Montag, 8. Juni 2026

Sonden jagen ohne Kettensägen

Am 6.6.2026 bin ich auf dem Rückweg von einer ziemlich verrückten und frustrierenden Kaltsondenjagd in NRW. Normalerweise würde ich zu so einem Auswärtsspiel niemals antreten - aber eine IMET fehlt in meiner Sammlung. Und eine Jagd im Raun Essen kostet in Zeiten des Deutschlandtickets weder Geld noch Sprit.  Die gut zu verortende Landestelle liegt auf der Grenze zwischen einer Aufforstung voller Brombeergebüsch und dichtem Laubwald. Offenbar hat vor mir jemand das Gras zwischen den Brombeeren durchstreift. Am Ende bin ich so schlau wie vorher: Hat der "Jemand" (falls die Spuren nicht ein Tier verursacht hat) die Sonde geborgen und nicht eingetragen? Oder hängt sie noch hoch im Laub? In dieser Jahreszeit sind die Blätter groß und unbeschädigt, und in die Wipfel kann man nicht gucken. Also muss jemand mal nach dem Laubfall nachgucken. 

Die Rückfahrt einer Long-Distance-ÖPNV Tour ist die eigentliche Folter. Auf dem Hinweg in aller Herrgottsfrühe fahren die leeren Züge minutenpünktlich. Auf dem Rückweg ist die Rollenkofferfraktion aktiv. Die Dinger kann man im Regionalzug, anders als im Flieger oder im ICE, nicht in großen Mengen unterbringen. Kleinere Rollenkoffer passen unter den Sitz, bloß scheint das auch nach 4 Jahren Deutschlandticket kaum einer zu wissen. Jeder Fahrgast beansprucht somit 3 Sitze - also herrschen in den Gängen, Eingangsbereichen und Fahrradwagen indische Verhältnisse. Und auch die Bahn gibt ihr Bestes: Technische Defekte am Zug, Störungen im Betriebsablauf. Immerhin sind die Ansagen zweisprachig, der englische O-Ton: "This train is delayed. The reason for this is a delay" ist mein Favorit und sorgt immerhin dafür, dass man das Lachen nicht verlernt. 

Inzwischen haben sich enorme Verspätungen aufgebaut. Immerhin erreichen die heute zunächst nicht das zweistündige Niveau, da wir in Bremen knapp den Anschluss noch erwischen. So beginnt der Optimismus zu keimen, denn der Metronom rollt zügig Richtung Heimat!  

Zeit das Handy zu zücken und Sondehub zu öffnen. Was wird da geboten? Oha, die Bergener 12Z-Radiosonde ist im Klecker Wald gelandet! Oh, da ist ja auch so ein lustiges Autosymbol mitten im Dorf Klecken! "Manni Chase" ist da nicht zum Pilzesuchen unterwegs, so viel ist klar. Leider poppt kurz danach ein garstiges "Not recovered"- Icon auf. Der unbekannte Kollege hat also kein Glück gehabt. 

 

 

 

Radiosondys Auto-Bot übernimmt ja die Eintragungen von Sondehub selbsttätig. Er annotiert Mannis Meldung mit "VERLOREN". Sondehubs Version "not recovered" finde ich viel passender: Jemand hat ernsthaft gesucht und sie nicht bergen können. 

Soll ich in Klecken aussteigen, hinlaufen und mir die Situation angucken? Es sind nur 2.5km. Ich bin aber schon zu lange auf den Beinen, ich habe kein Rad dabei, und das ganze könnte auch in etwas Komplizierteres ausarten. Dann passiert das, was IMMER in Buchholz am Samstagabend passiert. Was hatten wir heute noch nicht? Personen auf den Gleisen..."Unsere Weiterfahrt verzögert sich auf unbestimmte Zeit". Nachdem die unbestimmte Zeit abgelaufen ist, möchte ich erst recht einfach nach Hause.

Am nächsten Tag bin ich gut ausgeschlafen und spüre Tatendrang. Nach dem Frühstück öffne ich wettersonde.net. Oha, die Bergener Nachtsonde ist IN Buchholz gelandet. Und zwar liegt die Extrapolation AUF den Gleisen direkt am Bahnhof, gegenüber vom ZOB! Verkehrsgünstige Landestelle.  So ist der Tagesplan fertig: Auf nach Buchholz zur Operation Urban Rescue.Viel Chancen rechne ich mir nicht aus, insbesondere, da ich dem ortsüblichen Kult auf den Gleisen herumzurennen nicht anhänge. Und danach guck ich mir das Desaster im nahen Klecker Wald an.

