Samstag, 15. Juni 2019

3000 Höhenmeter aufwärts mit geplatztem Ballon und ohne Schirm

Sondentyp: RS41-SGP
SN: P0630370
Frequenz: 405.7 MHz
Startstation: Bergen (WMOID:10238)
Flugdatum: 15.06.2019 6Z
Timerkill: 5:00h
Track Bremen
Vermutliche Landestelle LAT LON: 53.54683,9.687734 Google Maps
Fundstelle  LAT LON: 53.5463,9.68796 Google Maps
Status: GEFUNDEN am 15.06.2019, 9:55 Z

Methode:Decodierung des Sonden-GPS



Derzeit haben wir eine konstante Südwindlage, die Bergener Sonden in das weitere Umfeld Hamburgs befördert. Normalerweise dauert so etwas ein paar Tage, was ganz schönen Stress für Hamburger Radiosondenjäger bedeutet. Inzwischen hält die Wetterlage seit fast 3 Wochen an. Ich habe in dieser Zeit 10 Radiosonden geborgen und ein paar nicht gefunden. Einige fielen in die Elbe oder in unzugängliche Gebiete, diverse wurden von Sondenjägerkollegen erbeutet. Wir kommunizieren hier eifrig mit Whatsapp, und so habe ich einen guten Überblick.
Die Flug der Morgensonde vom 15.6. war von Start bis Bergung sehr ungewöhnlich. Sie befand sich bereits im Abstieg, während eine Gewitterfront durchzog. Man kann auf dem Höhenprofil (nach Daten der Bremer Seite) sehr gut sehen, dass die Sonde im Landeanflug – der Ballon war längst geplatzt – von 6816m auf 9814m AUFSTIEG, zum Teil mit Geschwindigkeiten von 11m/s. Das sind 3000 Höhenmeter! Da sieht man mal, was über so einem Donnerkopf für Aufwärtsströmungen vorkommen. 


Im Landeanflug pflege ich gelegentlich ein paar Predictions zu machen – mit der Tawhiri-Funktion von wetterson.de. Die Achterbahnfahrt der Sonde machte eine gute Vorhersage des Landepunktes sehr schwer. Normalerweise hätte die Landung im Raum Bremervörde stattfinden müssen, wo Sondenjäger Rainer schon ungeduldig auf sie wartete. Dann platzte der Ballon unerwartet bereits in 25000m Höhe. Das verschob den Landepunkt nach Osten in die Region Buxtehude. Das ist Rainer typischerweise zu weit, aber für mich womöglich mit S-Bahn und Fahrrad schnell zu erreichen. Nach dem raketenartigen Aufstieg setzte ein wieder ein normaler Abstieg ein. Schon sprang die vorhergesagte Landestelle deutlich über die Elbe in den Bereich Wedel/Uetersen. Jetzt freuten sich Daniel und Matze, und ich freute mich für sie mit. Danach fiel die Sonde raketenartig vom Himmel. Eine Zeitlang sah es so aus, als wollte das Gespann in die Elbe fallen oder auf die unzugängliche Elbinsel Nesssand. . Eine mögliche Landestelle war auch vor dem Elbstrand der Strafanstalt Hahnöfersand. Eine stumpf gerechnete Tawhiri-Prediction aus der letzten Position sah die Landestelle wieder im Elbstrom, wenngleich nicht weit vom Strand entfernt.
Ich pflege mir bei so etwas aber den Bahnverlauf auf der Karte genau anzugucken. Hier sah es mir schwer danach aus, dass es die Sonde permanent im Endanflug mehr nach Süden zog. Das ließ darauf schließen, dass die Genauigkeit der Windrichtung im GFS Modell zu wünschen übrig ließ – bei der turbulenten Wetterlage kein Wunder. Ich markierte mir also auf der Karte eine mit „best guess“ gekennzeichnete Position. Und die lag eindeutig auf dem Deich. Ich war sehr sicher, dass die Sonde auf dem Land und nicht im Wasser niedergegangen war.
Wie kommt man da hin? Schnell aufbrechen und dann los! Bis ich alles zusammengepackt hatte, war die passende S-Bahn nach Neugraben weg. Die HVV-App gab mir als nächste Verbindung einen Bus, der von Altona aus durch den Elbtunnel nach Finkenwerder auf der anderen Elbseite fuhr. Dort konnte man in einen Anschlussbus nehmen, der unter anderem auf dem Marktplatz von Jork hält. Jork ist ein Dorf im „Alten Land“, dem nördlichsten geschlossenen Obstanbaugebiet der Erde (zumindest sagte das meine Geographielehrerin in der 5. Klasse). Von da waren es nur 2,5 Fahrradkilometer bis zur Landestelle. Das kam zeitlich aus.
Zum Busbahnhof nach Altona fuhr ich mit dem Rad. Die „Altonale“ erzwang für den Bus eine Umleitung, durch Ottensen, wo wir ein wenig warten mussten. In Ottensen sind die Straßen chronisch eng. Jemand hatte sich für einen Umzug frisch einen ziemlich großen Transporter geliehen und nun musste er rückwärts einparken. Großes Abenteuer. Dennoch konnte der Fahrer die Verspätungen einholen, denn die Kachelzähler im Elbtunnel waren noch nicht unterwegs.
In Finkenwerder wartete ich auf den Anschlussbus. Dessen Liniennummer war an der Haltestelle nicht zu ausgeschildert. Der Bus kam aber pünktlich und zog einen komischen Anhänger hinter sich her. Überraschung: Die Fahrt kostete 5 Euro. Denn dies war kein normaler Linienbus. Sondern ein „Fahrradbus“, der am Wochenende vom Touristenverband der Gemeinden im Alten Land betrieben wurde. Die Fahrräder würden dann auf Gestellen auf dem Anhänger montiert. Nach den ganzen Unwettern wollte natürlich keiner eine Radtour machen. Also war ich der einzige Fahrgast. Die Alternative wäre gewesen, die Strecke mit dem Rad zurückzulegen. Dann aber hätte ich aufgrund des Bergener Killtimers die Sonde nicht mehr sendend angetroffen. Also begann eine Privatbusfahrt mit Chauffeur durchs Alte Land. Die Gestelle auf dem Anhänger brauchte ich für mein Faltrad nicht testen.
Von Jork ging es per Rad auf engen Straßen nach Borstel und von dort aus auf den Elbdeich. Oben stand eine Bank. Rad raufschieben, runtergucken. Malerischer Blick auf die Elbe. Kein roter Fallschirm. Auf dem Deich war ein kleines Areal abgezäunt, dort grasten Schafe mit Lämmern. Rechts ein Bauernhof. Gleich dahinter sperrte ein wenig malerischer massiver  Zaun den Deich und die vor- und hinter dem Deich liegenden Fahrwege ab. Dort ging es offenbar auf die Halbinsel Hahnöfersand mit ihrem bekannten Knast. Ich konnte nur hoffen, dass meine Prediction soweit stimmte, dass sich das Ziel nicht hinter dem Zaun und auch nicht jenseits des Strandes befand. Das Deichvorland war ziemlich mit Weiden bewachsen und damit erstaunlich unübersichtlich.
Erst einmal eine Antenne in die Luft halten. Jawohl, sie sendete noch. Der Sondefinder-Raspby funktionierte sehr gut und warf gleich gute Positionen aus.


