Donnerstag, 28. Dezember 2017

Schon wieder ein Baumlander....

Die Mittagssonde aus Norderney N3330634 sollte laut Prognose im Hamburger Raum niedergehen, und ich wurde nicht enttäuscht. Ich konnte die Endphase des Flugs bis in 119m GPS-Höhe (entspricht 43m über Grund) verfolgen. Die letzte Position lag laut Google-Earth über einem Wäldchen, und die Habhub-Prediction lag auf dem Gelände einer Kiesgrube in Glashütte. Ich entschloss mich, sofort nach der Landung loszufahren. Die nächste Bushaltestelle (Robert-Koch-Straße Mitte) war nur etwa 270m von der Landestelle entfernt.

An der Haltestelle nutzte ich das Bushäuschen zu einem sofortigen Empfangsversuch. Die GPS- Position der Sonde befand sich gerade so eben nicht auf dem Kieswerksgelände, sondern in dem Wäldchen. Und nach einer überschlagsmäßig korrigierten Höhe zu urteilen 20m über dem Grund. Schon wieder ein Baumlander!

Vom Eingang des Kieswerks sah man eine verdächtige weiße Tüte am Rand des Geländes - wie sich später herausstellte, der Schirm, fast exakt auf meiner Landevorhersageposition. Die Sonde war ja aber im Wald, der zudem den Vorteil hatte, dass er nicht abgesperrt war. Das Vorankommen dort war anstrengend, denn das Wäldchen war ein Urwäldchen mit viel dichtem Unterholz. Die heftigen Herbststürme hatten die meisten größeren Bäume umgeworfen. Ohne Machete gelangte ich an die GPS-Position und konnte auch sehr schnell im äußersten Wipfel einer Birke die Sonde sichten. Das Supertele meiner Bridge-Kamera musste den zuhause vergessenen Feldstecher ersetzten und konnte gleich noch ein paar Fotos und Videos aufnehmen






Die Schnur ließ sich von dem Baum über eine angrenzende Wiese auf das Gelände des Kieswerks verfolgen und konnte am Zaun zum Kieswerk locker mit der Stange in 5-6 Metern Höhe abgegriffen werden. Im Baum war erkennbar, dass man die Sonde durch Ziehen und Loslassen der Leine  im Baum hochziehen und abseilen konnte. Also wurde die Schnur gekappt, und die Sonde kam problemlos auf den Boden.


Auf dem Kieswerksgelände war niemand zu sehen, den man hätte fragen können. Die Arbeiter dort werden sich wohl morgen über Schirm, Ballonrest und Schnur wundern und dürften kein Problem haben, diese Reste zu entsorgen.


Freitag, 22. Dezember 2017

Sondenmagnet bei Harsefeld

Es gibt Gegenden in meinem Radiosondenrevier, die Radiosonden magnetisch anziehen. Zum Beispiel die Region um Harsefeld, Brest-Aspe und Kutenholz. Inzwischen kennt man die wesentlichen Straßen und fährt fast ohne Handy-Navy zur Sonde. Die inzwischen stumme Schleswiger Mitternachtssonde vom 20.12.2017, N3550519, sollte am 22.12. besucht werden. Also rein mit Rad in den Zug nach Brest-Aspe, 4 Kilometer auf der Straße nach Wedel, und die Sonde sollte laut Bremer Vorhersage  AUF der Straße am nörlichen Ende des Wäldchens, an dem die Straße westlich vorbeiführt, liegen. Da war nichts zu sehen. Ich vermutete aufgrund der Flugbahn die Sonde etwas südlicher. Aber da war auch nichts. Also rein in den Wald. Die Sonde konnte aber nicht tief im Wald liegen. Die Bäume gründlich inspiziert. Nicht gründlich genug. Auf der anderen Seite des Bachs ging ein Weg am nördlichen Waldrand entlang. Und wie üblich sind Baumlander aus einiger Entfernung leichter auszumachen. Hier ein afokales Handybild durch den Feldstecher:




Also zurück in den Wald. Es stellte sich heraus, dass ich direkt unter dem Schirm durchgelaufen war. Und auch unter der Sonde!  Die war durch Verfolgung der Schnur leicht lokalisierbar.