 

Sondentyp: RS41-SGP
SN: 
V1210353
Produktionsdatum: 2023-3-20
Frequenz: 405.7 MHz
Timerkill:
5h:00m

Startstation:
Bergen
(WMOID:
10238)
Flugdatum: 7.6.2025 (00:00Z)
Track
wettersonde.net

Maximale Höhe:
 35508m
Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit
: 5.3 m/s

Landegeschwindigkeit:
 12.1m/s

Landestelle: Buchholz, 
LAT, LON: 
53.32582,9.881058 Google Maps
Status: GEBORGEN am 7.6.2026, 10:30UT 
 

Methode:
 Extrapolation aus wettersonde.net-Daten


Mit Faltrad, Stange und Baumbergezubehör bewaffnet geht es also wieder zum Hauptbahnhof. Dann wieder mit dem RE41 bis Buchholz. Anders als gestern stehe ich dort nicht lange sinnlos rum, sondern belade mein Rad. Viel fahren muss ich nicht - denn die Landestelle ist nur 300m entfernt. Eine Treppe führt abwärts, so dass ich nur in Froschperspektive auf die Gleise gucken kann. Dort ist auf den ersten Blick nichts zu sehen. Auf den dritten Blick aber schon! Da hängt eine Schnur vom Baum und endet auf der gegenüberliegenden  Seite der Gleise. Ich gehe davon aus, dass dort die Sonde liegt. Von ihr ist von meiner Warte aus nichts zu sehen.

 



 

Ich trage das Rad die Treppe herauf - die Rampe ist kaputt - und gelange über eine Brücke auf die andere Seite. Von oben kann ich die Sonde auch noch nicht erkennen, dafür aber mitten auf dem ZOB einen rot-weißen Fleck - den Ballonrest nebst Fallschirm. Offenbar hat ihn in den 8 Stunden seit der Landung niemand bewegt. 

 

 

 




 

Die Schnur verschwindet in einem Baum. Dann stehe ich an dem schmalen Stück Gitter, unter dem die von drüben erspähte Schnur endet. 



 

Die Sonde ist glücklicherweise etwas weiter geflogen als vorhergesagt, hat es über die Schienen geschafft und liegt unter mir am Rand der Gleise. Da die Schnur keine zwei Meter vor meinem Ausguck verläuft, ist es sehr einfach, sie mit Stange und Haken zu angeln und die leicht lädierte Sonde per Schnurzug nach oben zu befördern. YEAH!

 

 


Der Rest ist Formsache: Sonde abschneiden, Schnur durch die Bäume ziehen und aufrollen. Komplettbergung fertig. 

 

 

 




 

 

 



Ich radle frohgemut auf die andere Seite der Gleise. Die Rollenkoffer-Fraktion ist jetzt voll aktiv und bevölkert den Bahnsteig. Ich steige als letzter ein und quetsche mich mit dem Faltrad direkt an die Tür - ich will ja nächste Station gleich wieder aussteigen und nach Mannis Problembär schauen. 

Sondentyp: RS41-SGP
SN: 
V1210363
Produktionsdatum: 2023-3-20
Frequenz: 405.7 MHz
Timerkill:
5h:00m

Startstation:
Bergen
(WMOID:
10238)
Flugdatum: 6.6.2025 (12:00Z)
Track
wettersonde.net

Maximale Höhe:
 35508m
Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit
: 5.23 m/s

Landegeschwindigkeit:
 6.4m/s

Landestelle: Klecken (Siedlung am Walde), 
LAT, LON: 
53.34777,9.942409 Google Maps
Status: GEBORGEN am 7.6.2026, 12:31UT 
 

Methode:
 Extrapolation aus wettersonde.net-Daten
 

In Klecken radle ich Richtung der "Siedlung am Walde". Der Weg in den Wald ist mir gut bekannt, und die Erinnerungen sind gemischter Natur. Die dortigen Baumlander scheinen das Unheil magisch anzuziehen. Einen konnten wir nur zu viert mit Arnes legendärem Angelwurf und viel Gewalt nach etlichen Jahren vom Baum befördern. Einen anderen konnte ich gleich nach der Landung lokalisieren; er hing unsichtbar im Baum. Ich war häufig dort und konnte ihn niemals aufsammeln. Und ganz einfach scheint das gestrige Exemplar ja auch nicht zu sein. Unerreichbar im Wipfel eines jungen Baums, allerhöchstens mit Kettensäge zu erbeuten. Ich bin ja mal gespannt. Koordinaten gibt es keine, dafür habe ich ja aber eine auf wenige Meter genaue Extrapolationslösung. 

