Montag, 26. April 2021

Schlickrutschen im Angesicht des Atomkraftwerks

 

Sondentyp: RS41-SGP
SN:
17050766
Frequenz: 403.505 MHz
Timerkill: keiner
Startstation: Flugplatz Hungriger Wolf
Flugdatum: 20.4.2021 14:30Z
Track radiosondy.info
Maximale Höhe: 10057m
Durchschnittliche Aufstiegsgeschwindigkeit: 3.67 m/s
Durchschnittliche Fallgeschwindigkeit: 4.13 m/s 
Landegeschwindigkeit: 3.9 m/s
Landestelle: Brokdorf, LAT, LON:
53.838310,9.358426, Google Maps
Status: Geborgen am 25.4.2021, 13:13 UT
Methode: Tawhiri-Prediction auf Basis von Radiosondy-Daten

Der bereits erwähnte Schwall von DFM09-Sonden aus der Airbase "Hungriger Wolf" ging am Dienstag an mir vorbei. Keine Sonde kam für mich in erreichbare Nähe, und alle wurden sofort von fleißigen Sondenjägern abgesammelt. Nur eine nicht. Diese Sonde landete direkt am Elbdeich, nicht weit weg von dem legendären, einstmals heiß umkämpften Atomkrafwerk Brokdorf. "Diese geht wohl ins Watt oder Schilf, fahr da auf jedenfalls nicht mehr hin", schrieb DL1LAJ auf Whatsapp. Die Prediction sah mir nicht sehr genau aus. Genauso wahrscheinlich war eine Landung auf dem Deich, auf den Höfen nördlich davon oder in der Elbe selbst. Irgendwie ist mir nach Impfung am Donnerstag, allerlei Beruflichem am Freitag und NAFT am Samstag nach einer netten Radtour bei bestem Wetter am Sonntag. D17050766 ist in Radiosondy immer noch als "Status unbekannt" eingetragen.
 
Glückstadt liegt knapp außerhalb des HVV; ich muss also eine Bahnfahrkarte für sagenhafte 3,20€ erstehen. Von dort sind es 10 Faltrad-Kilometer bis zur Landestelle. Ideale Radfahrstrecke, flaches Land. Die einzige Erhebung ist die Klappbrücke des Stör-Sperrwerkes. Hier ziehen Wolken aus Grau- und Ringelgänsen auf gleicher Höhe in  nächster Nähe parallel zu mir dahin. Sehr eindrucksvoll! 
 
 Links geht es über Deiche, von denen Schafe heruntergucken. Immer Richtung Brokdorf, die Kuppel des AKW immer im Blick. Irgendwann ist die Landestelle erreicht. Links liegt  die Elbe. Davor Schilf und blühende Weiden. Mit dem Fernglas ist das Schilf schwer zu durchdringen. Einige Teile sind gemäht, aber da liegt nichts verdächtiges. Es ist Flut oder leicht ablaufendes Wasser - kein Watt. Wenn es die Sonde auf die Elbe herausgetragen hat, ist sie jetzt weg. 
 
Auf dem Deich selbst ist nichts zu sehen. Vielleicht auf der anderen Seite? Von der Deichkrone hat man auch einen besseren Überblick über den Schilfgürtel. Sorgfältiges Absuchen mit dem Fernglas...Fehlanzeige. Auf der anderen Seite liegt auch nichts auf dem Deich. Es ist auch sehr fraglich, ob das typische DFM-Bundeswehrgespann mit dem roten Schirm dort angesichts der vielen Spaziergänger dort eine nennenswerte Halbwertszeit haben würde. Vielleicht hängt sie in den hohen Bäumen um den Hof? Da hängt tatsächlich ein heller Ballonrest, hoch oben. Kein Irrtum möglich. Aus der Nähe sieht er noch besser aus. Sollte ich die Bauern fragen? Aber dann kommen Zweifel: Keine Schnüre. Und überhaupt: Ich habe ja schon ein Gespann vom "Hungrigen Wolf" erbeutet: Winziger Ballonrest, kleiner roter Fallschirm. Dies Ding hier würde eher zu einer Norderney-Sonde passen, aber es fehlen Abroller, Schirm, Schnur. Nein, das ist irgendeine Plastikfolie, vom Wind in den Baum geweht. 

Vielleicht ist die Sonde noch kürzer geflogen? Auf der Wiese links von den Häusern liegt nichts. Also zurück auf den Deich: Auch von oben ist auf den Wiesen nördlich des Hofs nichts erkennbar. Also muss ich doch wieder zum Elbuferweg und noch einmal genauer den Schilfgürtel inspizieren. Aus mehreren Winkeln such ich noch mal die Schilfflächen mit dem Fernglas ab. Hier muss man wohl aufgeben. 

Vielleicht gehe ich aber noch einmal 100m stromabwärts. Da sind größere gemähte Schilfflächen. Etwas weit weg von der Prediction, aber übersichtlicher. Ein kurzer betonnierter Zugang geht ein paar Meter Richtung Ufer. Noch einmal mit dem Fernglas gucken. Was schwimmt denn da draußen? Das ist doch sicher nichts! Oder?




 
Ist das überhaupt aus Styropor? Größe könnte hinkommen. Eher doch ein Holzstück? Hmmm. Nö! Nix! Oder? Ich stake über die Schilfstoppeln Richtung Ufer. Man muss noch etwas näher ran. Dann noch mal genau nachsehen. 
 
Aus 20m Distanz sieht es etwas mehr nach DFM aus. Eindeutig aus Kunststoff. Wegen einer Getränkeflasche mach ich hier allerdings keine Akrobatik.  Nein, PE ist es nicht. Eher schon wirklich Styropor. Kastenförmig ist es auch, aber nur ein Teil des Objekts ragt aus dem Wasser. Stimmt die Form? Irgendwann sehe ich tatsächlich eine blickweise dunkel grisselige Struktur an der Flanke des Objekts. Ein Aufdruck. Mir dämmert, was das ist: Ein Graw-Label. Jaaa, das ist sie. Diesmal ist wirklich kein Irrtum möglich. Aber komme ich ran?

Vorsichtig stake ich Richtung Objekt. Richtung Elbe werden die Schilfstoppeln lichter. Was ist in den Zwischenräumen? Schlick, in dem man versinkt? Sand, auf dem man laufen kann? Diagnose nach Belastungstests ergibt: Sandiger Schlick, relativ fest, prinzipiell begehbar. Der Test ergibt aber auch nasse Socken. Gummistiefel habe ich nicht dabei. 17m bis zur Sonde. Ich muss für einen ernsten Versuch viel näher ran. Ich habe eine 10m Stange beim Rad liegen, die kann helfen. 

Zurück am Rad wird die Stange ausgepackt und Schuhe und Socken ausgezogen. Durchs Watt läuft man gerne barfuß, aber auf Schilfstoppeln ist das eher schmerzhaft. Also wie ein Storch auf den Zehenspiten staken und die kleinen Lücken im Bewuchs nutzen. Irgendwann bin ich wieder in dem etwas schütterer bewachsenen Bereich. Hier gibt es Flächen, wo man die Füße unterbringen kann. Schritt für Schritt. Ein Test. Noch reicht die Stange nicht. Noch 3 Meter. Das Wasser ist nicht wirklich tief, Jeans hochkrempeln und weiter.

Jetzt sollte es reichen. Mit dem Haken rühre ich in der Elbe herum, ich kann endlich die Schur erfassen und die Sonde angeln. Was ist das? Die Schnur geht ja gar nicht entlang der Flugbahn auf die Elbe hinaus. Sondern sie parallel zum Ufer ins Schilf. 
 

 
Schnurzug befördert Schirm und Ballonrest zu mir, das erspart eine weitere Wataktion. Die ganze Sonde ist wohl mit der Strömung getrieben und dann im Schilf hängen geblieben. An der Schnur hängen irgendwelche Ectocarpus-artigen Algenfäden. Der Sensorarm zeigt nach 5 Tagen Brackwasser deutliche Korrosionserscheinungen. Der Ausschalter lässt sich kaum noch bewegen. Aber das angegammelte Ding ist für den Moment die schönste DFM09 der Welt. Ein paar letzte schmerzhafte Schritte über die Stoppeln bis zum Fahrrad und zu den Schuhen. Mit Saugpapier die Schuhe und die Füße getrocknet; die Socken ausgewrungen und angezogen, alles einsacken und ab nach Hause.




 



 
 
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