Sie hing etwa 8-9 Meter hoch, also mit der 10m Stange problemlos abzupflücken.

Leider verliefen ein paar Versuche zur Bergung von Schnur und Fallschirm weniger erfolgreich. Man konnte den Fallschirm leider nur auf den Wipfel des Nachbarbaums an der Sondenschnur ablassen.




Sonntag, 17. Dezember 2017

Rätselsonde zum 3. Advent

Am Samstagmorgen flog eine  sehr eigenartige RS41-Sonde aus Richtung Nordsee kommend ins nördliche Niedersachsen ein: N3820608, die auf 404.0 MHz sendete und südöstlich von Cuxhaven landete. Dann folgte am Abend  N3820610, die es bis zum Sondenmagneten bei Harsefeld verschlug. Ich kam gerade pünktlich zur Landung zuhause an, konnte aber bei der sehr ungewöhnlichen Frequenz von 400.5 MHz nichts empfangen. Bremen verlor die Sonde in 1015m Höhe - das ist extrem hoch, denn Harsefeld ist sonst immer für einen Empfang aus Bremen von 200-300m gut. N3820608 konnte Bremen bis in 397m Höhe verfolgen. Auch war laut Bremer Seite bei beiden Sonden ein Burstkill aktiv.



Das war aber eindeutig kein klassischer Burstkill, denn die Sonden sendeten ja noch lange nach dem Platzen.

Interessant war bei beiden Sonden der Startplatz irgendwo in der Nordsee. Die erste Idee vieler Sondenfreunde war die Ecofisk-Plattform, von der regelmäßig Sonden fliegen und die in der Rückwärtsverlängerung des Tracks lag. Aber das kam nicht hin: Die Bremer Spuren begannen beide im Raum Helgoland in ca. 3000m Höhe. Das deutete entweder auf Helgoland oder auf ein Forschungsschiff im Seegebiet um Helgoland.

Ich überlegte kurz, ob ich gleich wieder in die S-Bahn springen würde. Aber die Mitteilung "Burst-Kill aktiv" schreckte mich doch ab. Es konnte sein, dass da ein Timerkill aktiv war, und dass das Verlöschen der Sonde in 1000m Höhe und mein erfolgloser Empfangsversuch entweder bereits auf diese Einstellung zurückzuführen waren, oder dass die Sonde alsbald nach der Landung sich abschalten würde. Ich beschloss stattdessen, das angesagte schöne Wetter am Adventssonntag für eine kleine Radtour zu nutzen. Vielleicht könnte man ja eine Spur der merkwürdigen Meeressonde finden.

Allzu viel Optimismus hatte ich allerdings nicht. Denn die Bremer Prognose war in den letzten Tagen recht unsicher, mehr als ein paar hundert Meter Radius gab ich der Genauigkeit angesichts der großen letzten Höhe und der am Ende hin- und herspringenden Landepositionen nicht. Ich würde die Gegend gründlich mit dem Fernglas absuchen und auf ein auffälligiges Landesetting hoffen.

Eine Fahrt der wegen Signalstörung nur so dahinschleichenden S-Bahn brachte mich nach Neukloster, und von da ging es per Rad zur Landestelle bei Rutenbeck nahe Harsefeld. Aus 2km Entfernung sah ich einmal ein leuchtend helles Objekt in dem Wald voraus. Das hatte ich nicht weiter beachtet, aber aus 1000m Entfernung guckte ich wieder in die Richtung - ich fuhr ja genau drauf zu. Und jetzt war der Lichtpunkt extrem auffällig.



Lokalisation der Landestelle durch einfaches nach Vorne Gucken beim Radfahren (ENVG)
Ich behielt es im Auge, und in 300m Entfernung hielt ich an und kramte aus dem Ruchsack den 10x50 heraus. Darin sah das Ding SEHR nach einem Fallschirm aus.

 Nachdem ich an einem Restaurant vorbeigefahren war, hatte ich freien Blick auf das weiße Objekt auf dem angrenzenden Waldgrundstück zur Rechten, und jetzt war die Identifikation ganz eindeutig.