Ich kette das Brommy an einen Baum in stapfe in Richtung Landestelle. Unübersehbar ist der riesige Ballonrest im Baum, etwa 6-8m hoch.

 

 



 

Er ist auf einem Ast fixiert, allerlei Latex verziert und beschwert die Schnur. Die verschwindet in luftigen Höhen. Angesichts der letzten Position kommen nur wenige Bäume infrage, in denen die Sonde hängen kann. Da ich ohne Kenntnis der Lage ungern an Schirmen herummanipuliere, suche ich mit dem Fernglas aus etlichen Richtungen die Wipfel ab. Die Sonde kann ich in dem dichten Laubdach nicht erkennen. Mich würde ja interessieren, ob Manni gestern die Sonde oder nur den Schirm gesehen hat oder ob er mit dem "jungen Baum" den mit dem Fallschirm meinte. 

Der Ballonrest wäre leicht mit der Stange zu erreichen. Was soll ich machen? Wenn der Wind an der Schnur zieht, bleibt diese einigermaßen straff gespannt. Also scheint etwas, aber nur wenig Zug in dem System zu sein. Soll ich erst mit dem Schneidetool die Leine kappen? Dann würde ich jeden Kontakt zur Schnur verlieren. Oder den Fallschirm gleich herunterholen?  Dadurch würde ich die Sonde etliche Meter nach oben ziehen und damit ein irrversibles Verklemmen der Sonde in einer Astgabel riskieren. Die Schnur ist auch durch Latexstreifen mit einigen der Äste lose verbunden. Ich bin nicht sicher, ob der Zug des Sondengewichts ausreicht, um diesen Widerstand zu überwinden. Also werde ich wohl an dem Ballonrest ETWAS ziehen, um die Latexverklebung zu lösen und DANN die Schnur mit dem Schneidetool kappen. Ich setze den Haken betont lose auf die Mastspitze und beginne mit dem Angeln.

Das klappt nicht. Der Haken verheddert sich sofort in der Schnur. Der Schnurzug wirkt nur auf der Sondenseite. Schon habe ich die Leine in der Hand. Ich schneide sie ab, halte aber das zur Sonde verlaufende Stück noch fest. Vorsichtiges "Zippeln" an der Schnur bringt kein allzu aussagekräftiges Ergebnis: Mal meine ich ein klein wenig Zug zu spüren, mal gar keinen. Hoffnungslos verhakt scheint die Leine aber nicht zu sein. Doch da ist recht viel Reibung auf dem System. Es ist fraglich, ob das Sondengewicht ausreicht, um sie abzuseilen. 

Als ich mir beim Zupfen etwas Zug einbilde, lasse ich die Schnur los. Sie bewegt sich 30cm hoch - mehr nicht. Immerhin kann ich die Schnur wieder ergreifen. Gleiches Spiel, gleiches Ergebnis. Mal etwas stärker zupfen. Jetzt fühle ich wieder mehr Zug auf der Schnur. Ich lasse die Schnur erneut los. 

Diesmal bewegt sich das Schnurende erst langsam, dann schneller werdend nach oben und verschwindet hoch oben im Laubdach. Das hat eindeutig etwas gebracht. Irgendwelches Klötern? Nein. Kommt irgendwo die Sonde runter? Auf den ersten Blick: Fehlanzeige. 

Die Sonde sollte jetzt angesichts der Schnurbewegung etliche Meter tiefer hängen. Ich will gerade zum Fernglas greifen und die Bäume abscannen, da ertönt nach 30-40 Sekunden aus der fraglichen Richtung ein leises, aber scharfes Knacken oder Knallen. Das klingt irgendwie nicht wie das bekannte Klötern! Ich schaue in die Richtung, aber sehe immer noch nichts. Weitere 20-30 Sekunden später erschallt wieder dieses Knacken, wieder aus der gleichen Richtung, diesmal aber viel lauter. Und diesmal liegen ca. 12m von mir entfernt eine RS41 und etwas Latex am Boden

 

 

 

Jetzt muss ich nur noch den Ballonrest an dem herabhängenden Latex aus dem Baum zerren und die Schnüre aufrollen. 






Zurück am Rad droht im Westen eine dunkle Wolkenfront. Ich radle rasch zurück zum Bahnhof, den ich noch vor dem aufkommenden Regen erreiche. 

 

Übersicht über alle Sondenfunde hier
Karte aller Sondenfunde hier
 



 

 

 
 

 

   

Keine Kommentare: