Montag, 20. April 2026

Letzte Gelegenheit: Radiosonden bei Unterlüß

Unterlüß liegt ziemlich weit weg von Hamburg. Wie man es auch aus der Göhrde kennt, werden auch die undurchdringlichen Wälder der Südheide von vielen Radiosondensammlern eher gemieden. Und wie in der Göhrde erlaubt der Tower in Zernien seit einiger Zeit präzise Lokalisierungen der Landestellen. Also hat es mich in der Vergangenheit mitunter dorthin verschlagen. Und derzeit haben sich auf meiner Liste eine Reihe von Sonden angesammelt, denen man einmal nachstellen sollten. Die Dringlichkeit wird gesteigert, weil allmählich das Laub sprießt, was in absehbarer Zeit die Suche in den Baumwipfeln erschweren dürfte. 

Und meine Anreisemethode mit Bahn und Rad wird demnächst auch nicht mehr möglich sein. Denn ab Mai führt die Bahn eine Qualitätsoffensive durch. Das Lexikon Bahnisch-Deutsch, Deutsch-Bahnisch bietet folgende Übersetzungen an: 

Q

Qualitätsoffensive (die): Chaos (das), Stress (der, pur), Ersatzbus-Terror (der), Gratis-PR für Autohäuser (die).

Konkret wird gesamte Strecke jenseits von Lüneburg bis Celle für (mindestens) 10 Wochen gesperrt - übrigens zur Vorbereitung einer kommenden Generalsanierung, die die Einstellung des Verkehrs auf der Strecke Hannover-Hamburg für mehr als 9 Monate bedeuten wird. Daher sollte man die Kaltsonde der Region noch im April angehen. 

Am Sonntag komme ich erst recht spät los, so dass ich erst um 15:30 den Bahnhof Unterlüß erreiche. Die Anfahrt ist unerwartet stressfrei, weil der Zug abweichend nicht nur bis Uelzen, sondern sogar bis Göttingen durchfährt. Ich werde bis Sonnenuntergang ein paar Landestellen abklappern und danach den Bahnhof Eschede oder Unterlüß ansteuern. Ich checke routinemäßig die Bahn-App, um von vornherein zu wissen, wann die stündlichen Züge zurückfahren. Ooops! Heute verkehrt der letzte Zug in die Heimat tatsächlich bereits um 20:24. Gut zu wissen! An einem Sonntag, wo viel Rückreise-Verkehr tobt, wird das die Reisepläne etlicher Bahnkunden durchkreuzen! Also streiche ich zwei nicht übertrieben chancenreiche Sonden von meiner Liste und konzentriere mich auf die restlichen drei.  Eine hängt nur 1,5km entfernt im Baum, gleich am Ortsrand von Unterlüß und direkt am Weg. 

Sondentyp: RS41-SGP
SN:
U3250253
Produktionsdatum: 2022-12-18
Frequenz: 405.9 MHz
Timerkill:
5h:00m

Startstation:
Bergen
(WMOID:
10238)
Flugdatum: 16.2.2026 (8:00Z)
Track
wettersonde.net/sondehub

Maximale Höhe:
 6969m
Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit
: 4.3 m/s

Landegeschwindigkeit:
 4.4m/s

Landestelle: Unterlüß, 
LAT, LON: 
52.83559,10.2808 Google Maps
Status:
nicht geborgen, lokalisiert am 19.4.2026, 14:21 UT, Fallschirm geborgen
Methode:
 Decodierung der gelandeten Sonde via Tower

 Diese Sonde war am 16.2.2026 gegen 8:00 geflogen. Morgenflüge aus Bergen gab es früher täglich, sind aber heute selten. An dem Tag gab es gleich 2 Sonden dieser Art. Dies war die zweite, die auf der Bergener Ersatzfrequenz sendete und keine 7km Höhe erreichte. Der Tower speiste die Daten damals bereits direkt nach wettersonde.net ein. Mir gelang es zusätzlich, ein paar Frames aus dem Tower-Signal zu decodieren und dadurch sogar die Position der gelandeten Sonde zu ermitteln. Rechnerisch hing sie 15m über dem Boden. Das Signal war aber recht schwach, und so weit ist der Tower nicht von Unterlüß weg. Und so hoffte ich, dass die Sonde vielleicht in Wahrheit ein gutes Ziel für meine Teleskopstange abgeben würde. 