Ich verfolgte die in der Sonne glänzende Schnur und fand zu meiner extremen Freude über dem Radweg in ca. 6-8m Höhe eine RS41 an der Schur baumeln! Sonden-Drive In für fahrradfahrende Sondenjäger.







Die Bewohner der umliegenden Häuser waren auf meine Aktivität aufmerksam geworden. Die ganze Bergephase hindurch kam immer mal wieder einer raus und sprach mich an. Sie hatten das Ding auch schon gesehen, und mein Erscheinen hatte ja ganz offensichtlich etwas mit dem "Ding" zu tun. Sie baten um eine Erklärung, was das für eine "komischer weißer Kasten" sei. Diese Sache verzögerte die Bergung um ca. 15 Minuten, brachte Spaß. Ich machte sie auf den Fallschirm in dem anderen Baum aufmerksam. Sehr komisch: KEINER hatte den Schirm gesehen, aber alle die Sonde. Das war erstaunlich, denn ich habe wirklich selten einen derart ins Auge springenden Schirm gesehen.  Sie meinten, dass die Sonde ihnen ins Fenster geblinkt hätte. Klar, die Sonde rotierte wie wild an der Schnur, und dass das Flares verursacht, kennt man ja.

Die Sonde war gefundenes Fressen für die 10m Stange und wurde mit Schnur-Haken-Technik problemlos zu Boden gebracht.



Allerdings misslang der Versuch, den Schirm in 25-30m Höhe freizubekommen, er war komplett verhakt, die Schnur riss.


Das Rätsel, woher die Sonde kam, wurde mangels Label nicht gelöst. Das tat aber Gerd DF3EY aus dem Radiosondenforum. Das Netz ist allwissend, und er konnte den vermutlichen Urheber der Sonden ermittelten: Zur fraglichen Zeit war das Forschungsschiff Walther Herwig III vor Helgoland im Einsatz.


Der Burstkill ist in Sondemonitor beim Neuanschalten nicht zu erkennen, anders als der Timerkill der RS41. Ich verstehe die Burstkillerei auf einem Forschungsschiff nicht. Denn 90% der dort gestarteten Sonden dürften durch Splashdown ganz von selbst gekillt werden.  Wahrscheinlich wissen die User vor Ort nicht, wie oder warum man den Burstkill abschaltet, und bis vor kurzem war er ja default auf ON. Vaisala änderte das ja nach der Don't kill the Sondes Kampagne der Sondenjäger. In Deutschland war das aber nie ein Problem, weil die hiesigen Starter immer smart genug waren, die Option abzuschalten.







Aber der Zilog-Decoder zeigte den Burstkill an: 

[  309] (N3820610) So 2017-12-17 19:04:47.000  lat: 53.xxxx  lon: 9.9xxxxx  alt: 69.02   vH:  0.1  D:  85.5-¦  vV: 0.1  # [00000]: BK 01



Freitag, 15. Dezember 2017

Norderneysonde im Baum bei Stelle

Die Sonde landete heute in einem Wald bei Stelle südöstlich von Hamburg. War bei Dunkelheit vor Ort. Ein Waldweg führt bis 50m vor die Sondenposition. Unwegsames Gelände, sehr viel Unterholz, Gestrüpp und umgekippte Baumleichen. Sonde hängt leider 14m über Grund (laut GPS) im Wipfel einer Kiefer. Konnte die Sonde im Schein der Lampe erkennen, verhakt am Sensorarm. Würde die Höhe vielleicht noch etwas höher schätzen. Dürfte selbst mit der 15m Stange kompliziert werden. Leider war eine relativ aufwändige Suche nach den anderen Teilen des Gespanns erfolglos. Ich konnte die Schnur selbst mit Lampe und Feldstecher nicht erkennen. Habe die Gegend östlich und südöstlich der Landestelle im typischen RS41-Schnur-Radius intensiv mit Lampe abgesucht, aber den Fallschirm nicht entdecken können. Bei Gelegenheit sollte man die Sache mal bei Tageslicht angucken.

