haus am Kirchweg. Dort vollzieht sich wiederum das Standardgespräch (siehe oben). Der Inhaber ist etwas älter, aber sehr fit und ungemein dynamisch. Jedenfalls kann ich ihn nicht davon abhalten, dass er sofort in den Garten läuft, eine Leiter ergreift und aufs Dach seiner Garage klettert.  Von oben kann er auch nichts erkennen. In seinem Garten und in den Bäumen auf dem Grundstück finden sich keine Spuren des Gespanns. Merkwürdig eigentlich, denn die Fallschirme aus De Bilt sind ja eigentlich groß, rot und unübersehbar. 

Er lässt sich auch die Karte zeigen und meint "Was ist, wenn sie kürzer geflogen ist? Ich kenn die Nachbarin auf der gegenüber liegenden Straßenseite gut, wir gehen da mal gucken." Die Nachbarin hat aber  nichts bemerkt, und in ihrem Garten ist aber auch nichts zu finden. Der Hund des Hauses ist von der Idee, dass es etwas zu suchen gibt, relativ begeistert. 

Das ist doch etwas merkwürdig. Angesichts der Gewohnheit der Bewohner, erst in der zweiten Tageshäfte den Garten zu erkunden, ist ein Verschwinden des Gespanns durch Entsorgung gar nicht so wahrscheinlich. Also drehe ich noch ein weitere Runde um die Gertrud-Bäumer-Straße - aber da gibt es nichts zu sehen. Ich bin wieder am Beginn der Straße. Ein letztes Mal lasse ich die Blicke schweifen. Aber was ist das? 100m entfernt glänzt in einem Zwischeraum zwischen Büschen, Hecken und einer Garage etwas Helles. Von der Größe her könnte das hinkommen, aber stimmt auch die Form?  Ich krame ein Fernglas aus meinem Rucksack. Ich muss mich etwas hin- und herbewegen, um wirklich durch die Lücke im Buschwerk gucken zu können. Dann steht es fest: In einem Busch vor der besagten Garage hat sich eine RS41 verhakt. Im Vorbeigehen stelle ich fest, dass man die Sonde notfalls vom Parkplatz aus greifen könnte. Aber wo sind Fallschirm und Ballonrest? Und wie konnte ich sie übersehen?

Die Schnur quert die Straße an der Biegung in 3m Höhe und verschwindet unauffällig an einem Hausdach. Ich bin tatsächlich bei meiner Suche dreimal darunter durchgelaufen. Mit der mitgebrachten Stange ist vom Gehweg aus die Leine schnell geangelt. Bei Schnurzug kommt hinter dem Dach ein Ballonrest zum Vorschein! 



Dann hakt die Schnur. Ich bemerke, dass in dem Garten der Besitzer werkelt. Ich spreche ihn an, auch er erweist sich als superfreundlich und hilfbereit.  Gemeinsam erkunden wir die Lage. 

Der Schirm ist deshalb nicht vom Dach zu befördern, weil er gar nicht auf dem Dach liegt. Sondern auf dem Balkon im ersten Stock des Hauses. Da ist er natürlich von der Straße aus nicht zu sehen. Und dort hat sich der Abroller im Balkongitter verklemmt. Der Bewohner muss erst einmal den Rollladen hochdrehen - er war noch nicht auf dem Balkon gewesen. Er befreit den Abroller und wirft  die guten Sachen herunter.  Der Rest ist einfach. 

Jetzt muss ich  noch rasch mit dem Besitzer des Sondengrundstücks Kontakt aufnehmen, diesmal handelt es sich um einem jungen Mann. Er hat es etwas eilig, weil er seinen Flieger kriegen muss, aber meine Sondenbergung ist reine Formsache und schnell gemacht. Mangels Schnurzug ist die Sonde von dem Busch heruntergefallen und muss nur vom Boden aufgesammelt werden.

 

Dem Besitzer des Hauses am Kirchweg kann ich noch die Auflösung des Rätsels berichten. In dem Lidl an der Bushaltestelle "Kirchweg Nord" hab ich nach meiner Sondenjagd 2016 schon mal eingekauft. Dort entspann sich damals ein unvergesslicher Wortwechsel mit der Kassiererin:

"Was raschelt denn da in ihrer Tüte?" "Ach wissen Sie, das ist nur der Fallschirm eines Wetterballons." "Ach so, na dann, schönen Tag!" 

Heute werde ich nicht an der Kasse rascheln. Denn da kommt schon der Bus, der mich zurück zum Bahnhof Itzehoe bringt. 

Übersicht über alle Sondenfunde hier
Karte aller Sondenfunde hier

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