Als ich ankomme, checke ich die infrage kommenden Bäume: Auf den ersten Blick ist da nichts zu entdecken. Am Boden darunter liegt auch nichts. Auf der anderen Wegseite glänzt nahe am Boden ein Gegenstand im Buschwerk - es ist der Fallschirm. Die Machart erinnert an eine Manöversonde - roter kleiner Ballon, aber eben mit RS41 statt mit einer DFM. 


 

 

So etwas hatte ich schon einmal erbeutet. Die Schnur verschwindet in einer hohen Fichte. Im Feldstecher kann ich in deutlich mehr als 25m Höhe die Sonde entdecken. 

Vorsichtiger Schnurzug erweckt nicht den Eindruck, dass die Sonde frei an einer durchgehenden Schnurverbindung hängt. Ich kappe erfolglos die Schnur per Teleskopstange und Schneidetool in der Hoffnung, dass das gute Stück trotzdem herunterkommt.  Ansonsten kann ich hier nicht viel machen und muss auf die Herbststürme hoffen. Ich berge den Schirm, packe die Sachen und fahre zurück nach Unterlüß. 

 Die mir bekannte Unterführung bringt mich auf die andere Seite der Bahntrasse. Auf der Straße nach Weyhausen genieße ich mal wieder den schlechtesten Radweg Norddeutschlands. Obwohl er asphaltiert ist, bietet die (denkmalgeschützte?) verwitterte originale Bausubstanz von 1960 den Komfort eines Feldwegs. Nach ca. 6km geht des links in eine als "Daller Weg" bezeichnete Waldspur. Die ist deutlich besser befahrbar als der Radweg an der Straße. Dann geht es rechts zur Landestelle der Sonde. Ein nicht eingezeichneter Weg bringt mich sogar bis 80m an die Landestelle heran. 

Ich hatte damals die Endphase des Fluges mit dem Zernien-Tower-SDR mitgeschnitten. Es war nach der Landung nur ein schwaches Signal erkennbar, das man nicht decodieren konnte. Da der Turm sehr hoch ist und Zernien nicht so weit entfernt liegt, kann man eine hoch im Baum hängende Sonde im Raum Unterlüß ohne weiteres mit etwas Geduld decodieren.  Daher ist eine bodennahe Position zu erwarten.

Sondentyp: RS41-SGP
SN: 
V1220835
Produktionsdatum: 2023-3-21
Frequenz: 405.7 MHz
Timerkill:
5h:00m

Startstation:
Bergen
(WMOID:
10238)
Flugdatum: 6.3.2026 (18:00Z)
Track
wettersonde.net/Tower

Maximale Höhe:
 24933m
Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit
: 5.54 m/s

Landegeschwindigkeit:
 11.4m/s

Landestelle: Weyhausen, 
LAT, LON: 
52.82942,10.38798 Google Maps
Status: GEBORGEN am 19.4.2026, 15:42UT 
 

Methode:
 Extrapolation von Tower-Daten
 

Ich stelle das Rad ab und laufe auf die von Kiefern und niedrigen Fichten bewachsene Landestelle zu.  Die Sonde liegt wie erhofft am Boden. 





Sie ist von Wildschweinen angeknabbert:

 


 

Offenbar haben die Tiere die Sonde abgerissen. Aber wenige Meter entfernt hängt ein Schnurstück lose vom Baum. Mit dem Fernglas kann ich 30m hoch in einer Kiefer Ballonrest und Schirm erkennen. Auf Schnurzug folgt Schnurriss. Ich wickle den größeren Teil der Leine auf einen Holzpflock auf und kann sie so aus der Umwelt entfernen.