Nachdem ich seit dem Sommer denke, dass Waldlandungen fast so einfach zu bergen sind wie Wiesenlandungen, merke ich derzeit, dass meine Baumlanderliste, die man nach den Frühjahrsstürmen nachsuchen muss, zur Zeit immer länger wird. Immer gleiches Prinzip: RS41, 15-25m, Nadelbaum.

Aber man darf nicht undankbar sein am Ende der bisher schönsten Sondenjagd-Woche.

Update am 26.12.2017: Sonde geborgen
Heute nutzte ich den freien Tag, der Landestelle bei Tageslicht einen Besuch abzustatten. Die Sonde war unverändert hoch in der Kiefer, hing aber an einem Stück Schnur und nicht wie zuletzt in der Astgabel. Von unten war die Sonde aber nur aus bestimmten Blickwinkeln erkennbar.


 Die Schnur konnte ich durch die Baumwipfel verfolgen, so dass ich nach einigem Hin- und Her auch den Fallschirm finden konnte, der etwa 40m entfernt in einer Eiche hing.

Der war aber, im Gegensatz zur Sonde, knapp in der Reichweite meiner 10m Stange. Also wurde an deren Spitze ein Rasierklingenhalter befestigt und damit die Schnur gekappt. Die flutschte sofort außer Sichtweite. Ich habe dann noch versucht, den Schirm zu ergreifen und zu beseitigen, was mir aber nicht gelang, weil der Haken sich immer wieder im dichten Unterholz verfing. Da die Sonne unterging, wollte ich noch bei Tageslicht sehen, was sich nach der Operation auf der Sondenseite geändert hatte. Also kämpfte ich mich zurück durchs Unterholz zur Kiefer.

Leider lag die Sonde nicht, wie erhofft am Boden, hatte sich aber immerhin deutlich abgesenkt.




Ein Versuch mit der 10m Stange: Knapp zu kurz. Also ein Zweig oben mit Tape befestigt, daran die Klinge. Damit konnte ich die Sonde zwar berühren, aber nicht die Schnur durchschneiden. Also ein Versuch mit Schnur, Zweig und Haken. Den Haken musste man vorsichtig durch die Astlücken im Unterholz hindurchbugsieren, was ca. 15 Minuten dauerte. Dann aber hatte ich freie Luft nach oben. Ich konnte ein paarmal die Sonde deutlich anstoßen, einmal habe ich auch mit dem Haken die Schnur kurz einfangen können, konnte aber nicht viel Kraft ausüben, bevor die Schnur sich wieder ausklinkte. Aber was war das? Als ich die Stange wieder in Stellung gebracht hatte, hing die Sonde plötzlich tiefer. Offenbar verhinderte nur wenig Reibungswiderstand die Reise der Sonde nach unten, und den hatte ich überwunden. Stange einziehen, den jetzt unpraktischen Zweig abmontiert, Haken wieder dranmontiert. Und inzwischen war die Sonde noch tiefer gesackt, so dass ich sie eigentlich nur noch vom Unterholz abheben brauchte.

Einen Abschiedsversuch beim Fallschirm habe ich, weil es rasch dunkel wurde, nicht unternommen. Aber Sonde und 50 Meter Schnur wurden erfolgreich aus der Umwelt entfernt.

Da der Zug in Stelle erst in zwei Stunden fuhr, bin ich dann die ca. 15km nach Harburg zurückgeradelt.


Montag, 11. Dezember 2017

Meine erste Ozonsonde



Eine Ozonsonde zu finden ist im Raum Hamburg fast aussichtslos. Von den üblichen Startplätzen (Lindenberg, Hohenpeissenberg) sind wir maximal entfernt. Alle paar Jahre startet Kühlungsborn eine, und vor Jahren konnte Sondenjäger Harry eine solche in Trittau erbeuten. Dj1or alias „Funkpapa“ aus Nienburg(Weser) hat es da etwas besser. Bei extremen Windlagen fliegt schon mal eine Ozonsonde aus De Bilt bei Amsterdam bei ihm vorbei, und er hat schon ein paar davon erobert.

Einer Astrobekannten aus dem Westfälischen hatte ich mal die Story von diesem seltenen Geflügel erzählt. Für sie als Physikochemikerin ist sowas wie eine Ozonsonde natürlich spannend, und wir hatten fest vereinbart: Wenn so ein Ding in ihrer Gegend runterkommt und wir beide uns von unseren Jobs loseisen können, dann jagen wir der Ozonsonde hinterher. In Westfalen kommt das häufiger vor, zumindest häufiger als in Hamburg.

Also behielten wir die Sache im Auge. Wir sahen die Sonde vom 7.12., die im Neustädter Moor gelandet war und die „Funkpapa“ erbeutete. Wir guckten immer auf die Vorhersagen und bemerkten letzte Woche, dass Uccle vom 11.12.2017, 12Z, bei Bramsche bzw. Osnabrück herunterkommen würde. Auch die De Bilt-Sonde vom kommenden Donnerstag haben wir diskutiert. Aber zu keinem der Zeitpunkte konnten wir beide, und das war ein Problem. Ich hätte aber heute gekonnt, aber Petra nicht. Nächsten Donnerstag ist es umgekehrt. Aber kommt Zeit kommt Sonde, haben wir uns gesagt.

Da die Jagd nach der Ozonsonde erst einmal entfiel, hatte ich an meinem freien Tag als Ersatzbefriedigung am Vormittag ein Meppener Tandem erbeutet. Beim Mittagessen habe ich mir dann den Flug von Uccle 12Z auf der Bremer Seite aus reiner Neugier angeguckt. Irgendwann bemerkte ich, dass Ungewöhnliches vonstatten ging. Und ich begann nicht schlecht zu staunen; je weiter die Sonde flog, umso mehr fiel mir der Unterkiefer raus. Und dann begann die Hektik

 Die Sonde hätte, wie gesagt , laut Habhub bei Osnabrück  herunterkommen sollen. Das ist für eine Sonde aus Uccle schon recht weit. Sie flog auch brav da hin, wo sie sollte, stand aber über dem vorhergesagten Landegebiet in 30000m Höhe, und der Ballon war noch nicht geplatzt. Irgendwie flog diese Sonde einfach doppelt so weit wie vorgesehen. Also würde sie bei gut funktionierendem Fallschirm vor meiner Haustür herunterkommen!!! Andre und ich begannen zu whatsappen.  Wir hatten ja schon so manche Sonde gemeinsam gejagt und tauschen uns gerne über Aktuelles per Whatsapp aus. Ich vertrat ziemlich deutlich die Meinung, dass das Ding im Hamburger Sondenjägervordergarten herunterkommen würde. Der Landepunkt war noch schwer zu schätzen, denn die Vorhersagen der Höhenwinde lagen ja offenbar voll daneben. Ich nannte Handeloh als möglichen Landepunkt - dort hat unser Astroverein eine Sternwarte, die auch André gerne nutzt. André war zurückhaltender, rechnete mehr mit einer Landung in oder um Bremen – und da gäbe es zu viel Konkurrenz für eine späte Anreise . Auch warnte er vor dem heranrauschenden Schneesturm. 

Das furchtbare Wetter war ein echtes Problem, aber  andererseits: Ich wollte es unbedingt versuchen und dachte mir: Umdrehen kann man ja immer noch. Inzwischen galt es auch, handlungsfähig zu bleiben! Man darf hier in Hamburg das Rad  zwischen 16 und 18 Uhr nicht in die S-Bahn nehmen. Bis 16:00 sollte man also einen Abfahrtbahnhof Richtung Westen erreicht haben - vorzugsweise Harburg. 

Also: Sondenrucksack wieder geschultert (war ja noch nicht ausgepackt), Fahrrad aus dem Keller gewuchtet und rein in die S-Bahn. Zu dem Zeitpunkt hatte ich nur eine sehr vage Idee über das Zielgebiet. Spätestens in Harburg könnte ich auf der Bremer Seite ermitteln, ob es eher nach Buxtehude bzw. Bremervörde oder eher Richtung Buchholz gehen würde. Während der Fahrt stabilisierten sich die Landeprognosen in die Region um Fintel. Tostedt und Lauenbrück waren mögliche Zielbahnhöfe.

Rasch ein Ticket nach Scheeßel und eine Fahrrad-Tageskarte erstanden. Das Ticket nach Scheeßel wurde schon in der S-Bahn per App gekauft. Aber irgendwie konnte ich mit der App keine Fahrradkarte kaufen, oder war zu doof dazu, diese Funktion zu finden. Also Automat in Harburg. Und es war wie immer: Der eine Automat nahm keine Scheine UND keine Karte, und meinte sogar, ich solle mich wegen der Karte an meine Bank wenden. Der andere nahm keine Münzen,  aber dafür die Karte. Mittlerweile war der Zug nach Tostedt natürlich weg. Eigentlich erwies sich das aber als gut:  Inzwischen war die Sonde gelandet, und die letzte Prediction sah den Landeplatz direkt bei dem Dorf Vahlde – und zwar in freier Feldmark. Bei dem Wetter war es eindeutig besser, nach Lauenbrück zu fahren, weil der Weg von dort wesentlich kürzer war.

Und so wartete ich fast eine dreiviertel Stunde in Harburg auf den passenden Zug. Zum Ausgleich hat der Metronom die mit Abstand besten Fahrradabteile des Nordens. Lauenbrück lag nur 6 Straßenkilometer von der Landestelle entfernt. Ich hatte aber allmählich Zweifel, ob selbst das nicht zu weit sein könnte.

Der Blick aus dem Fenster war nämlich erschreckend: Draußen tobten heftige Schneeschauer. Innerhalb von Minuten bildeten sich auf dem Bahnsteigen richtige Schneewehen. Bei dem Wetter jagt man keinen Sondensuchhund vor die Tür. Es war fraglich, ob man da draußen überhaupt Fahrrad fahren könnte. Egal: Notfalls würde ich eben die 6 Kilometer durch Schneegestöber und durch die Nacht schieben. Denn wer seine Radiosonde liebt, der schiebt. Oder das Rad stehen lassen und zu Fuß gehen.

Ganz so schlimm war es am Ende nicht. Es schneite zwar immer noch massiv, aber die Straße nach Vahlde war frisch abgestreut, und man konnte sie vorsichtig befahren. Die anfangs heftigen Schneeschauer ließen auch langsam nach. Den Feldweg zur Landestelle – schneebedecktes, tückisch glattes Kopfsteinpflaster – habe ich lieber doch geschoben, aber das waren nur 500 Meter. Petrus hatte sogar ein Einsehen, und es hörte auf zu schneien. 

Also Rechner raus, Antenne raus und gelauscht. Und tatsächlich – da war ein schwaches Signal einer RS41 auf der Frequenz 403.5 MHz. Sehr schwach. Die mit Zusatzsensor versehene RS41 hört sich anders an und sieht auch anders im Wasserfalldiagramm als die normale RS41. Und natürlich hatte ich jetzt die Koordinaten der Landestelle. 

Rechner wieder im Rucksack verschwinden lassen, das Rad stehen lassen und munter losgestapft! Über ein komplett verschneites Mais-Stoppelfeld ging es in die richtige Richtung. Unmittelbar vor Erreichen der Position gebot ein breiter Entwässerungsgraben Halt. Ich war nur 8m von der GPS-Sondenposition entfernt. Mit der starken Taschenlampe konnte ich die andere Seite ableuchten – nichts. Kein Fallschirm, keine Schnüre, keine weiße Kiste. 8 (in Worten acht) Meter? Das kann nicht sein!  Rechner auspacken, Position checken – aber da war kein Fehler. Die Koordinaten hatte ich richtig in meine Handy-GPS-App getippt. Nochmal genau hingeguckt. Im weißen Schnee ist so eine weiße Kiste im Dunkeln nicht wirklich auffällig. Das Adrenalin erreichte ein Maximum, als ich endlich eine Styroporbox auf der anderen Seite liegen sah. Tief im Graben, aber nicht im Wasser.



Die Gummistiefel hatte ich in der Aufregung am Fahrrad gelassen. Sollte ich mit der 10m Stange die Sonde zu mir ziehen? Ja, vielleicht, aber erst einmal gucken, ob man nicht doch auf die andere Seite kommt. Google Earth ist Dein Freund – aber nicht im Funkloch. O2 can't do, but O3 maybe. Ich ging den Graben entlang  in die eine Richtung und stand nach 150m vor NOCH einem Graben. Also in die andere Richtung. Und hier gab es nach 350m einen Wildübergang über den Graben. Also rüber. Und zurück zur Sonde. So sah sie von der anderen Seite aus:


Jetzt sah ich auch Fallschirm und  den recht kleinen Ballonrest – total mit Schnee überzuckert. Ich war erstaunt: Einen massiven Abroller, wie man ihn auf den Bildern immer sieht, gab es nicht! Das Ding hatte gar keinen Abroller, sondern wird einfach so in die Luft geworfen. Dafür war der Totex-Schirm der Knaller. 




Also wurde die Sonde an der sehr dicken Schnur nach oben gezogen und alles unter den Arm geklemmt.



Zurück am Rad ermöglichte es kreatives Umpacken, den weißen Kasten diskret in den Satteltaschen verschwinden zu lassen. Das war angesichts der Rückfahrt mit der Bahn angeraten. 

Die Rückfahrt nach Lauenbrück war einfacher als die Hinfahrt. Denn das Streusalz hatte inzwischen gewirkt. Erst auf dem letzten Kilometer setzte der massive Graupelschauer wieder ein. Da war auch verschmerzbar, dass ich die Bahn noch wegfahren sah, und dass das langsame Internet keinen Kartenkauf per App ermöglichte. Und dass der doofe Automat nur Münzen und keine Scheine nahm. Dafür aber diesmal die EC-Karte. Speziell im Metronom verstehen die Kontrolleure in solchen Situationen übrigens keinen Spaß.

Auf der Fahrt zurück ein paar Gedanken: Das war für mich der bisher spektakulärste Sondentag: Ein Meppen-Tandem ist an sich schon spannend. Und dann fliegt diese bereits abgeschriebene Ozonsonde mit über 200km/h und minialer Steigrate einfach mal doppelt so weit wie vorhergesagt - quasi direkt in meine Arme. Der Kampf mit den Elementen gehört in so einer Situation einfach dazu. Auf jeden Fall werde ich diesen ereignisreichen 11. Dezember lange in Erinnerung behalten. 


 



















Übersicht über alle Radiosondenfunde hier

Dreistellig

Meine erste Radiosonde fand ich im Juli 2016. Damals halfen mir bergsteigerisch engagierte Studenten, die Sonde aus dem Baum zu bekommen. Es war ein Meppener Tandem aus einer RS92 und einer DFM09. Da wir davon keine Ahnung hatten, ging die RS92 verloren.

Meine 100. Radiosonde war eine RS92 aus einem Meppener Tandem, Nr.101 war die  mitfliegende DFM09. Und wie bei Sonde Nr. 1 halfen mir  zupackend  engagierte Menschen bei der Bergung.

Das Gespann (M1543097 & DFM09_616966) startete in Meppen um 7:45. Die RS92  war mit einem Timerkill versehen. Ich hatte einen freien Tag und bemerkte beim Frühstück, dass die Sonden nur 6 S-Bahnstationen entfernt niedergehen würden. Noch war etwas Zeit - vielleicht könnte man sie sogar landen sehen. Vom Bahnhof Elbgaustraße war es dann aber doch noch ein Fußmarsch bis zur Landestelle. Unterwegs konnte ich die DFM bei einem Empfangsversuch einwandfrei dekodieren. Die Position war laut Open Streetmap in Locus an der Ecke eines Wohnblocks.

Ich komme dort an und sehe als erstes den schönen roten Fallschirm dort liegen.



Doch was ist das? Er bewegt sich, er flüchtet! Ich komme um die Ecke und sehe eine nette ältere Dame, die wie wild an der Schnur zieht. Ich erklär ihr kurz die Situation und bitte sie, erst mal nichts zu machen, bevor wir die Lage der Einzelteile des Gespanns nicht ermittelt hatten. Ich war ganz froh, dass ich wenige Minuten nach der Landung vor Ort war.