Und die befanden sich AUF dem Gelände des Hofes zwischen den Gebäuden. Also hin!
Erst einmal wurde ich aufgehalten. Ein Radfahrer war verwirrt und hielt mich wohl für ortskundig. Er fragte, ob man hier in Richtung Hamburg fahren könne, und was der Zaun da soll. Danach kurz in die Pedale getreten. Auf dem Hof konnte ich keine Radiosonde entdecken. Ich rechnete mit einem über das Gelände ausgebreiteten Gespann. So etwas lag hier nicht herum. Also musste man wohl für weitere Nachforschungen mal klingeln.
Der Besitzer kam heraus. „Ja, ich helfe ihnen, gehen Sie einfach mal auf den Hof zwischen den Häusern, ich komme dazu“. Er erschien in Begleitung seines Vaters, der kein Wort sagte, weil er nicht aus Deutschland stammte. „Das Ding liegt auf unserem Kunststoff-Müllhaufen: Mein Vater hat es auf dem Deich, bei den Schafen gefunden und besser eingesackt“. Das macht unbedingten Sinn, denn die Schafe können sich natürlich in der Schnur verfangen und übel verletzen. Ich erklärte ihnen ihren Fund und durfte ihn behalten.
Der Ballonrest war riesig, der Fallschirm hatte nur allenfalls partiell funktioniert.








Die Schnur war nur partiell abgewickelt, und die Uhrzeit auf dem Begleitzettel stimmte nicht. Es ist doch sehr erstaunlich, dass dieses Konstrukt mit den aerodynamischen Eigenschaften eines nassen Lappens 3000 Höhenmeter aufsteigen konnte.



Ich bedankte mich bei den netten Besitzern dieses letzten Bauernhofs vor dem Gefängnis. Ein Radfahrer stand verwirrt herum und musste schnell über den Grund der Sperrung aufgeklärt werden. Erinnerte mich alles so ein wenig an die DDR-Grenze. Ich zeigte ihm auf Locus einen möglichen Alternativweg und erklärte ihm kurz den Grund meiner Radtour.
Ich wollte schnell zurück nach Hamburg. Ideal wäre die S-Bahn-Station Neukloster in 8 Kilometern Distanz gewesen. Auf dem Weg zweigte eine Straße nach Buxtehude ab. Und da die S-Bahn in Neukloster nur alle Stunde hält und ich sie nicht mehr erwischen würde, bin ich dann nach Buxtehude gefahren und konnte dadurch 30 Minuten sparen.
Als ich wieder zuhause war, flog bereits die Mittagssonde aus Bergen. Wieder freuten sich Matze und Daniel über eine vorhergesagte Landung auf ihrer Elbseite, aber wieder fiel die Sonde wie ein Stein vom Himmel und schaffte es nicht über die Elbe. Sie landete in einer Apfelplantage bei Ladekop, einem Straßendorf im Alten Land, das ich gerade auf meiner Rückfahrt passiert hatte. Noch einmal die gleiche Tour wollte ich dann aber doch nicht antreten. Obwohl mich doch der Busfahrer ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht hat, dass das Ticket für den Fahrradbus eine Tageskarte sei….

Übersicht über alle Sondenfunde hier
Karte aller Sondenfunde hier