Mittwoch, 7. August 2019

Fußmarsch durchs Grabenlabyrinth

Sondentyp: RS41-SGP
SN:  P0720071
Frequenz: 404.5 MHz
Startstation: Meppen (WMOID:10304)
Flugdatum: 06.08.2018 11Z
Track  Bremen und eigener Empfang
Landestelle LAT LON: 53.43925,10.27055 Google maps
Funddatum: 6.08.2018, 16:49Z
Gefunden durch eigenen Empfang (GPS-Decodierung)



Meppener Mittagssonde im Anflug! Es sah zunächst so aus, als ob der Fallschirm nicht öffnet und das Ding im Bereich Bremen herunterkommen würde. Dort würde es nicht einmal Rainer in Bremervörde interessieren. Als ich dann nach einiger Zeit schnell auf Wetterson.de guckte, flog die Sonde auf Buchholz zu, mit einer Sinkgeschwindigkeit von 2m/s. Die Geschwindigkeit änderte sich ständig. Offenbar war bei dem schönen Sommerwetter die Thermik nicht zu vernachlässigen. Kurz vor der Landung gab es sogar eine Aufstiegsphase. Demzufolge änderte sich der vorhergesagte Landepunkt ständig  zwischen Winsen/Luhe, Geesthacht und Schwarzenbek. Es war nicht einmal klar, welche Seite der Elbe die Sonde bevorzugte. Wegen der Sperrung der S-Bahn beschloss ich, mit dem Rad nach Hause zu fahren und da die Endphase der Landung zu verfolgen. Dort angekommen, stabilisierten sich die Positionen immer mehr in die Elbmarschen bei Altengamme. Dort ist es immer sehr schwierig, eine Sonde zu bergen, weil dort RUSH (Rapid unidentified Sonde Hunter) die Dinger einsammelt. Auch sind die Marschwiesen von tiefen Entwässerungsgräben durchzogen, so dass es immer ein wenig anstrengend ist, dort voranzukommen. 

Dennoch sah es diesmal sehr einfach aus. Ich konnte die Sonde bis 164m GPS-Höhe tracken und hatte damit bessere Daten als alle Internetquellen. Die vorhergesagte Landestelle lag nur 500m von der Bushaltestelle "Gammer Weg 146" entfernt. Ein Weg ging von dort in die richtige Richtung, und auf Google Maps waren ein paar Übergänge über einen breiten Graben erkennbar. Das Faltrad konnte zuhause bleiben, dachte ich. Sah nach einer einfachen Sache aus. 

Der Bus spuckt mich an besagter Bushaltestelle aus. Mit der Moxonantenne und dem RTL-SDR habe ich ein gutes Signal und einwandfreie Decodierung. Die Sonde liegt erstaunlich weit südlich, aber sogar einen Graben dichter dran als erwartet. Keine 10 Minuten bis zur Bergung, denke ich.

Tja, alles nicht so einfach. Die erste bizarre Unterhaltung mit einer Autofahrerin. Die hat mich unter ihrem Lieblingsbaum sitzen sehen und hält mich für einen Maler. Und will mir das Bild abkaufen! Ist dann sehr enttäuscht über die Story vom Wetterballon. Der Guten kann heute leider nicht geholfen werden. 

Mir aber auch nicht: Metallgitterzaun, "Betreten Verboten, Wasserschutzgebiet!" Der Weg, der auf der Karte so schön von der Bushaltestelle Richtung Sonde verläuft, ist mit einem hohen Zaun und einem Gatter versperrt. Und die auf Google-Maps sichtbaren Grabenübergänge sind noch mal extra abgezäunt....

Vielleicht geht etwas auf der anderen Grabenseite über das Stoppelfeld. Wo mich nach 200m ein breiter Quergraben stoppt. Links jede Menge Störche, ein paar Reiher, Schwäne. Bauern versprühen Gülle auf dem Stoppelfeld. Einen spreche ich an. Der erzählt mir, dass mehrere unüberwindbare Gräben zwischen uns und der Sonde liegen. Vom dem Altengammer Marschbahndamm könne man zu den entsprechenden Koppeln gelangen. Der liegt am anderen Ende der Altengammer Marsch. Was hilfts? Ohne Rad muss ich wohl wandern. 