 

 

 

Was mach ich jetzt? Angesichts der späten Uhrzeit und des Bahn-Problems stellt sich vor allem die Frage: Reicht die Zeit zur Bergung der dritten Sonde und zur rechtzeitigen Rückkehr zu einem Bahnhof? Ich möchte nicht in der Südheide stranden. Wenn die Wege gut sind, und wenn die Suche nach der Sonde wenig Zeit erfordert, sollte es knapp ausgehen. Am Ende siegt Optimismus über Vernunft.

Denn nach einigen 100m sind die Wege schlecht. Und sie werden im Laufe der folgenden 4km immer schlechter. Teilweise kann ich nur schieben, zweimal muss ich das Rad sogar tragen. Das kostet Zeit. Immerhin wäre ein Wanderer insgesamt etwas langsamer unterwegs. Irgendwann bin ich da. Vom Waldweg zur Sonde sind es wiederum nur 80m. 

Sondentyp: RS41-SGP
SN: 
V1110349
Produktionsdatum: 2023-3-13
Frequenz: 405.7 MHz
Timerkill:
5h:00m

Startstation:
Bergen
(WMOID:
10238)
Flugdatum: 24.9.2025 (00:00Z)
Track
wettersonde.net/Tower

Maximale Höhe:
 33097m
Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit
: 5.6 m/s

Landegeschwindigkeit:
 5.6m/s

Landestelle: Weyhausen, 
LAT, LON: 
52.80595,10.41521 Google Maps
Status: GEBORGEN am 19.4.2026, 16:56UT 
 

Methode:
 Extrapolation von Tower-Daten
 

Diese Sonde ist am 24.9.2025 geflogen. Auch hier gelang nach der Landung keine Decodierung, was wieder auf eine bodennahe Position schließen lässt. Also nehme ich wieder keine Ausrüstung mit. Sonde am Boden einsammeln und dann gleich weiterfahren, ist das Motto der Stunde. Zeit habe ich eh keine. Da stehen allerlei Fichten und Kiefern im Landegebiet, viel Holzabfälle liegen herum. Wo ist die Sonde? Und dann sehe ich sie 4-6m über mir im Baum pendeln! Damit habe ich jetzt nicht gerechnet! 

 Also zurück zum Rad, die Stange holen. Derart ausgerüstet ist die Bergung reine Formsache. 


 

An der Sonde hängen nur wenige Meter Schnur. Ich kann den Fallschirm und übrige Reste nicht entdecken, suche aber angesichts des Zeitmangels auch nicht lange danach. Lieber laufe ich zurück zum Rad und mache mich reisefertig.

Bis zur Straße sind es nur wenige Meter. Der exzellente Radweg der Straße nach Eschede und Celle ist erreicht. Es geht überwiegend bergab und ich komme mit dem Rad erstmals seit längerer Zeit bequem und schnell voran!

Bei Weyhausen zweigt die kürzere Verbindungsstraße nach Unterlüß ab. Ich weiß ja, dass deren Radweg schlecht ist, aber der Weg ist 4km kürzer als der nach Eschede. Wahrscheinlich würde der Umweg kaum Zeit kosten und Kraft sparen. Ich halte den direkteren Weg aber für besser, zumal der letzte Zug nach Hause in Unterlüß ein paar Minuten später fährt. Also trete ich massiv in die Pedale.  

Unterwegs checke ich die Bahn-App, ob vielleicht der Zug um 20:24 heute Abend zu guter Letzt auch noch ausfällt.  Erstaunlicherweise wird jetzt sogar eine Verbindung eine Stunde später wieder angezeigt. Das ist eine entspannende Information: Die Heimfahrt ist im worst case gesichert. Kurz vor 20:00 bin ich nach problemloser Radfahrt auf dem Bahnsteig in Unterlüß, und es beginnt wenig später eine ebenso glatte und angenehme Heimfahrt.

 


 

 

Übersicht über alle Sondenfunde hier
Karte aller Sondenfunde hier
 

 

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