Sonntag, 9. Mai 2021

Die durchgebissene Sonde

Nach Sturm und kalten Tagen glaubte keiner an den Wetterbericht. "Sommersonntag, fast 30°C, Sonnenschein". Nach dem unerwarteten Sturm ist es dringend an der Zeit, ein paar Baumlander im Raum Lüneburg zu kontrollieren. Hartes Brot, denn die sind hartnäckig. Dann fliegt am Samstag eine Norderney-Mittagssonde herein. Platzen tut sie westlich von Bremervörde. Vielleicht wird es was für Rainer?. Nö, der Fallschirm ist zu gut. Vielleicht doch eher was für Uli in Buchholz? Nö, der Fallschirm ist zu gut. Das Ding kommt weit nach Osten voran und landet am Ende in dem berühmt-berüchtigten Waldgebiet der Göhrde. Etwas weit weg, aber vielleicht genau richtig für die Sonntagsradtour? Ich gucke mir die Sache in Locus an. Und was entdecke ich da? Im gleichen Waldabschnitt sind nur 1500m nördlich auf der digitalen Karte eine Reihe von Markierungen eingetragen: Ein paar niedrige Positionen einer Radiosonde, und eine Tawhiri-Prediction. Die Sondennummer passt zur Bergener Mitternachtssonde vom 29.4.2020. Mehr als ein Jahr ist es her, seit ich das da notiert habe, und inzwischen ist der Fall aus dem Gedächtnis gelöscht.

Ein Blick auf Radiosondy ergibt: "Status: UNBEKANNT". Naja, da gibt es noch einen Grund zu einer Radtour. 29.4.2020: Ein im Wendland ansässiger Freund erzählte mir neulich, dass das Pilzesuchen in der Göhrde sich nach dem Auftauchen von Wölfen jetzt so richtig lohnt.  Mein Bekannter würde ja gerne mal einen Wolf in freier Wildbahn sehen, aber die Spaziergänger und Pilzsucher schreckt das irgendwie ab. Die alte Landestelle liegt sowieso etwas abseits der Wanderwege. Normale Sondenjäger hätten einen Fund eingetragen. Die ganzen Neusondenjäger sind kein Faktor; das war vor ihrer Zeit. Die Prediction macht einen guten Eindruck, also stehen die Chancen gar nicht so schlecht. 


Die Idee ist eine Anreise mit der Wendlandbahn nach Dahlenburg. Von da sind es mit dem Rad nach Groß-Thondorf 10km. Dort wird dann der Wald nach den beiden Sonden auf den Kopf gestellt, und je nach Uhrzeit könnte die Rückfahrt auch von Bad Bevensen aus erfolgen. Am Morgen ist die Norderney-Sonde nicht eingetragen, also los. Irgendwie scheint laut Internet-Fahrplanauskunft die erste Fahrt der Wendlandbahn auszufallen. Also geht die Radtour direkt von Bad Bevensen los. Das ist 3km länger - auch kein Problem, zumal man eine Stunde früher losfahren kann. Es geht über die Dörfer auf schmalen Straßen. Nachtigallen, Dorngrasmücken, Baumpieper in den Knicks, Kraniche auf den Feldern. Ich bin komplett overdressed. Es ist wirklich bereits in der Frühe sommerlich warm, obwohl die Sonne noch niedrig steht. Der Anorack wird zusammengerollt auf den Gepäckträger geklemmt. Als es hinter Kettelstorf in den Wald geht, singt da doch glatt ein Pirol - nur einmal ganz kurz, aber eindeutig. Und schon bin ich bei der Norderney-Landestelle.

Sondentyp: RS41-SGP
SN:
S2330369
Frequenz: 404.1 MHz
Timerkill: keiner
Startstation: Norderney (WMOID:10113)
Flugdatum: 08.05.2021 12:00Z
Track radiosondy.info
Maximale Höhe: 34907m
Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit: 4.90 m/s
Durchschnittliche Fallgeschwindigkeit: 5.8 m/s 
Landegeschwindigkeit: 2,6 m/s
Landestelle: KettelstorfLAT, LON: 
53.11575,10.738148, Google Maps
Status: Baumlander, von unten sichtbar in 20m Höhe, Schirm in 13m Höhe
Methode: Tawhiri-Prediction nach Radiosondy-Daten