Den Altengammer Marschbahndamm kenne ich von einer kürzlichen erfolglosen Sondensuche. Wo ich exakt an der Prediction auf einen radfahrenden älteren Herren getroffen war, der aber behauptete, nicht hinter der Sonde her zu sein - dafür aber sehr schöne Fotos des Fallschirms mit seiner Digiknipse anfertigte.... 

Die gerade Straße zieht sich in die Länge, aber endlich ist der Moorbahndamm erreicht. Der ist heute ein asphaltierter Fahr- Wander- und Radweg. Diesmal muss ich in die andere Richtung abbiegen. Direkt am Eingang steht wieder ein älterer Herr mit einem gut ausgestatteten Rad - gleiche Farbe, Größe, Typ wie neulich. Allein der Herr scheint ein anderer zu sein, aber ganz sicher bin ich da nicht. Es sind von hier aus 1000m bis zur Sonde. Auf dem Moorbahndamm sind viele Radfahrer unterwegs. Das Fahrrad an sich sieht unverdächtig aus. Aber da sagt mir meine Menschenkenntnis: Der ist hier nicht zum Brombeerenpflücken.  Spreche ihn an. Ja, er ist tatsächlich wegen der Sonde da.

Aber ein richtiges Gespräch oder gar eine gemeinsame Aktion kommen nicht zustande. Misstrauen? Skepsis? Er antwortet meist nur mit Schulterzucken, verweist mit einer knappen Geste auf eine Elektronikbox an seinem Lenker. Als Nicht-Funkamateur disqualifiziere ich mich umgehend, weil ich das Ding nicht sofort als Handempfänger erkenne und noch mal nachfrage. Danach antwortet er kaum noch auf Fragen. Immerhin kann ich ihm entlocken, dass er die Sonde noch nicht geborgen hat...Und dann macht er sich auch schon ganz rush vom Acker. Was seine weiteren Pläne sind, ob sich Peilequipment in  seinen Gepäckträgertaschen befindet usw. bleibt leider im Dunkeln. Will er nach dem Empfangsversuch jetzt sinnloserweise von Norden vorstoßen?  Naja, zu einer nicht optimal gelungenen Kommunikation gehören immer zwei. Vielleicht habe ich ihn doch ein wenig zu doll überrumpelt. Dass ein ahnungsloser Nicht-Amateurfunker einem Sondenjäger weitab der Sonde auf den Kopf zusagt, was er hier macht, und auch noch behauptet, auch er hätte die Sonde empfangen, war womöglich etwas zu frech. 

Ich gehe den Moorbahndamm runter und biege dann auf einen schnurgeraden Feldweg ab, der nach Norden führt. Einige Reiter kommen mir entgegen. Einen vollen Kilometer muss ich laufen. Und wie kommt man von hier aus über die Gräben?

Tatsächlich gibt es eine Art Brett,  das als "Brücke" über den breitesten der Gräben führt. Ich lege die Tasche mit den Gummistiefeln und den Rucksack ab und balanciere herüber. Nur noch 125 Meter.  Die anderen Gräben kann man umgehen, und endlich stehe ich vor der  Sonde. 




Die Schnur kreuzt einen breiten, unüberwindlichen Graben. Es gelingt mir aber, die Schnur einzuziehen und den Fallschirm und den kleinen Ballonrest auf meine Seite zu befördern. Somit ist das Gespann komplett geborgen. 




Danach wandere ich wieder zurück. Als ich an der Busstation "Altenwerder Feuerwehr" ankomme, habe ich deutlich mehr als 6km zurückgelegt.


Übersicht über alle Sondenfunde hier
Karte aller Sondenfunde hier