Die Schnur verschwand nämlich auf dem Dach des Hauses, und ich ging davon aus, dass die Sonden vielleicht an der anderen Seite herunterhingen. Im selben Augenblick kam ein Hausbewohner heraus. Wieder erklärte ich die Lage. Dieser (ich vermute frisch pensionierte) Mann meinte: "Sie haben Glück, dass ich noch etwas Zeit habe" und half sofort nach Kräften.

Ich inspizierte die Gegenseite des Daches mit einem 10X50 Fernglas und erspähte auch sofort die RS92 und die DFM.


Wir beschlossen, auf der anderen Seite zu ziehen. Wahrscheinlich würde die DFM über den First fallen, aber die RS92 an der Helixantenne verklemmen. Aber dann - Plan B - würden wir die Sonde von der Bodenluke aus greifen können. Denn direkt neben der Luke verschwand die Schur über dem Dachfirst.

Es kam wie ich befürchtet hatte: Die DFM ging glatt über den First, und die RS92 klemmte fest. Damit nicht bei einem Schnurriss beide Sonden in der Regenrinne landen, stiegen wir auf den Boden. Der nette Bewohner kletterte sogar auf die Leiter und guckte aus der Luke. Er meinte, er müsse runtergehen und eine Schere holen. Ich hatte sie schon in der Hand, denn mein Sondenjägerrucksack enthält sowas natürlich, und er war überglücklich, die RS92 in den Händen zu halten. "Sowas erlebt man nur einmal im Leben". "Naja, Sie werden lachen, für mich ist es Sonde Nr. 100". "Und da haben Sie keinen Sekt dabei?" - Gerne hätte ich ein Glas Sekt mit dem netten Helfer geteilt.



Unten angekommen lag die DFM vor unseren Füßen - sie war komplett vom Dach gerutscht. Und mein Unruheständler musste, während ich die Schnur zurammenraffte, ganz schnell los. Ins Fitnesstudio.

Ich ging nach hochzufrieden nach Hause. Ich hatte keinen Schimmer, dass das eigentliche Sondenjägerhighlight des Tages - ein echter Thriller - noch vor mir lag.




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Samstag, 9. Dezember 2017

Jagd im Dunkeln

N3340158 war die 12Z-Radiosonde aus Norderney vom 8.12.2017. Sie landete bei Quickborn. Ich konnte jobbedingt die Landung nicht durch eigenen Empfang verfolgen. Die Bremer verloren die Sonde in 656m GPS-Höhe. Erst deutlich nach 19:00 war ich zuhause, konnte meinen Sondenjägerrucksack schultern und das Rad aus dem Keller holen. Die AKN brachte mich nach Tanneneck, und das Rad an den Rand der freien Fläche, auf der laut Bremer Prognose die Sonde liegen soll. Von dort aus hatte ich Empfang. 8-9 Stunden nach dem Start war das durchaus nicht selbstverständlich. Die Koordinaten lagen ca. 200m von der Bremer Vorhersage entfernt, und zwar dichter an meiner Position auf der Friedrichsgaber Straße. Also Rad abschließen, Rechner und Antenne einpacken und im Schein der starken Taschenlampe die 270 Meter in Angriff genommen. Ich musste einen Weidezaun umgehen und einen zweiten überklettern und hielt dann im Dunkeln bei beginnendem Schneetreiben auf die Position zu. Dann sah ich die RS41 vor mir auf der Weide liegen.

Die Schnur verlief von dort aus über zwei weitere Zäune, und auf der anderen Seite sah man den im Wind aufgeblähten Schirm . Ich hatte keine Lust zu weiteren Zaunklettereien, und so holte ich die Leine ein und kam so an Schirm und den ziemlich großen Ballonrest.

Nach dem Aufrollen der Schnur ging es zurück um Rad und dann in beginnendem Schneetreiben bei recht eisigem Wind zurück nach Tanneneck. Problemlose Sondenbergung als Abschluss einer etwas stressigen Woche, was will man mehr?



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