Sonntag, 29. März 2020

End of the world as we know it und der Turmbau zu Uetersen

Sondentyp: RS41-SGP
SN: P2610344
Frequenz: 402.7 MHz
Timerkill: keiner
Startstation: Sasel (WMOID:10141) 
Flugdatum: 24.03.2020 12:00Z
Track Wetterson.de und Radiosondy.info
Landestelle  Daensen, LAT,LONG = 53.418824,9.691178, Google Maps.
Status: Geborgen am 28.3.2020, 15:22 Z 

März 2020. Langanhaltende Schönwetterkatastrophe. Da landet am 24.3.2020 die Saseler Sonde direkt südlich von Buxtehude. In Uetersen haben Hein und seine Freunde gerade einen 50m hohen Mast zum Radiosondenempfang hingestellt. Damit haben sie das Ding bis Baumwipfelhöhe verfolgt und die Daten in Radiosondy gepusht. Die darauf basierende Tawhiri-Prediction sollte extrem genau sein.

In normalen Zeiten würde jemand die Sonde wegräumen, bevor ich überhaupt meinen Öffi/Faltrad-Stunt hinlegen kann. Wenn man Ende März 2020 aus dem Fenster guckt, sieht man kaum Autos und kaum Menschen auf der Straße. Du weißt, dass etwas nicht in Ordnung ist, wenn sich Freunde aus der eher unbiologischen Fraktion über RT-qPCRs informieren. Dass sich Mathemuffel für Exponentialfunktionen interessieren, hilft auch nicht gerade gegen ein flaues Gefühl im Magen. Wenn theoretische Physikerinnen "the end of world, as we know it" im REM Stil besingen, weiß man endgültig: Diese Zeiten sind definitiv nicht normal, und es sieht schlecht aus.

Dass ich öffentliche Verkehrsmittel meide, ist ebenfalls abnormal.  Eine Fahrt mit der S-Bahn nach Buxtehude werde ich nicht antreten. Nicht nur, weil bei den derzeitigen Fallzahlen (Hamburg ist endlich mal Spitze) eine Infektion im Gewühl der Rushhour gar nicht mehr so unwahrscheinlich ist. Die Leute, die wirklich mit den Öffis fahren müssen, haben ein Recht auf Abstand, und ich muss den nicht für eine sinnlose Jagd auf weiße Boxen verkleinern. Ich habe daher meine Radisondenjagd mit Öffi und Faltrad und meine wochenendlichen Kaltsondensuchen eingestellt. Wer mit seinem Privat-PKW alleine in den Wald fährt, kennt das Problem nicht in dieser Schärfe.

Die Saseler Sonde ist auch nach 4 Tagen nicht als gefunden gemeldet worden.

Der Samstag ist super sonnig. Langsam kommt man durch den sich langsam einstellenden Bewegungsmangel auf dumme Gedanken. Irgendwann reift ein Plan: Kann man es vielleicht doch machen, ohne sich und andere zu gefährden?  Man fährt einfach die ganze Strecke mit dem Rad. Keine 6km ab Buxtehude, sondern 26km ab Finkenwerder. Über die Elbe braucht man aber ein öffentliches Verkehrsmittel, eine Hadag-Fähre. Aber auf deren windigen Außendeck besteht keine Infektionsmöglichkeit. Gedacht, getan und ab zum Anleger Dockland. 

Auf einem Hadag-Boot würde sich an einem derart unverschämt sonnigen Frühlings-Samstag hunderte von Leuten auf dem Außendeck sonnen. Auf der Hinfahrt zähle ich 15 Leute, brav in Einer- oder Zweierkonfigurationen und mit 2 Metern Abstand. Trotz des strammen Windes bleibt etwas Verkrampftheit. Lautsprecherdurchsagen fordern dazu auf, dass zu tun, was ich gerade mache: Das Außendeck benutzen und Abstand halten.
In Finkenwerder wird das Faltrad aktiviert und los gehts. Vorbei an dem Airbus-Flugplatz und dann durchs Alte Land. Um enge Vorbeifahrten an Fußgängern zu vermeiden, umfahre ich in Neu-Wulmstorf das Zentrum. Dann geht es stramm bergauf am Geestrand. Es singen Lerchen. Der Zilpzalp ist auch schon hörbar aus dem Winterquartier zurück. 

Vor Ort wähle ich erst einmal einen ungünstigen Zugang. Rechts sperrt eine abgezäunte Schonung alles ab. Mein Weg führt durch ein übles Brombeer-Dornengestrüpp. Endlich ein Weg. Der führt Richtung Sondenposition. Ich finde die Sonde 4 Meter neben der Prediction auf dem Boden liegend vor. Dieser Uetersen-Turm ist schon Klasse. 


Die Schnur hatte ich schon aus einer gewissen Distanz in einem Baum verschwinden sehen.


Von dort führte sie zu einer Birke, in der der Schirm hing. Bei dem Versuch, die Schnur aus dem ersten Baum auszuhaken, riss sie sofort.


Die Schnur war schon am Boden, aber vor allem in den Bäumen extrem verknotet. Die Bergung von Schirm und Ballonrest mit der 10-Meter-Stange gelingt im fünften Anlauf, aber dabei reißt die Schnur erneut. Ich habe aber 90% der Schnur mitnehmen können. Etwas hängt aber leider hoch im ersten Baum. 







Jetzt alles verstauen. Zurück zum Rad, und dann die 26km zurück. Unterwegs kann ich aus einem Automaten eines Bauernhofs Kartoffeln, Äpfel und Eier kaufen. Erspart mir für die kommenden Tagen einen ebenfalls gruseligen Auftritt im Supermarkt. Als ich Finkenwerder erreiche, ist es schon dunkel. Auf dem Außendeck bin ich auf der Rückfahrt diesmal allein. Diesmal steige ich in Neumühlen aus. Noch den Elbhang heraufstrampeln, und so ist eine 54km - Tour vorbei. Wenigstens konnte ich mich mal gründlich austoben.... and I feel fine....

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Sonntag, 8. März 2020

Ein Schirm ohne DFM und eine DFM ohne Schirm....

Am 7.3.2020 machte ich mich mal wieder ins Wendland auf. Ziel war wie am letzten Wochenende die Sonde bei Leitstade, wo ich eine gewisse Chance  sah, die schon als verloren deklarierte Sonde  mit einer 15m Stange vom Baum zu bekommen. Allerdings landeten in der Gegend etliche Manöversonden - von einigen kannte ich Landekoordinaten. Und dann kam noch die Bergener Mittagssonde P3420971 dazu, die zwischen Hitzacker und Dannenberg auf Abholung wartete. Viel zu viele Sonden, um sie bei einer einzigen Runde zu bergen. Zumal die Wendlandbahn mit ihrem 3-Stunden-Takt schnelles Vorankommen kaum ermöglicht.

Ich habe immer noch keine gute Befestigung der 15m-Stange am Faltrad gebastelt. Da die lange Stange aber für die Sonde in Leitstade zwingend nötig ist, muss diesmal alles zu Fuß erledigt werden. Das ist auch möglich, da alle Sonden fußläufig von Bahn- und Busstationen erreichbar sind. Allerdings muss man sich mehrere  Pläne zurechtlegen, um zu viele 3-Stunden-Wartezeiten zu vermeiden, da man ja nicht weiß, wie lange Suche und Bergung genau dauern. Als  Die Gleichung mit zu vielen Unbekannten löst Sylvio (dg5sux), der irgendwann die Sonde bei Hitzacker als gefunden meldet.


Sondentyp: DFM09
SN: 17047318
Frequenz: 403.81 MHz
Startstation: Bergen (Manöver)
Flugdatum: 03.03.2020 20:20Z (Landezeit)
Timerkill: -
Track Radiosondy und eigene Daten
Landestelle Avendorf, LAT LON: 53.16511,10.74558 Google Maps
Status: Verloren
Methode: Tawhiri Prediction (eigener Empfang)


 In Neetzendorf verlasse ich die Wendlandbahn um 8:19. Lerchen und Kraniche am Himmel und auf den Feldern. Auf der Straße erreiche ich Ahndorf. Ein Weg führt zwischen den Feldern, auf denen die Prediction liegt, hindurch. Und da hängen ein großer weißer Ballonrest und ein großer roter Fallschirm aus großer Entfernung unübersichtbar an einer Knickeiche, direkt an den Gleisen der Wendlandbahn.  Ich hätte das aus dem Fenster meines Waggons sehen können.


Ein Jagdstand ist direkt neben der Eiche. Leider liegt entgegen der Flugrichtung keine Sonde auf dem Acker. Auch in den Knickbäumen ist nichts erkennbar. Die Schnur ist zum Teil straff gespannt, das lose Ende ist aber um ein paar Zweige geschlungen.









Wenigstens möchte ich den Fallschirm herunterholen - wozu habe ich die 15m-Stange dabei? Nach etwas Gezerre ist bis auf ein kleines Stück Schnur alles geborgen.

Wer beschreibt meine Überraschung, dass an dem Abroller ein Knicklicht hängt? Ich hatte schon davon gehört, dass so etwas bei nächtlichen Starts von Manöversonden manchmal vorkommt, aber bisher hatte ich Knicklichter an Radiosonden noch nie gesehen. Das tröstet etwas über die verlorene Sonde hinweg.
Auf dem Rückweg laufen mir einige Dorfbewohner von Ahndorf entgegen, die wissen wollten, was diese unbekannte Person in ihrem Dorf will. Ich erkläre es ihnen und frage natürlich nach dem Verbleib der Sonde, aber ihnen war die Tatsache der Wetterballonlandung unbekannt. Ich denke ja, dass der Jagdpächter das Ding abgerissen und mitgenommen hat.

Gemütlich geht es zurück nach Neetzendorf zur Bahn. Das ganze hat viel länger gedauert als gedacht, der ganze Ausflug hat fast den ganzen 3-Stunden-Slot aufgefressen. In Leitstade muss das schneller gehen. Denn da habe ich exakt 62 Minuten. Plan B wäre ein Ausflug nach Hitzacker gewesen, aber das hat sich jetzt wegen der Bergung dieser Sonde erledigt.




Sondentyp: RS41-SGP
SN: P2151018
Frequenz: 405.7 MHz
Startstation: Bergen (WMOID:10238)
Flugdatum: 21.08.2019 12Z
Timerkill: 5:00h
Track Bremen
Landestelle Leitstade, LAT LON: 53.171857,10.90727 Google Maps
Status: Baumlander 13-14m hoch, von unten sichtbar. Bergung mit 15m Stange am 7.3.2020, 11:00Z
Methode: Koordinaten von dg5sux aus Radiosondy.info (DANKE!)

Also schnellen Schrittes zu dem Baum mit der Sonde. Ich finde einen schnelleren Zugang zur Landestelle, und da ich mich nicht orientieren brauche, beginnt das Stangenmikado gleich nach der Ankunft. Ich muss einmal neu ansetzen, aber am Ende habe ich die Sonde am Boden.



Zum Entwirren der Schnur nach der Aktion bleibt keine Zeit. Also alles in den Rucksack stopfen und rasch zurück. 10 Minuten vor Abfahrt des Zuges bin ich am Bahnhof.

In Lüneburg selbst ist direkt am Bahnhof eine der Manöversonden gelandet. Ich habe etwas Zeit,aber da liegt nichts mehr. Wäre auch tagelang nach der Landung mitten im Stadtgebiet kaum wahrscheinlich gewesen, zumal die derzeitigen Manöversonden mit ihren großen Schirmen und Ballonresten extrem auffällig sind.



Da steht auch schon der Bus nach Hitzacker. Die Fahrt ist wegen einer Baustelle exotisch. Der Bus verkehrt wegen einer Baustellenumleitung zum Teil über namibia-artige Feldwege. Auch hier fahren die Busse alle zwei Stunden, und den Rückbus müsste ich nach 50 Minuten kriegen. Naja, ich will ja nur 800m laufen, nachgucken, ob ich die Sonde finde, das sollte reichen.



Sondentyp: DFM09
SN: 17050887
Frequenz: 403.09 MHz
Startstation: Bergen (Manöver)
Flugdatum: 03.03.2020 11:10Z (Landezeit)
Timerkill: -
Track Radiosondy und eigene Daten
Landestelle Avendorf, LAT LON: 53.269243,10.670822  Google Maps
Status: geborgen am 07.03.2020, 14:07Z
Methode: Tawhiri Prediction (eigener Empfang)


 Das ist natürlich viel zu optimistisch. In der Nähe der Prediction im Wald ist nichts erkennbar. Ein Weg geht auf einen Hügel. Von oben sehe ich nichts. Aber als ich wieder zurück zur Straße gehe, scheint im Wipfel eines Baumes ein merkwürdiger weißer Fremdkörper zu hängen. Plastikbeutel? Ballonrest? Selbst ein Feldstecher löst das Rätsel nicht. Aber dann ist es klar: der Baum befindet sich jenseits des Waldausgangs direkt an der Straße, und ich bin auf dem Hinweg drunter durchgelaufen.

Ich verfolge die Schnur. Und da hängt ziemlich hoch die DFM09 im Nachbarbaum:
Ich nehme kurz mit der Stange Maß - sie reicht aus. Es mögen 12  Meter sein. Nach einigem Gefummel habe ich den Haken eingehängt und die Sonde am Boden:







Auch hier versuche ich eine Stangenbergung des Schirms und der sonstigen Reste. Leider ist das erfolglos. Der Schirm hängt fest. Ein paar Fetzen des Fallschirms und Ballonrests kann ich nach unten befördern. Beliebig viel Gewalt mag ich auch nicht anwenden, da die Sonde direkt über der (nicht allzu stark) befahrenen Straße hängt und ich die Autos durch meine Aktivitäten nicht gefährden will. In jedem Fall hat es sich heute sehr gelohnt, die ganze Zeit die Stange durch die Gegend zu tragen.

Noch habe ich eine Stunde bis zur Abfahrt des Busses. 400m südöstlich steht auf der Locus-Karte eine Notiz vom 25.6.2018: Eine Landeprediction für K4640586 auf Basis eigenen Empfangs. Irgendwelche Details sind nicht zu ermitteln. Also suche ich die Gegend ohne große Hoffnung ab, mehr so als Zeitvertreib. Erst zuhause recherchiere ich, dass die Sonde damals gefunden wurde.



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Mittwoch, 4. März 2020

Ungewöhnliche Manöversonde aus Bergen

Sondentyp: DFM09
SN: 17007248
Frequenz: 403.47 MHz
Startstation: Bergen (Manöver)
Flugdatum: 03.03.2020 13Z
Timerkill: -
Track Radiosondy und eigene Daten
Landestelle Avendorf, LAT LON: 53.37383,10.46579 Google Maps
Status: geborgen am 03.03.2020, 16:45Z
Methode: GPS-Decodierung der gelandeten Sonden


In diesen Tagen startet Bergen mal wieder eine immense Zahl von DFM09-Manöversonden. Die meisten landeten bei Zarrentin, bei Lüneburg und im Wendland - für eine Expedition unter der Woche ist das etwas weit weg. Eine Sonde verschlug es nach Avendorf. Ich konnte ihr Signal bis 131m Höhe mitschneiden und hatte daher eine gute Prediction.

Leider ist es so wie immer. Kaum brechen in Hamburg Ferien aus, werden S-Bahn-Linien zu Baustellen und ein Schienenersatzverkehr eingerichtet. Leider ist die Station Tiefstack hierfür komplett ungeeignet, wie ich gestern feststellen durfte.  Aber nur über Bergedorf führt der Weg nach Artlenburg. Der einzige Ausweg: Man nehme den Regionalzug. Und natürlich ist die einzig zumutbare Verbindung zu einem sehr bevölkerungsreichen Stadtteil Hamburgs komplett überfüllt. Ich nehme das Faltrad und die Tasche zwischen die Beine, und umfallen kann keiner. Immerhin ist es schnell, nach wenigen Minuten verlässt fast jeder den Zug, der fast leer Richtung Mecklenburg weiterfährt.
Auf dem Busbahnhof Bergdorf warte ich 30 Minuten, dann geht es zur Bushaltestelle Avendorf, Recht Up. Dort biege ich auf den gleichnamigen Weg ein. Eine kurze Radtour auf betonierten Landwirtschaftswegen führt mich bis fast zur Landestelle. 

Leider habe ich die Gegend auf Google Maps als Acker- oder Brachland fehlinterpretiert. In Wahrheit ist das meiste ein eingezäuntes Weihnachtsbaum-Plantagen-Gelände. Irgendwo glaube ich kurz eine Schnur im Abendlicht aufblitzen zu sehen. Soll ich das Fernglas herauskramen? Och nein - das war  wohl eher whishful thinking, auch eher zu weit östlich. Nahe der Prediction ist nichts Verdächtiges zu erkennen. Ein Empfangsversuch ergibt ein Hammersignal im Nahbereich und einwandfreie Decodierung. Die Position liegt aber deutlich östlich der Vorhersage, in der Gegend, wo ich mir die Schnur kurz eingebildet hatte. Die Sonde muss sehr bodennah liegen. Zwar noch auf dem Weihnachtsbaumgelände, aber dort, wo es an eine Wiese grenzt. Die Wiese ist offen zugänglich, und da sehe ich die Sonde auf der anderen Seite an einer kleine Birke im Gestrüpp verhakt. Da ist wieder die Schnur - ich hatte sie mir nicht eingebildet. Sie geht in luftiger Höhe über den Zaun und den Wipfel der kleinen Birke. Und da liegt der Fallschirm mitten auf der Wiese! Die Schnur . Ich hatte sie mir vorhin nicht eingebildet. 

Irgendwas ist hier nicht normal. Ach ja, sonst haben die Manöversonden kleine rote Ballons und den kleinen roten Fallschirm. Dieser hat einen großen rosa Ballon und den großen Fallschirm. Sehr ungewöhnlich. 

An die Landestelle komme ich nicht heran. Ein zugewucherter Zaun und ein Graben versperren den Zugang zur abgeernteten Weihnachtsbaumplantage.



Die Sonde lässt sich aber problemlos an der Schnur über die kleine Birke und über den Zaun befördern. Somit ist das ganze Gespann geborgen









Überall stehen Rehe auf den Wiesen. Ich schaffe bequem und rechtzeitig den Rückweg zur Bushaltestelle. Aus dem Busfenster sehe ich in der Abenddämmerung einen Storch auf dem Storchennest stehen. Man hört ja immer mehr, dass die Störche in Zeiten des Klimawandels auf die ganz große Tour nach Südafrika verzichten, um schneller das Brutgeschäft zu beginnen. Das ist wohl so ein Kandidat. 

Auf der Rückfahrt habe ich ständig Glück. In Bergedorf erwische ich unerwartet noch den verspäteten  Zug aus Rostock, so dass ich diesmal ohne Wartezeit glatt durchkomme. Am Hauptbahnhof lässt das leider inzwischen übliche Gewirr der Durchsagen (Zugstörungen, Signalstörungen, Streckensperrungen, Personen auf den Gleisen, weitere Polizeieinsätze) auf ein ausgeprägtes S-Bahn-Problem schließen. Aber wundersamerweise flutsche ich diesmal auch hier einfach durch und komme stressfrei nach Hause.

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Dienstag, 3. März 2020

Zwei "verlorene" Sonden

Update vom 7.3.2020: P215018 aus Leitstade konnte ich per Stangenbergung vom Baum befördern. Mehr hier.

Momentan fliegen keine Radiosonden in meine Gegend. Aber nach den Frühjahrsstürmen macht es Sinn, bekannte Baumlander zu kontrollieren. Auch lohnt es sich für den Besitzer einer Abo-Karte, am Wochenende Ausflüge in den Außenbereich des HVV zu unternehmen. Da sind sehr schöne Gegenden, die etwas weiter weg liegen und die man nicht gut kennt. Die eingleisige Wendlandbahn erlaubt einen Ausflug in den Kreis Lüchow-Danneberg. Hier, im Umfeld des großen Waldgebietes der Göhrde, hat DG5SUX einige Baumlander als "verloren" in Radiosondy eingetragen. Ich finde ja, dass man Baumlander nicht "verloren" geben sollten. Zwei seiner Positionen wollte ich mal in Augenschein nehmen.


Sondentyp: RS41-SGP
SN: P2151018
Frequenz: 405.7 MHz
Startstation: Bergen (WMOID:10238)
Flugdatum: 21.08.2019 12Z
Timerkill: 5:00h
Track Bremen
Landestelle Leitstade, LAT LON: 53.171857,10.90727 Google Maps
Status: Baumlander 13-14m hoch, von unten sichtbar
Methode: Koordinaten von dg5sux aus Radiosondy.info

Die erste Sonde liegt direkt im Wald bei Leitstade. Dies ist ein im riesigen Wald gelegenes Forsthaus mit Bahnhof. Ein paar Protestschilder gegen die angedachte Schließung des Bahnhofs sind aufgestellt. Sehr viel Aufwand macht der nicht: Kein Bahnsteig, ein Fahrkartenautomat, ein Parkplatz für 3-4 Autos. Faltrad auspacken, ein paar hundert Meter fahren. Der Weg ist teilweise so schlecht, dass ich schieben muss. Nach einem knappen Kilometer schließe ich das Rad an einem Baum an und gehe zu der angegebenen Position. Gummifetzen am Boden zeigen mir, dass ich hier richtig bin. An einer Fichte erkenne ich die Sonde.


Sie hängt an einem dünnen flexiblen Fichtenzweig. Diese Konfiguration ist hartnäckig, weil kaum Kraft auf die Schnur übertragen werden und sich irgendwann die Schnurreste unrettbar in den Nadeln verheddern - so wie z.B. bei der Sonde im Klecker Wald. Die 10m-Stange ist zu kurz. Leider habe ich kein Tape und keine Kabelbinder mit und kann sie daher nicht mit einem herumliegenden Knüppel verlängern. Hier hilft nur eine weiterer Besuch, dann aber mit einer 15m Stange. Damit sollte es gehen. Allerdings hat man nur eine oder vier Stunden Zeit für die Aktion, denn die Bahn fährt alle drei Stunden. Und wenn der Bahnhof wirklich geschlossen wird, ist eine Anreise mit Öffis noch aufwändiger.

Über befahrbare Waldwege geht es zur Landesstraße 231und weiter nach Metzingen. Das Vorankommen auf der Straße wird schwieriger. Von vorn bläst Wind mit Sturmböen, und es geht bergauf. Endlich erreiche ich das Dorf Plumbohn. Hier ist DG5SUXs zweite Baumlandeposition. Am Boden liegt keine Sonde. Auch diese RS41 hängt leider noch oben - 20-25m hoch in einer Kiefer, jenseits der Reichweite jeder Stange.

Sondentyp: RS41-SGP
SN: P2150822
Frequenz: 405.7 MHz
Startstation: Bergen (WMOID:10238)
Flugdatum: 17.08.2019 6Z
Timerkill: 5:00h
Track Bremen/Polen
Landestelle Plumbohn, LAT LON: 53.109595,10.957153 Google Maps
Status: Baumlander 20-25m hoch, von unten sichtbar
Methode: Koordinaten von dg5sux aus Radiosondy.info

Hier kann man erst einmal auch nichts machen als die Herbststürme abwarten. Die Schnur ist schon stark verrottet. Vielleicht sollte man sich mal mit Techniken wie Wurfbeuteln oder Katapulten befassen, um auch solche Sonden herunter zu bekommen.

Update: Reste der Sonde konnten 2021 am Boden aufgesammelt werden. Mehr hier

 





Danach ging es weiter nach Hitzacker. Jetzt geht es flotter voran; der Wind kommt von hinten. Hitzacker ist ein kleines extrem ruhiges Städtchen an der Elbe - ohne jeden Verkehrslärm. Man hört nur das Pfeifen des Windes und Vogelgezwitscher. Von hier aus bringt mich die Wendlandbahn nach Hause.






Samstag, 22. Februar 2020

Minimalistisches Design ist der letzte Schrei in Seedorf

Sondentyp: DFM09
SN: 17005017
Frequenz: 402.01 MHz
Startstation: Seedorf (Fallschirmjägerkaserne)
Flugdatum: 18.2.2020 20Z
Timerkill: -
Track Radiosondy und eigene Daten
Landestelle Bleckede, LAT LON: 53.330895,10.715491 Google Maps
Status: geborgen am 22.2.2020, 8:40Z
Methode: Tawhiri-Prediction auf Basis von radiosondy.info


Sonden von der Fallschirmjägerkaserne Seedorf bei Zeven sind selten und sind ungewöhnlich. Sie erreichen selten einmal zweistellige Höhen und fallen dann wie ein Stein vom Himmel. Daher stand zu vermuten dass kleine Ballons verwendet werden und man anders als bei den Manöversonden auf Fallschirme verzichtet. Heute haben sich diese Vorhersagen bestätigt.

Ich habe noch nie eine solche Sonde geborgen. Einmal versuchte ich es am Abend in der Gegend um Schneverdingen, aber das Objekt war schon weg, als ich kam. Das andere Mal fiel die Sonde unweit meines Elternhauses. Ich konnte sie sogar noch empfangen, aber sie sendete nur noch einen 1-2 Sekunden dauernden Puls, und das in Abständen von 1-2 Minuten. Sowas kann ich nicht peilen, und zu dekodieren war da auch nichts mehr. Eine DFM am Ende der Batterielebensdauer. Ich habe das zugehörige Rapsfeld gründlich durchsucht, konnte aber nichts finden. Auch nach der Ernte keine Trümmer. 

Am Dienstag, den 18.2.2020 flog abends eine solche Zevener Sonde.  Ich konnte sie bis in 526m Höhe tracken. Radiosondy.info hatte noch eine Position aus 287m Höhe. Eine Tawhiri-Prediction sollte relativ genau sein, die vorhergesagte Position lag auf einem freien Feld. "Hoffentlich wird sie geborgen", schrieb Chrischan Bützow alias AA1 im Radiosondenforum. 

Leider hatte ich die ganze Woche relativ viele berufliche und private Termine am Nachmittag und Abend, so dass eine Sondensuche nicht möglich schien.  Als sie am Freitag Abend nicht als gefunden gemeldet ist, fange ich an, über die Sache nachzudenken.

Am Wochenende sieht das Wetter bedenklich aus: Sturmböen und Regenschauer. Am Samstag Vormittag ergibt sich ein Zeitslot, an dem es zwar windig, aber nicht sooo nass sein würde. Also rein in den Zug. Hier soll ein Bus mich nach Bleckede bringen und dann das Faltrad zur 5 Kilometer entfernten Landestelle. Züge fahren nach Bleckede gar nicht mehr - nur der örtliche Kleinbahnverein macht da noch Dampf. Die sind auch am Bahnhof sehr aktiv und fahren knatternd mit einem Baggerwagen spazieren.
Das Wetter ist wie erwartet windig, und eine Regenjacke muss übergezogen werden. Dennoch, auf der Hinfahrt kommt der Wind von hinten. Die erste Lerche steigt singend auf, überall stehen Graugänse auf den Wiesen. An der Einbiegung zur Sonde schiebt ein Schwanenpaar Wache. Gleich hinter dem letzten Abzweig soll die Sonde auf dem Winterweizenfeld liegen. Auf den dritten Blick liegt da ein weißer Klecks in der Landschaft, 150m entfernt. Ein Blick durchs Fernglas zeigt: Das ist kein Joghourtbecher, sondern hat mit etwas Phantasie die grobe Form einer DFM09. Bin zu 85% sicher. Was mich besorgt stimmt: Außer dem weißen Fleck ist da keinerlei Beiwerk zu erkennen. 


Die Auffahrt über den Graben auf das Feld ist derart matschig, dass ich auch mit Gummistiefeln da nicht durchwaten mag. Also zurück - da hatte ich noch einen anderen Aufgang gesehen. Von dort geht es zu Fuß auf Grasbewuchs wieder den Graben entlang. Dort ist wieder der weiße Fleck sichtbar. Eine Treckerspur bringt mich hin. Der Boden ist fester als gedacht.

Kein Zweifel, das ist die DFM! So eine Minimalkonfiguration kannte ich bisher noch nicht einmal aus Pinneberg, aber minimalistisches Design soll ja modern sein. Alles, was man nicht unbedingt zum Fliegen braucht, ist bloß Firlefanz und kann weg. Wir nehmen also den kleinsten denkbaren Ballon, mindestens eine Nummer kleiner als die übliche Manöverversion. Der kann wohl nicht mehr als die Sonde hochbefördern und ist ja auch bereits in 8100m Höhe geplatzt. Dass das Ding keinen Fallschirm hat, war zu erwarten, aber dass die Schnur nur 60cm lang ist, überrascht doch. Aus unbekannten Gründen hat jemand eine Schlaufe reingeknotet und sie dadurch noch verkürzt. Dann braucht man natürlich auch keinen Abroller. Und auf Bundeswehr-Begleitzettel wird in Seedorf ebenfalls verzichtet.  Das ist alles.








Auf dem Rückweg mache ich die Erfahrung, dass Windböen Stärke 9 mit Graupeln das Vorankommen "etwas" erschweren. Der Regen hört am Bahnhof Bleckede auf, wo ich etwas auf den Bus warten muss. Da mein Provider am Rand der Erdscheibe keine Sendemasten betreibt, kann ich auch keine Fundmeldung abgeben.


Sondentyp: DFM09
SN: 17008862
Frequenz: ? MHz
Startstation: bei Bergen (Manöver)
Flugdatum: 22.8.2018 15:06 LZ
Timerkill: -
Track eigene Daten
Landestelle Sülbeck, LAT LON: 53.268155,10.553033 Google Maps
Status:Baumlander, von unten sichtbar, 25m hoch
Methode: Tawhiri-Prediction auf Basis eigener Daten

Auf der Hinfahrt habe ich bemerkt, dass der Bus an einigen Exemplaren meiner Kaltsondenliste in geringem Abstand vorbeifährt. Unter anderem hängt da wahrscheinlich irgendwo eine Manöver-DFM namens 17008862 seit dem 22.8.2018 in einem Kiefern-Buchen-Lärchenwald  hoch im Baum. Ich checke die Landestelle immer, wenn ich dort sowieso vorbeikomme. Bei meinem ersten Auftritt 9 Tage nach dem Flug konnte ich nichts Verdächtiges erkennen, weil das Laubdach der Buchen den Blick nach oben stark behinderte. Am 30.12.2018 kam ich wieder mal an der Stelle vorbei. Jetzt, nach dem Blattfall, konnte ich in einer Fichte den Fallschirm entdecken. Die Schnüre verschwanden im Nachbarbaum und dann im Nichts. Am 7.9.2019 war ich erneut vor Ort.  Aber nein, am Boden lag auch mehr als ein Jahr nach dem Flug nichts herum, und der Fallschirm im Baum war nicht mehr rot, sondern komplett ausgeblichen.  
Die letzten Male hatte ich die Strecke nach Lüneburg bzw. Echem komplett per Rad zurückgelegt - bei dem Wetter da draußen habe ich heute dazu keine Motivation. Aber auf der Hinfahrt war mir die Bushaltestelle "Sülbeck, An Den Eichen" aufgefallen. Die liegt nur 500m Luftlinie von der Landestelle entfernt. Die Busse fahren alle Stunde, Zeit genug, um sich zur Sonde durchzuschlagen, schnell nachzugucken und zur Station zurückzufahren. Aber sollte man das bei Sturm und Regen wirklich machen?  Das Wetter wird während der Busfahrt etwas besser. Kurz hinter der Neetzebrücke siegt Neugier über Bedenken. Ich  drücke beherzt den "Halt"-Knopf und steige an besagter Bushaltestelle aus. O.K., der Regen macht gerade eine Pause, aber der Wind ist immer noch stürmisch. Ich muss schnell machen, denn das hält bestimmt nicht lange an.

Gut, dass ich den Weg kenne. Ein Pirschweg zweigt rechts ab, er ist es mit dem  Faltrad nicht mehr befahrbar. Ich schiebe und trage es bis zu dem vertrauten Jagdstand und schließe es wie üblich an dessen Gerüst an. Zu Fuß geht es weiter. Ein Baum da vorne ist umgestürzt, leider hängt keine DFM in den Ästen. Da hinten muss nach GPS der Fallschirm-Baum sein. Da erkenne ich auf den ersten Blick nichts mehr. In der Richtung, in der ich die Sonde vermute, habe ich wieder kein Glück. Da liegt keine weiße Box am Boden. Zweifel kommen auf. Immerhin habe ich bei meinen vorigen Versuchen alle Bäume gründlich mit dem Fernglas von allen Seiten inspiziert - jeweils mehr als eine Stunde lang - und nichts gesehen. Nach den ganzen Stürmen der 2018/19 und jetzt 2020 ist es unwahrscheinlich, dass sie noch oben hängt. Und unten liegt sie nicht. Ob sie vielleicht damals auf den Boden durchgefallen ist und sofort andere Liebhaber gefunden hat?

Eigentlich ist die Position der Sonde aufgrund der damaligen Flugrichtung, der DFM-Schnurlänge und der Position des Fallschirms gut einzugrenzen. Ohne große Erwartung lasse ich den Blick durch  die infragekommenden Bäume schweifen. WAS IST DAS? Eindeutig eine DFM, die relativ gut sichtbar im Baum schaukelt. Geschätzt 25 Meter hoch, und 20 Meter von meiner ersten Prediction entfernt.

Des Rätsels Lösung: Das Ding hängt in einer Lärche. Das kenne ich schon. Ich hatte mal eine RS41 im Klecker Wald, die ebenfalls unsichtbar in einer Lärche hing. Da ich sie noch sendend angetroffen hatte, kannte ich ihre exakten Koordinaten. Ein anderer Sondenjäger und seine Freundin brachen plötzlich durchs Unterholz, erpeilten den gleichen Baum mit der Yagi, und dann starrten wir uns zu dritt die Augen aus dem Kopf. Ich checkte in der Folgezeit die Position in unregelmäßigen Abständen. Irgendwann zeigte ich Uli (alias Asohen) die Landestelle. Und der meinte sofort: "Da oben hängt sie doch". Lärchen werfen erst in der 2. Winterhälfte alle Nadeln ab, und durch die dichte Benadelung kann man vorher nicht hindurchgucken. Uli hat die Landestelle öfter mit seinem Mountainbike besucht, irgendwann die Sonde eingesammelt und mir das Ding dann bei einem Sondenjägertreffen grinsend überreicht.

Genau der gleiche Fall hier. Rasch noch mal ein paar afokale Fotos mit dem Handy und dem Feldstecher improvisiert, und dann geht es schnell zurück zum Rad und zur Bushaltestelle. Zwar fahre ich nicht mit einer zweiten DFM nach Hause. Aber immerhin weiß ich jetzt nach dem 4. Besuch, wo sie ist und dass sie noch da ist. Auf Dauer kommt sie sicherlich runter. DFM-Schnüre sind stabiler als die von Vaisala, aber die im Baum erkennbaren Schnüre sind rott und stehen nicht mehr mit der Sonde in Verbindung.  Sie hängt nur an einem ganz kurzen Schnurstück. Hoffen wir auf ein paar weitere Stürme, dann wird sie geborgen. Und einen etwas schnelleren Weg in die Landeregion kenne ich jetzt auch.



Update 19.8.2020
Lage unverändert

Update 23.1.2021
Nach dem Sturm bei schönstem Wetter die Sonde besucht. Sie hängt jetzt etwas tiefer, ist aber immer noch nicht zu Boden gegange. Pixelvermessung ergibt eine Höhe von 19-20m.




Update 14.3.2021
Nach 2 Frühjahrsstürmen ist die Situation leider unverändert....die Sonde hängt nicht mehr an der Schnur, sondern die Schnur ist im Geäst verhakt. 

Update 11.12.2021
Sonde hängt an einem dünneren Ast etwas tiefer.

Update 23.3.2024
Sonde am Boden. Zusammenstellung der gesamten Story dieser Sonde hier.
 
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Samstag, 15. Februar 2020

Die schwere Sonde - endlich geborgen.

Sondentyp: RS41-SGP
SN:  P2221024
Frequenz: 402.5 MHz
Startstation: Schleswig (WMOID:10035)
Flugdatum: 07.01.2019 12Z
Timerkill: Keiner
Track  Bremen
Landestelle Wald bei Westergellersen, LAT LON: 53.25846,10.25481 Google maps
Status:  Baumlander, 20m hoch. Geborgen am 15.2.2020, 14:00
Methode: Tawhiri-Prediction auf Basis von radiosondy.info-Daten

Diese Sonde steht im Ruf, ansonsten erfolgreiche Sondenjäger zum Aufgeben zu zwingen, weil die Landestelle zu unübersichtlich ist. Die Sonde liegt tief in einem sehr dichten Wald, man muss da erst einmal hinkommen. Eine Anreise nur per KFZ ohne längeren Fußmarsch ist unmöglich. Und dennoch war schon kurz nach der Landung am 7.1.2019 ein Sondenjäger vor Ort: Clemibunge, der die Sonde noch sendend antraf. Er war durch das dichte Gestrüpp negativ beeindruckt und konnte sie trotz ernster Versuche nicht lokalisieren. Wahrscheinlich ging ihm bei den kurzen Januartagen auch irgendwann das Tageslicht aus. Sein Fazit in radiosondy: "Sehr dichter Wald, schwer zu finden... zu schwer für mich".

Clemibunges Statement zum Schwierigkeitsgrad hat mich neugierig gemacht, so dass sie auf meine Kaltsondenliste kam. Am Ende erforderte diese Sonde 3 weitere Suchaktionen. Ich war zwei  Male dicht am Aufgeben, aber beide Male kam ich in letzter Minute einen Schritt weiter. Und am Ende konnte ich P2221024 am 15.2.2019, 1 Jahr und 39 Tage nach dem Flug, einfach einsammeln.

Nach dem komplett unrealistischen Motto "Wald wird überbewertet, so kompliziert kann das doch nicht sein" gab ich der Sonde am 15.8.2019 anlässlich einer Suchfahrt nach mehreren Kaltsonden eine Chance. Die Story ist im Detail hier beschrieben. Und ich musste Clemibunge sofort recht geben: Dieses Gelände kann man nicht im üblichen Sinne durchsuchen, erst recht nicht im Sommer: Einzelne hohe Fichten und Kiefern, darunter aber ein extrem dichtes Unterholz aus Laubbäumen, überwiegend Buchen. Ich entdeckte allerdings etwas, was man auf den ersten Blick nicht sah: Mit Reisighaufen zugestellte schmale, nur teilweise zugewachsene Pirschwege, die das Gelände schachbrettartig durchzogen. Allerdings nützten die nur bedingt etwas, weil man von diesen Pfaden nicht weit ins Gelände gucken konnte, und schon gar nicht durch das extrem dichte Laubdach nach oben. Eine GPS-Position der Landestelle hatte ich nicht, wohl aber meine am Tag der Landung auf radiosondy-Datenpunkten basierende Tawhiri-Vorhersage. Obwohl der Fallschirm am Ende nur 20 Meter von der Prediction entfernt in kommoder Pflückhöhe in einer Astgabel hing, brauchte ich zu seiner Auffindung mehr als eine Stunde. Und dieser Fund kurz vor der frustrationsbedingten Aufgabe machte es auch nicht besser: Mangels Blick nach oben konnte ich den Verlauf der Schnüre nicht verfolgen und  nach längerer Erkundung nicht einmal herausfinden, in welchem Baum die Sonde hing. Am Ende habe ich den Schirm abgeschnitten. Zwar schnellte die Schnur nach oben, aber es wurde deutlich, dass die Astgabel nicht der einzige Verankerungspunkt der Sonde war. Es fiel nichts aus den Bäumen. Ich beschloss nach 2 Stunden aber, nach dem Laubfall wieder zu kommen.

Kaisermantel







Meine zweite Tour zu dieser Sonde fand am 24.11.2019 statt. An der Ballonlandestelle finde ich im Schirm-Baum meine Markierung. Jetzt ohne Laub ist es sehr viel einfacher, die Wipfel der Kiefern mit dem Fernglas nach Schnurresten abzusuchen. Ich brauche dennoch eine ganze Weile, bis ich welche erkenne, und noch wesentlich länger, bis ich endlich die Sonde entdecke. Ich bin ein wenig nervös, da irgendwo in der Nähe eine Jagd stattfindet und sich die Schüsse offenbar langsam nähern.   Hoch im Baum, leider zwischen den Nadeln so verhakt, dass sie auch nach den Frühjahrsstürmen nicht unbedingt schnell zu Boden gehen dürfte. Schnell ein paar Fotos gemacht und weg.



Immerhin ist die Sonde damit lokalisiert, und man kann, wie bei anderen Baumlandern, gelegentlich vorbeigucken.

Am 15.2.2020 scheint die Sonne. Ruhe vor dem nächsten Sturm, ideal für eine Radtour. Der richtige Zeitpunkt, nach dem Frühjahrssturm "Sabine" die Baumlanderliste durchzugehen. Um die Chance zu erhöhen, ist es immer ratsam, mehrere Kaltsonden abzuklappern und mit den dringlichsten anzufangen.  Dringlich ist einmal die Meppener Sonde P2310341. Die ist erst seit ein paar Tagen oben, aber nach Kappen der Schnur und einem Sturm könnte sie herunterfallen - im Zweifel in den Neetzekanal. Bevor sie wegschwimmt, sollte man dort ein weiteres Mal nach dem Rechten sehen. Und dann natürlich  die schwere Waldsonde P2221024, vielleicht liegt die ja unten. Beide Landestellen sind ja vorerkundet; man kann sie mit etwas Stress mit einer Tour besuchen. Ich purzel mit dem Faltrad in den Metronom nach Lüneburg und quäle unterwegs meine Fahrplan-App. Es wird relativ stressig, beide Sonden bei Tageslicht zu besuchen und stundenlange Wartezeiten auf Regionalbahnhöfen zu vermeiden. Bei der Meppener Sonde gibt es zwar eine Bushaltestelle, aber da fahren die Busse nur alle 2 Stunden. Das verfügbare Zeitfenster wird etwas länger, wenn ich mit Clemibunges Sonde im Wald anfange. Und kaum ist das ermittelt, hält der Zug bereits in Radbruch. Also nichts wie raus aus der Bahn und rein in den Wald.


Forstfahrzeuge und Pferdehufe haben den Weg zerstört, und so komme ich auf dem letzten Kilometer  viel schlechter voran als gedacht. Vor Ort fehlt die Birke, an der ich das Rad angeschlossen hatte, ich muss eine andere suchen. Denn das Rad behindert beim unvermeidlichen Ausflug in das Unterholz.
Dank der Ergebnisse der beiden letzten Aktionen kann ich diesmal wenigstens direkt auf ein Ziel zulaufen. Und wer beschreibt die Freude über diesen Anblick:



Der DWD-Label ist ausgeblichen, der Sensorarm erkennbar beschädigt und verrostet, aber die Sonde lässt sich noch anschalten und blinkt Error. 

Die Aktion läuft schnell über die Bühne. Ich benutze einen anderen Weg durch den Wald und kann dann mit Rückenwind bei Sonnenschein den Bahnhof Radbruch rechtzeitig für den nächsten Zug nach Lüneburg erreichen. Nach einer Station verlasse ich den Zug wieder und radel die 8,8km von Bardowick nach Brietlingen. Die Sonde dort hängt aber noch im Baum. Allerdings ist eine Birke in den Neetzekanal gefallen - an der dürfte sie hängenbleiben, sollte sie eines schönen Tages ins Wasser fallen. 

Die Hoffnung, ich könnte um 17:02 einen dieser raren Busse nach Lüneburg erwischen, ist unrealistisch. Also heftigst in die Pedale getreten, um um 17:38 wieder in Bardowick zu sein. Ich will keine volle Stunde auf dem zugigen Bahnsteig verbringen. So ein Faltrad ist kein Rennrad und ich bin kein Rennfahrer;  ich bin um 17:37 auf dem Bahnsteig. Der Zug ist pünktlich.
Immer wieder gibt es Diskussionen, ob die perfekten Dekodiertechniken und Predictions das ganze Hobby langweilig machen, weil alles so einfach geworden sei. Andersrum hört man die Klage, dass durch die gestiegene Anzahl von Sondenjägern alles so schwer geworden sei.  Es ist schon so, dass man heute viele neue Möglichkeiten hat. Aber Mutter Natur streut Sonden nicht nur auf frisch gemähte Stoppelfelder, sondern auch in entlegene Wälder und andere undurchdringliche oder unübersichtliche Regionen. Und dann steigt der Schwierigkeitsgrad. Ohne eine genaue Prediction hätte man diese Sonde überhaupt nicht lokalisieren können, aber selbst mit habe ich sicher rund drei Stunden im Gelände vor Ort verbracht, um überhaupt die Sonde zu lokalisieren. Aber heute war dann eben Erntezeit. 

Und Clemibunge, falls Du das liest, mail mir mal Deine Anschrift, dann kriegst Du Deine Sonde. 
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Sonntag, 9. Februar 2020

Eine echte Kaltsondenjagd nach 276 Tagen

In der ersten Februarwoche landeten zwei Sonden in einer meiner Lieblings-Suchgegenden im Bereich Büchen-Schwanheide-Langenlehsten, also im Grenzgebiet zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg. Zunächst kam die Saseler Sonde vom 4.2.2020. Die war ein Frühplatzer und kam nur 4647m hoch. Landung bei Nostorf auf freiem Feld. Tags drauf landete die Schleswiger Mittagssonde direkt bei Greven. In der Gegend habe ich schon mehrere Sonden gefunden.
Ursprünglich wollten Jürgen und ich gemeinsam die Sache erkunden. Aber er hatte am Samstag keine Zeit, und am Sonntag war eine Suche wegen des kommenden Sturms nicht empfehlenswert. Am Samstag war trockenes Sonnenwetter - kalt, trocken, sonnig. Beide Sonden lagen auf freiem Gelände unweit von Wegen - wenn das mal alles nicht zu spät ist. Also beschließe ich eine spontane Tour im Faltrad-Stil. Vormittags muss ich noch schnell etwas auf Arbeit erledigen, so dass ich erst um 12:03 die S-Bahn nehmen und losfahren kann. Die Radtour wird über 40km lang. Bei der Planung sehe ich auf der Handy-Karte der Locus-App eine alte Notiz einer Vorhersagelandestelle für P0520245. Das ist die Bergener Mittagssonde vom 8.5.2019. Die nicht besonders genaue Prediction liegt im Wald, aber meine Route führt direkt dran vorbei. Damals hatte ich auf Basis der letzten Position von radiosondy.info eine Tawhiri-Prediction gerechnet und auch die letzten Positionen abgespeichert. Ein Check auf radiosondy ergibt den Status "unbekannt". Ob die Zeit für einen Besuch bei den drei Landestellen noch bei Tageslicht reichen wird?

In Büchen wird das Rad entfaltet, und ab geht es Richtung Witzeetze und danach bei Dalldorf über den Elbe-Lübeck-Kanal. Das erste Dorf auf der mecklenburgischen Seite ist Zweedorf. Danach kommt Nosdorf, gelegen direkt an der Landestelle der Saseler Sonde.

Sondentyp: RS41-SGP
SN:P2531062
Frequenz: 402.7 MHz
Startstation: Sasel (WMOID:10141)
Flugdatum: 04.02.2020 12Z
Track  Bremen/eigene Daten
Landestelle Nostorf, LAT LON: 53.41061,10.66827 Google maps
Status: Suche erfolglos am 8.2.2020
Methode: Tawhiri-Prediction nach wetterson.de-Daten

Die Vorhersage der Landeprediction ist nicht allzu genau, aber die infrage kommenden Felder sind abgeerntet, übersichtlich und von Rehen bevölkert. Ich suche die Gegend weiträumig ab. Die Flugrichtung war geradelinig, allenfalls die Reichweite könnte fraglich sein. Nach einer Stunde bin ich recht sicher, dass da nichts mehr zu holen ist. Wahrscheinlich muss die Sonde mit einem großen Ballonrest heruntergekommen sein. So etwas ist auffällig,  und in den vergangenen 4 Tagen hatten Jäger, Bauern, Spaziergänger reichlich Zeit, das Ding einzusacken - alle diese Spezies sind heute reichlich unterwegs. Oder sie wurde von einem anonymen Sondenjäger geborgen, der in Radiosondy nichts einträgt. Ich gebe auf, immerhin ist der Weg noch weit, und ich will auch die letzte Sonde noch bei Tageslicht erreichen.

Weiter geht es nach Schwanheide. Das kennt jeder, der mal vor der Wende einen Transitzug nach Berlin (West)  benutzt hat. "SCHWANHEIDE,HIER IST SCHWANHEIDE, WILLKOMMEN IN DER DEUTSCHEN DEMOKRATISCHEN REPUBLIK". Bloß, dass außer DDR-Grenzern keiner ein- oder ausstieg. An dem Bahnhof steht noch der Plattenbau der alten Kaserne. Eine niegelnagelneue Unterführung unter der Bahn. Jetzt muss ich scharf abbiegen. Links ist schon der Wald mit der extrem kalten Sonde.

Soll ich die Kaltsonde im Wald wirklich suchen gehen? Priorität hätte die frische Sonde, die ich unbedingt noch bei Tageslicht suchen möchte. Für eine lange Suche im Wald ist keine Zeit. Aber vielleicht kann ich mal gaaanz kurz nachgucken. Die Neugier ist stärker als die Vernunft.

Sondentyp: RS41-SGP
SN: P0520245
Frequenz: 405.9 MHz
Startstation: Bergen (WMOID:10238)
Flugdatum: 08.05.2019 12Z
Timerkill: 5:00h
Track Bremen/Polen
Landestelle Schwanheide, LAT LON: 53.451095,10.716679 Google Maps
Status: gefunden am 9.2.2020,14:34Z
Methode: Tawhiri-Prediction auf Basis von radiosondy.info

Ich habe Glück: Ein auf der Karte nicht verzeichneter Weg geht exakt auf die vorhergesagte Landestelle im Kiefernwald zu. Hier parke ich mein Rad. "Landestelle wahrscheinlich etwas nördlich" hatte ich im Mai 2019 notiert. Hmmm, dann gehe ich doch mal bis zu dem Jagdstand da vorne. Ich schaue mich um. Fallschirm? Ballonrest? Fehlanzeige. Wahrscheinlich liegt die Sonde auch schon am Boden, und dann dürfte sie in dem dichten Heidelbeerenteppich schwer zu erkennen sein. Also lieber auf Fallschirme in den hohen Bäumen achten. Aber da sind keine. Ziemlich hoffnungslos, die Aktion. Besser aufgeben und schnell nach Greven fahren.

Aber das da ganz hinten, das ist doch merkwürdig. Da schwebt ein kleiner schneeweißer Punkt frei in der Luft und blinkt in regelmäßigen Abständen! Echt markant. Ein Blick durch den Feldstecher lässt keinen Zweifel: Das Blinklicht ist eine RS41, die in kommoder Pflückhöhe am Faden rotiert. Damit hätte ich nicht ernstlich gerechnet.


Der Faden geht über ein paar Nachbarbäume. Der Ballonrest da oben hängt völlig fest. Vom Fallschirm keine Spur.







Ich ziehe an der Schnur, die sofort ganz oben am Ballon abreißt. So kann ich zumindest die ganze Schnur  bergen. Die Sonde sieht 276 Tage nach der Landung erstaunlich frisch aus. Ein Test: Ja, sie startet, blinkt Error und verlischt: Batterie ist fast leer, und der Sensor hat wohl auch einen Hau. Eine echte Kaltsonde eben.




Frohgemut ob dieses unerwarteten Erfolgs laufe ich zurück zum Fahrrad, packe alles ein und mache mich auf den Weg. Ob ich in Greven genau so viel Glück habe?

Sondentyp: RS41-SGP
SN:  R2830740
Frequenz: 404.3 MHz
Startstation: Schleswig (WMOID:10035)
Flugdatum: 06.02.2020 0Z
Track  Bremen
Landestelle Greven, LAT LON:53.482792,10.784376 Google maps
Status: Suche erfolglos am 8.2.2019
Methode: Tawhiri-Prediction nach wetterson.de-Daten

Die Landestelle erreiche ich kurz vor Sonnenuntergang. Kurz gefasst: Ein Replay der Aktion in Nostorf. Die Prediction liegt genau auf dem Weg. In den Bäumen hängt nichts. Zwischen mir und dem Bauernhof liegt ein übersichtliches Maisfeld. Nichts. Auf der anderen Seite ist eine Weide. Um die genauer zu inspizieren, überquere ich einen kleinen Bach über einen Steg. Auf der Weide: Nichts. Weiter flugbahnaufwärts wieder ein Maisfeld. Auf den ersten Blick nichts. Wenn die Sonde kürzer geflogen wäre, könnte ich den Rest des Feldes besser auf dem Weiterweg erkunden, denn der führt genau daran vorbei. Auch dort: Nichts. Auch bei dieser Sonde war jemand schneller.

Den mir bekannten Hohlweg nach Langenlehsten kann ich noch in der hellen Dämmerung passieren. Venus leuchtet im Westen. Die letzten 10km nach Büchen lege ich in der Nacht zurück.

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