Die formale Prediction liegt wenige Meter südlich vom Weg. Ich kette das Rad an eine Eiche und los gehts. Die Sonde dürfte etwas westlich liegen, und eher ein paar Meter nördlich vom Weg. Ich versuche zunächst, vom Weg aus etwas zu erkennen. Ein Weg geht nach Norden, das ist meiner! Die niedrig stehende Sonne blendet ziemlich. Plötzlich steht direkt rechts von mir eine mit einer Antenne ausgestattete Wildkamera. Ich drehe um, bevor da noch jemand die seltene Spezies Sondenjäger in seinem natürlichen Habitat filmen kann. Und da sehe dann rechterhand den Schirm 12-13m hoch im Baum hängen. Die Schnur leuchtet hell im Morgenlicht und verschwindet in einem Baum.   Hier kann man mit einer 10m Stange nichts weiter machen als die Koordinaten zu erfassen. Gestern flog eine Baumlandersonde von der Liste, heute kommt eine neue dazu. So ist das Leben, hart aber ungerecht.


Eine kurze Radtour über Waldwege bringt mich zu der alten Bergener Landestelle. Radfahrer lieben Reiter, die die Wege so zerstören, dass man sie kaum begehen und schon gar nicht befahren kann. So muss ich die letzten 200m schieben. Von meinem "Parkplatz" muss ich aber jetzt 200m nach Süden laufen. Ein paar umgestürzte Baumriesen werden umlaufen, aber dann ist das Ziel erreicht.

Sondentyp: RS41-SGP
SN:
R2330182
Frequenz:
405.7 MHz
Timerkill: 5 Stunden
Startstation:
Bergen (WMOID:10238)
Flugdatum: 29.4.2020 0:00Z
Track Radiosondy
Maximale Höhe: 21591m
Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit: 4.41 m/s 
Landegeschwindigkeit: 9.6  m/s
Landestelle: Groß-Thondorf, LAT, LON:
53.12708,10.724011, Google Maps
Status: Kaltsondenbergung ; 9.5.2021, 13:09 UT
Methode: Tawhiri-Prediction nach Radiosondy-Daten

Auch hier stehen locker hohe Kiefern herum, ein paar kleinere Fichten, und nur an einigen wenigen Stellen macht etwas Unterholz die Situtation unübersichtlich. Ich gehe davon aus, dass die Sonde mit sehr großer Wahrscheinlichkeit am Boden liegt. Die damalige Landegeschwindigkeit war hoch, und so dürfte sie bis zum Boden durchgeschlagen sein. Und wenn sie wirklich jemals in einem der nicht allzu dicht stehenden Bäume hing, wird sie sehr wahrscheinlich inzwischen heruntergefallen sein. So direkt sehe ich nichts. Ich suche mehr als eine halbe Stunde.  Also verfolge ich die ungefähre Flugrichtung. Ein Weg führt mich etwas zu weit nördlich, und so muss ich wieder durchs Unterholz. Das weiße Ding da was ist das? Eindeutig liegt da hinten eine Radoiosonde! Sofort erkenne ich aus der Ferne den Sondenhalter. Aber die Form sieht vertraut aus, aber stimmt irgendwie nicht....Der Grund: Jemand hat diese Sonde glatt durchgebissen, und es handelt sich nur um die obere Hälfte eines RS41-Gehäuses....Die wildschweintypischen Zahnabdrücke sind nur mit viel Phantasie zu zu erkennen, so dass der Täter nicht mit letzter Sicherheit ermittelt werden kann.



 

In 10m Umkreis finde ich die Platine und weitere Styroporteile. Die zweite Batterie fehlt. Hoffentlich endete die nicht im Verdauungstrakt eines Fellträgers. 




Von Schnüren und Fallschirmen ist nichts zu sehen. Das Klebeband, mit dem der Begleitzettel befestigt ist, ist noch da, und tatsächlich hat sich die Druckerschwärze des Aufdrucks übertragen.


 

Die abgenagten Reste landen im Rucksack und gut. 

Die Idee, über Dahlenburg zurück zu fahren, geht nicht auf, weil die Wendlandbahn bekanntlich im 3-Stunden-Takt verkehrt. Also geht es durch das hügelige Wendland bei strammen Gegenwind und inzwischen unangenehm schwüler Hitze zurück nach Bad Bevensen und von dort per Bahn nach Hamburg.



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